2010 Werden wir Gedanken lesen können?
Niels Birbaumer: Wahrscheinlich. Zumindest einfache Gedanken werden wir wohl entschlüsseln können.
die zeit: Wie soll das gehen?
Birbaumer: Ansatzweise gelingt uns das ja schon heute. Dazu misst man die elektrischen Impulse direkt in der Gegend der Nervenzellen und lässt sie dann von einem Computerprogramm zur Mustererkennung untersuchen.
zeit: Damit können Sie aber nur solche Gedankenmuster identifizieren, die schon bekannt sind.
Birbaumer: Ja. Die Voraussetzung ist, dass das Muster dieses speziellen Gedankeninhalts schon im Computer abgespeichert wurde, sonst kann der Rechner es nicht wiedererkennen.
zeit: Bislang kann man auf diese Weise doch nur feststellen, ob und wie bestimmte Hirnareale aktiv sind. Über den Inhalt der dabei entstehenden Gedanken sagt das noch nichts aus.
Birbaumer: Nein, primitive Inhalte können wir durchaus erkennen. Dieses Prinzip wird in Zukunft natürlich noch verfeinert werden, indem wir die elektrischen Signale möglichst direkt an der Hirnrinde messen. Das scheint nicht unmöglich. Erste Experimente, die in diese Richtung gehen, wurden soeben veröffentlicht.
zeit: Welche „einfachen Gedanken“ wollen Sie auf diese Weise wiedererkennen?
Birbaumer: Als „einfach“ bezeichne ich alle wiederholbaren Gedanken, die jedes Mal auf dieselbe Weise ablaufen. Zum Beispiel: Ich gehe dorthin. Ich habe Hunger. Mir ist kalt.
zeit: Aber komplexere Gedanken wie zum Beispiel „Ich liebe die Grübchen in den Wangen meiner Freundin“ werden Sie doch auf diese Weise nie entschlüsseln können.
Birbaumer: Warum nicht? Das Prinzip wäre nicht sehr viel anders. Das Problem mit solchen Gedanken ist nur, dass sie in der Tiefe jener Hirnregionen angesiedelt sind, die für Gefühle zuständig sind, etwa im limbischen System. Sie sind also gewissermaßen anatomisch weiter entfernt. Aber wenn wir die „systemische Hirnforschung“ gezielt fördern, sollten wir in nicht allzu langer Zeit auch solche Gedanken entschlüsseln können.
Niels Birbaumer, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltens-Neurobiologie der Universität Tübingen
- Datum 31.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2003 Nr.2
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