Akademiker Flucht in die Promotion
In der Krise steigt die Zahl der Akademiker, die eine Doktorarbeit schreiben wollen. Einigen gelingt damit der Einstieg in die wissenschaftliche Laufbahn. Doch viele wären mit einem Praktikum besser bedient
An der Uni wird Christian Thierfelder öfter mal schief angeschaut. Dabei gibt er nur offen zu, was viele Doktoranden lieber verschweigen: dass das mit der Promotion eine Verlegenheitslösung war. Dass er die nicht untersucht hat, um herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält, sondern weil er keinen Job gefunden hat, draußen auf dem Arbeitsmarkt. „Nach dem Diplom wollte ich eigentlich nicht promovieren, sondern etwas Richtiges machen, arbeiten und Geld verdienen eben“, sagt Thierfelder. Deshalb schrieb der junge Agrarwissenschaftler Bewerbungen an Entwicklungshilfeorganisationen und Consulting-Firmen. Etwa 30 Stück waren es, doch niemand wollte ihn. „Es gab überhaupt keine Möglichkeit, mit meiner Ausbildung irgendetwas zu werden in Deutschland“, erinnert sich Thierfelder. Also entschloss er sich dazu, eine Doktorarbeit zu schreiben, und bemühte sich bei verschiedenen Stiftungen um Fördermittel. Nicht der hehren Wissenschaft, sondern seinem Girokonto zuliebe.
Aus der Promotion, sonst akademisches Sahnehäubchen auf dem Lebenslauf, wird in der Krise ein Notnagel. „Ein Großteil der Promotionen, die im Moment gemacht werden, sind gar nicht durch inhaltliche Motivation zustande gekommen, sondern einfach aufgrund der schlechten Arbeitsmarktlage“, sagt Karl Bosshard, Partner bei der Personalberatungsfirma Kienbaum. So wie Christian Thierfelder vor drei Jahren geht es heute vielen Absolventen: Immer mehr Betriebswirte, Juristen, Geografen und Philosophen entscheiden sich für eine Doktorarbeit, um der Arbeitslosigkeit fürs Erste zu entgehen. Und weil auch an den Universitäten die Stellen knapp sind, sind Promotionsstipendien heiß umkämpft. „So drastisch wie jetzt die Bewerberzahlen hochgehen, das hatten wir noch nie“, sagt Hans-Ottmar Weyand, der die Promotionsförderung der Studienstiftung des deutschen Volkes leitet. Rund 1200 Absolventen haben sich in den ersten zehn Monaten dieses Jahres beim größten deutschen Begabtenförderungswerk um ein Promotionsstipendium beworben. Das sind etwa doppelt so viele wie in den Jahren 1999 und 2000. Nur 290 von ihnen konnten in die Förderung aufgenommen werden. Weil man der Flut von Interessenten kaum noch Herr wird, hat die Studienstiftung einen Bewerbungsstopp ausgerufen. Bis mindestens April dieses Jahres können sich nur noch solche Doktoranden für ein Stipendium bewerben, die bereits während ihres Studiums von der Studienstiftung gefördert wurden.
„Warm über den Winter kommen“
Andere Stiftungen melden ebenfalls einen drastischen Anstieg der Bewerberzahlen. Zurzeit gebe es viele Bewerber, die für die Begabtenförderung nicht infrage kommen, von den Hochschullehrern aber trotzdem unterstützt würden, berichtet Reineke Schmoll-Eisenwerth von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. „Die schreiben freundlich ihre Gutachten, aber wenn man das genau liest, heißt das: Wenn ihr gerade Geld habt, könnt ihr’s machen.“ Schmoll-Eisenwerth sorgt dafür, dass „die Qualitätsstandards eingehalten werden“. Denn es gibt im Moment „viele, die lieber mit einem Stipendium zweimal warm über den Winter kommen wollen, als auf der Straße zu sitzen“.
