Eigentlich ist es ja ganz simpel: Um eine "Internetwirtschaft" aufzubauen, braucht man das Internet - und eine Fülle nützlicher Ideen, was die Leute damit anfangen sollen. Doch als überall die "New Economy" ausgerufen wurde, in den späten 90er Jahren, mangelte es noch an beidem. Kaum jemand hatte ausreichend schnelle Netzanschlüsse, Computer waren nur von technischen Talenten zu benutzen - und die guten Ideen? Es hat niemanden so recht gewundert, dass seit dem Technologie-Crash im Frühjahr 2000 allein in den USA 5000 Internetfirmen schließen mussten. Das Internet ist heute voll von virtuellen Friedhöfen für unausgegorene und gescheiterte Geschäftsmodelle: zum Beispiel www.businessplanarchive.org oder das bissige www.fuckedcompany.com .
Doch zum Jahresende 2003 gibt es kaum ein Wirtschaftsmagazin oder Branchennewsletter, ( www.vnunet.com/Features/1143714 , www.economist.com/theworldin/business/displayStory.cfm?story_id=2187144 , www.zeit.de/archiv/2002/43/200243_dotcom.xml , www.trendwatching.com/trends/2003/02/SECOND_COMING.html ), der nicht irgendwann in den vergangenen Monaten die "Rückkehr der Dotcoms" ausgerufen hätte. Alte Bekannte lassen die Anleger wieder aufhorchen: Der Branchenriese Google plant 2004 einen spektakulären Börsengang, der Verzeichnisdienst Yahoo! , der Online-Buchhändler Amazon und allen voran der Online-Flohmarkt eBay notieren schon wieder mit aberwitzigen Aktienkursen. "Investoren entdecken wieder das Potenzial von Onlinediensten", meldete kürzlich der Branchendienst Webmergers aus San Francisco - und verzeichnet eine Fülle von Neugründungen samt hoffnungsvollen Financiers. Ist das alles nur ein amerikanisches Phänomen? Von wegen: Der Lehrstuhl für Innovation an der Universität Kiel verfolgt seit ein paar Jahren eine Reihe profitabler Dotcom-Unternehmen im deutschen Sprachraum.
Tatsächlich: Das Internet hat sich seit dem Crash gewaltig ausgebreitet. Vernetzte Arbeitsplätze, ebenso vernetzte tragbare Computer, Breitbandleitungen ins Wohnzimmer, drahtlose Netzwerke, Mobiltelefone mit eingebauten Internet-Browsern sind alltäglicher geworden, vor allem in den USA; bessere Software mit weniger Systemabstürzen und ein allgemeiner Gewöhnungseffekt haben Jahr für Jahr neue Bevölkerungsgruppen an die Tasten gelockt. Einschlägige Marktforschungsgruppen wie Forrester , die Gartner Group oder der Technology Forecast der Beratungsfirma PriceWaterhouseCoopers haben das Jahr für Jahr dokumentiert. Viele glauben, dass nun eine kritische Masse für profitable Online-Shops und andere Dienstleister entstanden sei. Sie zählen 600 potenzielle Online-Konsumenten in aller Welt. Sie registrieren eine Flut "digitaler" Produkte wie MP3-Musikstücken, Klingeltönen fürs Handy, elektronischen Reisetickets und Datenbankauskünfte, die sich sowieso am besten online verkaufen ließen. Und sie glauben, dass Unternehmer und Anleger aus den 90er Jahren schlauer geworden sind. Haben die Optimisten recht?

