Der Bundespräsident geht auf die letzte Strecke seiner Amtszeit (sie endet am 30. Juni des kommenden Jahres) - und das mit einer bemerkenswerten Selbständigkeit, selbst gegenüber dem Milieu, aus dem er kommt, dem deutschen Protestantismus. Im "Kopftuchstreit" um muslimische Lehrerinnen an deutschen öffentlichen Schulen hat er sich auf den Standpunkt gestellt: Was dem einen seine Kutte, ist der anderen ihr Kopftuch. Mit anderen Worten: Freiheit für alle, aber für alle gleich.

Damit widerspricht Johannes Rau der fast geschlossenen Korona der protestantischen Kirchenführer, die sich im Glauben (man darf ruhig sagen: in der Illusion) wiegen, sie könnten den Pelz behalten, ohne sich nass zu machen. Wiederum mit anderen Worten: Sie täuschen sich, wenn sie meinen, sie könnten die Präsenz christlicher Profile und Symbole an öffentlichen Schulen wahren, ein Gleiches aber den Muslimen verwehren. (Eine jüdische Kippa - sozusagen das Kopftuch des jüdischen Mannes - auf Lehrershäupten zu verbieten, würde niemand wagen, nicht wegen der allgemeinen Religionsfreiheit, sondern wegen der besonderen deutschen Geschichte.)

Versteht man den Bundespräsidenten richtig, oder besser: Hörten die protestantischen Kirchenführer aufmerksam auf ihn, dann vernähmen sie etwas ausdrücklicher denselben Tenor, den das jüngste einschlägige Urteil aus Karlsruhe kennzeichnete: Entweder alle drin oder alle raus - nämlich die religiösen Zeichen und Dimensionen in und aus der Schule. Also: Entweder halten wir den deutschen historischen Kompromiss der Religionsfreiheit an den Schulen in Freiheit für jeden und Gleichheit für alle durch - oder es hält auch in Deutschland der Laizismus Einzug, der sowieso um die europäische Ecke lugt. Merkwürdig, dass die protestantischen Kirchenoberen das so wenig verstehen wollen. Die katholischen deutschen Bischöfe sind darin klüger, ja sogar aus eigenem Interesse liberaler. Sie handeln (und schweigen zu diesem Thema) nach der Devise: Wir lassen uns doch wegen einer Muslimin nicht alle "Nönneckens" aus der Schule jagen.

Offenbar hat dies alles auch damit zu tun, dass der deutsche Protestantismus (und die meisten Protestanten) sich sowieso nicht mehr symbolisch präsent hält (und halten) im öffentlichen Bild. Man könnte fast den Verdacht schöpfen: Wer nichts symbolisieren will, hat auch wenig zu sagen. Nun gut, wer zumeist keine Symbole zeigt, meint vielleicht, er selber habe nichts zu verlieren, wenn den anderen deren Symbole verboten werden. Irrtum! Wenn die Symbole der anderen verschwinden, verliert auch die eigene Sache.

Vielleicht also lassen sich die protestantischen Oberhäuptlinge immerhin durch "ihren" Bundespräsidenten zum gesellschaftlichen Realismus ermahnen. Zu spät ist es ja immer noch nicht, auch wenn das Jahr schon zuende geht.

P.S.: Übrigens - aus diesem Anlass: Allen LeserInnen dieser Kolumne, mit oder ohne Kopftuch, Kippa oder Kruzifix, ein gutes Neues Jahr.