Das WachstumsrätselDie Kraft, die Wohlstand schafft

Warum wächst die Wirtschaft nirgendwo so schnell wie im ostdeutschen Teltow-Fläming? Warum kämpft Flensburg mit der Dauerkrise? Eine Spurensuche von  und wolfgang Gehrmann

[Komplette Tabelle (800 Kb)]

Flensburg schrumpft

Der Oberbürgermeister ist nicht warm genug angezogen – wahrscheinlich, weil sich dieser Termin heute erst überraschend ergeben hat. Jedenfalls friert Hermann Stell merklich in seinem kurzen Trenchcoat. Er steht vor dem Eingang des Rathauses, die Temperatur liegt knapp über null Grad, von der Förde kriecht Feuchtigkeit herauf.

Aber Stell hält das aus, die Kälte und alles andere. Seit einer halben Stunde recken ihm 60 Menschen ungelenk beschriftete Demo-Pappen entgegen. Darauf steht zum Beispiel: "Wieviele Arbeitsplätze werden in Flensburg noch vernichtet?" Die Menschen wissen seit gestern, dass ihre Firma Fahrzeugwerke Nord (FWN) im nächsten Sommer schließen wird. Zum Protest sind sie vor das Rathaus gezogen. Der Oberbürgermeister hat ihnen eine kurze Rede gehalten. Möglicherweise, voraussichtlich, wahrscheinlich, hat er gesagt, wird FWN geschlossen. Wir haben das kommen sehen. Lasst uns gemeinsame Anstrengungen unternehmen, wenigstens Teile von FWN zu erhalten. Wir werden reden mit denen in Berlin, mit dem Verteidigungsminister, der die Aufträge für die Instandsetzung des Spürpanzers Fuchs bei FWN gestrichen hat. Und mit denen in München bei MAN, der Muttergesellschaft.

Anzeige

Als die demonstrierenden Arbeiter mittags angerückt waren, hatte Stell oben in seinem Büro nur zehn Minuten gebraucht, um sich Worte zurechtzulegen. Er ist geübt darin. Oft musste er in jüngster Zeit zu Bürgern sprechen, denen Arbeitslosigkeit drohte. Neulich bei Motorola. Davor bei der Flensburger Fahrzeugbau-Gesellschaft. Noch früher bei der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft.

Flensburg hat harte Jahre hinter sich. Die Stadt am nördlichen Rand der Republik ist einer der großen Verlierer der deutschen Vereinigung und der wirtschaftsgeografischen Veränderung, die damit einherging. "Links und rechts von uns sind nicht Märkte, sondern Meere", sagt Klaus Matthiesen, Chef der Wirtschaftsföderung, "und die staatlichen Mittel, die diesen Standortnachteil früher ausgeglichen haben, sind in die neuen Bundesländer umgelenkt worden." Um Industrien, die auf Transportkosten achten müssen, braucht er sich nicht mehr zu bemühen. "Sogar die Dänen, die früher in Richtung Süden den Weg über Flensburg nahmen, operieren jetzt lieber auf der Achse Kopenhagen–Rostock", sagt er.

Vor allem hat der Abbau der Bundeswehr nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation die Stadt getroffen – dass gerade die Panzerinstandsetzung bei FWN zur Disposition steht, ist ein Nachbeben. Seit 1997 sind aus Flensburg 6600 Soldaten abgezogen worden, meist besser bezahlte Längerdienende. Zudem wurden 1000 Ziviljobs bei den Streitkräften gestrichen. In einer Stadt von 85000 Einwohnern fällt das ins Gewicht. Der Zusammenbruch der örtlichen Rum-Industrie mit 300 Mitarbeitern, den Matthiesen der neuen Promillegrenze von 0,5 im Jahre 2001 zuschreibt, ist da eine Kleinigkeit.

Anfangs wurden die Verluste an Arbeitsplätzen, Kaufkraft und städtischem Steueraufkommen noch kompensiert, weil sich der Mobiltelefonhersteller Motorola durch Landesmittel nach Flensburg hatte locken lassen. Mitte der neunziger Jahre waren dadurch 5000 neue Jobs entstanden. Doch die Amerikaner müssen ihre Investition als Irrtum begriffen haben – sie haben sich kontinuierlich wieder zurückgezogen. Zu Beginn des Jahres bauten sie 600 Stellen ab und beschäftigen nun bloß noch 1200 Leute. Dass Motorola auf Dauer bleibt, glauben nur Berufsoptimisten.

Service