Weihnachtsmann im Datenturbo

Im Internet-Pionierland USA zumindest sah es in den vergangenen Wochen ganz danach aus. Beim Christmas Shopping legten die Internet-Einkäufe nach den ersten Schätzungen wieder einmal um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Die Marktforschungsfirma Forrester glaubt, dass in Amerika bis zum Jahr 2008 schon ein Zehntel des Einzelhandels übers Internet ablaufen wird. Wenn das stimmt, stehen der Branche bald erneute, heiße Verteilungskämpfe bevor: Online-Handelsfirmen von Amazon, die angestammten Handelsfirmen ihre Geschäfte abjagen. Angestammte Handelsfirmen, die dank des Internets ihre eigenen Vertriebswege und Warenhäuser immer effizienter managen und kräftig dagegen halten. Angestammte Handelsfirmen, die Online-Ableger gründen und ihre traditionellen Geschäfte (und die der Konkurrenz) kräftig "kannibalisieren".
Spannend genug, aber viele amerikanische Weihnachtseinkäufer fanden in den vergangenen Wochen eine andere Shopping-Innovation viel interessanter: die virtuellen Einkaufshelfer. Firmen mit Namen wie Jazz Personal Management geben zur Adventszeit gerne den Auftrags-Shopper, der eine lange Einkaufsliste abarbeiten kann oder sogar selber die Geschenke aussucht. Neu ist, dass solche Firmen inzwischen immer häufiger als virtuelle Helfer auftreten, die Stundenpreise beginnen bei 30 Dollar. Sie nehmen ihre Aufträge per Email entgegen, shoppen je nach Wunsch im Internet oder persönlich in einer exklusiven Boutique, spüren seltene oder eigentlich ausverkaufte Gegenstände auf, kaufen und verkaufen Gegenstände beim Auktionshaus eBay, verpacken Geschenke und spielen den Weihnachtsmann. Und wenn Weihnachten erst vorbei ist, erinnern sie auf Wunsch auch selbstständig an anstehende Geburtstage oder Ehejubiläen.
Überhaupt gibt es außer dem Einkauf kaum noch etwas, das solche Cyber-Heinzelmännchen nicht erledigen - und dem Internet damit einen wirklich neuen Nutzen verschaffen. Manche Firmen beantworten auch Telefongespräche, organisieren Putzhilfen, schreiben Briefe, buchen Reisen, führen Geschäftskonten. Die Branche wächst so schnell, dass es in den USA schon einen Branchenverband namens International Virtual Assistants Association gibt und etliche weitere amerikanische, kanadische, britische Organisationen dieser Art. Die einen Assistenten bieten ihre Dienste Privatpersonen an, andere wie die Firma Les Concierges aus San Francisco sind vorwiegend für Firmen da, die ihren Mitarbeitern oder besten Kunden das Leben erleichtern wollen.
Manche Marktforscher wie Melinda Davis von der Next Group in New York sehen solche Helferlein als heißen neuen Wachstumsmarkt für 2004 und die folgenden Jahre: Überstunden, Stress und Terminnot gehen uns nämlich auch in der Next Economy nicht aus und ebnen den Weg in eine neue, großteils internetbasierte Servicegesellschaft.

Partner im Netz

Apropos Zeitnot: Elektronische Partnerschaftsvermittlungen für Ehebünde ( www.match.com ) und Seitensprünge ( www.seitensprung.de ) gehören schon länger zu den bewährtesten Geschäftsideen im Internet. Bislang funktionierten sie kaum anders als herkömmliche Vermittlungsagenturen mit Karteikarten und gewaltigen Datenschränken, doch das wird allmählich anders. So genannte "Soziale Netzwerkapplikationen" wie Tribe oder Friendster probieren Neues aus, analysieren ganze Netzwerke von Bekannten und Freunden und legen sie im Internet offen. So kann man einen potenziellen Partner vor dem Anbandeln erst mal ausspähen und sich gar Referenzen einholen. www.friendster.com hat schon Millionen Mitglieder.
Alles ganz unterhaltsam - doch viele Branchenexperten sagen voraus, dass wir erst den Anfang einer ganzen Welle von "Netzwerk-Applikationen" erlebt haben. Und dass künftige Anwendungen sehr viel ernster ausfallen als Online-Flirts. Die Firma Spoke Software aus Palo Alto vertreibt bereits Pilotsysteme, die die Email-Archive, Adressbücher und Kalender einer ganzen Firma automatisch erfassen können. Das verschafft dem Computer einen Überblick über "menschliche Netzwerke" im Betrieb, über die Beziehungen von Mitarbeitern zu anderen Firmen, über Bekanntenkreise, Interessen, Kenntnisse und Ideen. Es soll beim Finden von Geschäftspartnern oder neuen Mitarbeitern helfen, und Firmen wie Visible Path , LinkedIn , Ryze und ZeroDegrees buhlen längst um den gleichen Markt. Bleibt die Frage, die sich George Orwell gestellt hätte: Erweisen sich "soziale Netzwerktechniken" als virtueller Brutkasten für Geschäftsideen und Partnerschaften? Oder als großer Bruder im Internet?
Selbst wenn die Sache platzt, gehen die Ideen vom elektronischen Networking in die richtige Richtung: Neue, nützliche Anwendungen für all die Computer, Netzwerke und Datenbanken zu finden, die während der 90er Jahre aufgestellt wurden und sich noch längst nicht alle bezahlt gemacht haben. Wer ein weniger anspruchsvolles, ganz konkretes Beispiel sucht, kann sich einmal bei www.plaxo.com umtun. Diese Software erlaubt es, mit wenigen Arbeitsschritten das Adressbuch auf dem heimischen Computer in einen Teil eines intelligenten Netzwerks zu verwandeln. Das von nun an ein triviales aber zeitraubendes Problem löst: Es hält sich nämlich selbstständig über Änderungen von Emailadressen, Telefonnummern und Adressen auf dem Laufenden.