Auch Grit Uhlig macht sich Gedanken um die nächste Heizkostenrechnung. Die Lehramtsstudentin aus Berlin steckt mitten in ihren Prüfungen für das erste Staatsexamen. Chancen auf ein Referendariat rechnet sie sich nicht aus. Trotz Lehrermangel reichen die Stellen für Referendare in Berlin bei weitem nicht aus. Was bleibt, sind Wartelisten und die Garantie, dass man nach 30 Monaten einen Anspruch auf eine Referendarsstelle hat. „Ich will doch nicht drei Jahre lang nichts tun“, sagt Uhlig. Sie könnte in ihren alten Beruf als Krankenschwester zurückkehren. „Aber vom Studium zurück ins Krankenhaus? Damit hätte ich ein Problem.“ Denn Grit Uhlig hat Sonderpädagogik und Germanistik studiert, um Lehrerin zu werden. Nun möchte sie die Zeit bis zum Referendariat mit einer Doktorarbeit überbrücken. Schließlich hat ihr die Examensarbeit zum Thema Sprachbehinderung bei Kindern großen Spaß gemacht. Eine Professorin hat Uhlig bereits angeboten, sie zu unterstützen. Und wer weiß, eventuell zahlt sich der Titel irgendwann noch aus: „Vielleicht will ich später ja auch mal Schuldirektorin werden.“
Bernhard Hohn, Experte für den Akademikerarbeitsmarkt in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn, warnt davor, die Promotion allgemein als Instrument zum Überbrücken der Krise zu begreifen. „Oft ist es besser, ein Praktikum oder einen praxisbezogenen Aufbaustudiengang zu machen“, sagt er. Darüber, was eine Promotion für die spätere Karriere bringt, streiten sich die Experten. Zu alt, zu eigenbrötlerisch und praxisfern seien Doktoren, sagen die einen. Hoch qualifiziert und leistungsstark nennen sie dagegen die anderen. Der Berufs- und Hochschulforscher Jürgen Enders hat festgestellt, dass Promovierte im Schnitt etwas seltener von Arbeitslosigkeit betroffen sind als andere Hochschulabgänger. Und die Personalberatung Kienbaum errechnete, dass Mitarbeiter in leitenden Funktionen durchschnittlich zwischen 7000 und 8000 Euro mehr im Jahr nach Hause bringen, wenn sie den Doktortitel haben. Auch Berufseinsteiger verdienen mit Titel oft ein paar tausend Euro mehr im Jahr, wie eine Auswertung der Vergütungsberatung Personalmarkt.de ergab. Wer an der Hochschule bleiben möchte, kommt an der Promotion ohnehin nicht vorbei. Mittlerweile ist sie auch für Mediziner, Chemiker und Biologen fast ein Muss.
Doch Absolventen, die eine Absage nach der anderen kassiert haben, beschäftigen andere Fragen. Nach dem zehnten unbezahlten Praktikum geht es erstens wirklich ums Geld. Und zweitens darum, nicht aufzugeben. Da kann ein Promotionsstipendium nicht nur finanziellen Halt bieten. „Die Menschen haben ein Anrecht auf eine Perspektive, und die kann eine Promotion bieten“, sagt Karl Bosshard von Kienbaum. Er rät Absolventen in der gegenwärtigen Krise auch deshalb zu einer Doktorarbeit, weil es für junge Leute wichtig sei, eine Beschäftigung zu haben, mit der sie sich identifizieren können. Für einige Absolventen sei es sogar ein Glücksfall, dass die wirtschaftliche Lage im Moment so schlecht ist. „Weil sie das Potenzial dazu haben, wissenschaftlich Gutes zu leisten, und das nicht machen würden, wenn sie wie im Jahr 2000 von einem großen Konzern oder einer Beratungsgesellschaft weggekauft würden.“ Allzu gemütlich darf man es sich beim Überwintern an der Uni allerdings nicht machen: Mit 28 bis 30 Jahren solle das Projekt Promotion abgeschlossen sein, rät der Berater.
Die beste Entscheidung des Lebens
Christian Thierfelder ist jedenfalls froh, dass er sich nach dem Diplom für die Doktorarbeit entschieden hat – wenn auch nur, weil ihm damals nichts anderes übrig blieb. Dank der finanziellen Hilfe des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Eiselen-Stiftung aus Ulm konnte der Agrarwissenschaftler zweieinhalb Jahre Feldforschung in Kolumbien betreiben. Die Doktorarbeit hat ihm so auch zu Auslandserfahrung und Spanischkenntnissen verholfen. Die Promotion sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen, sagt er heute. Nicht wegen des Titels, der jetzt vor dem Namen steht. „Das Wichtigste war die Erfahrung, in einer begrenzten Zeit ein Thema selbstständig zu bearbeiten und die Energie aufzubringen, das durchzuziehen, auch wenn es mal schwierig wird.“ Und obwohl Thierfelder am Anfang mit der Doktorarbeit einfach nur die eigene Existenz sichern wollte, ist aus ihm ein begeisterter Forscher geworden. Im kommenden Jahr wird er als Mitglied eines internationalen Teams das nächste Projekt in Angriff nehmen: die „Verbesserung der Annahme von Minimalbodenverarbeitung“ in Zimbabwe.
- Datum 11.10.2007 - 12:17 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2003 Nr.2
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