Vertraulich: Datensicherheit

Was gleich zum anderen großen Wachstumsfeld für die Dotcoms und Technologiefirmen des Jahres 2004 führt: Datenschutz. Weil Computer immer mehr Daten über uns sammeln und verwalten, werden sie immer interessanter für Datendiebe. Systemverwalter in aller Welt verleben gerade die heißeste Saison des Jahres, weil gelangweilte Kids sich erfahrungsgemäß gerne als "Christmas Cracker" engagieren und in anderer Leute Computer eindringen. Internetbenutzer, die gerade das Online-Shopping und das Homebanking entdecken, werden häufig gleich wieder von Berichten über Hacker, Spione, Viren, gestohlene Kreditkartennummern und Bankinformationen verschreckt. Und die Mehrzahl der eingehenden Emails ist inzwischen unerwünschte, so genannte Spam -Mail, wovon 13 Prozent als betrügerisch gelten.
Sprich: Die Sicherung von Daten ist schon jetzt ein gewaltiges Geschäft und wird es mit wachsenden Online-Umsätzen bleiben. Im Geschäft mit der Datensicherheit seien zuletzt 3,8 Milliarden Dollar umgesetzt worden, schätzt die Marktforschungsgruppe Gartner - und alle Prognosen setzen auf explosive Zugewinne. Bislang unbekannte Firmen wie F-Secure , Trusecure , Sophos oder Network Associates gehören jetzt zu den ersten Gewinnern der Next Economy : Sie alle bieten Produkte an, die ein Internet mit Sicherheitstüren und Schlössern, Alarmanlagen und Vorhängen schaffen.
Was ein kleines Paradox schafft - und weitere Wachstumsmärkte. Denn die Marktforscher sind sich auch einig, dass im Jahr 2004 die Online-Werbung weiter rasant zunimmt und immer größere Profite abwirft. Doch vorher gibt es ein paar Probleme zu überwinden. Die vielen Sicherheitsprogramme schützen nämlich die Privatsphäre der Surfer immer besser, und sie fischen nebenbei Werbebanner, Spam -Mails und störende, so genannte Pop-Ups aus dem Datenfluss, bevor sie auf dem Bildschirm erscheinen. So dürfte die Onlinewerbung zum Katz- und Mausspiel werden. Solche Methoden zur Internetwerbung werden gefragt sein, die die vielen Sicherheitsschranken durchbrechen - und das geht auf Dauer nur mit Werbung, die für die Surfer so interessant ist, dass sie sie wirklich sehen wollen und gar nicht erst filtern.
Ein Anfang waren die thematisch passenden Anzeigen, die bei Suchmaschinen wie Google oder Overture neben den Suchergebnissen erscheinen. Freilich: Die ersten Blockierprogramme werden auch schon gegen diese Technik verkauft: www.intermute.com/adsubtract/ .