Und der Verlierer ist… Deutschland! Kaum eine Aussage haben Politiker, Ökonomen und Journalisten in diesem Jahr so oft wiederholt. Denn in fast allen Industrieländern ist die Wirtschaft seit 1990 stärker gewachsen als in der Bundesrepublik. Das einst reiche Land scheint im Abstieg begriffen. Briten, Holländer, Österreicher, sogar die Iren – sie alle verzeichnen inzwischen ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als die Deutschen. Norweger, Isländer oder Amerikaner sind schon seit langem enteilt. Ihnen geht es besser als uns.

Wirklich? Wohl keine Zahl beeinflusst die wirtschaftspolitische Debatte so stark wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und sein Wachstum. Aber bedeutet ein höheres BIP tatsächlich mehr Wohlstand für alle? Und bedeutet mehr Wohlstand auch ein besseres, längeres Leben in einem schöneren Land?

Das BIP misst den Wert sämtlicher in einem Land innerhalb eines Jahres produzierten Güter und Dienstleistungen. Als Gegenleistung werden Löhne an Arbeiter und Gehälter an Unternehmer gezahlt, wodurch der auf den einzelnen Einwohner heruntergerechnete Wert (BIP pro Kopf) Rückschlüsse auf das durchschnittlich erzielte Einkommen erlaubt.

Allerdings beschreibt das BIP pro Kopf nur ansatzweise, wie gut es sich in dem jeweiligen Land leben lässt.

In den USA etwa bricht bei jedem Schneesturm das öffentliche Stromnnetz zusammen – trotz konstant hoher Wachstumsraten des BIP ist die Infrastruktur schlechter als in Deutschland. Das Pro-Kopf-Einkommen sagt eben nichts darüber aus, wofür die Einkommen verwandt werden, ob für den Bau von Krankenhäusern, Autobahnen oder Zigarettenmaschinen. Ein weiteres Manko: Der Durchschnittswert BIP pro Kopf vernachlässigt völlig, wie die Einkommen innerhalb der Gesellschaft verteilt sind. In Brasilien etwa besitzen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung 65-mal mehr als die ärmsten zehn Prozent (siehe Grafik) – welche Aussagekraft hat da das durchschnittliche Einkommen?

Kein Wunder also, dass eine steigende Zahl von Wirtschaftswissenschaftlern nach alternativen Indikatoren für den Zustand eines Landes sucht. Dabei geht es ihnen vor allem um zwei Fragen. Erstens: Wie entwickeln sich ärmere Länder? Zweitens: Wie gut geht es den Menschen in den reichen Industrienationen – in jenen Ländern also, in denen viel von Sozialreformen und Verzicht die Rede ist?

Um die erste Frage besser beantworten zu können, veröffentlichen die Vereinten Nationen den so genannten Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, HDI), der neben dem Pro-Kopf-Einkommen auch die Bildung und die Lebenserwartung berücksichtigt (siehe Grafik). So soll er ein möglichst umfassendes Bild der Lebenschancen in dem jeweiligen Land zeichnen.

Tatsächlich aber reicht dieser Index nicht weit genug. "Der HDI ist sinnvoll, wenn es darum geht, ein armes Land von einem mit vielen McDonald’s-Restaurants zu unterscheiden", spottet der britische Wirtschaftsforscher Andrew Oswald von der Universität Warwick, "die feinen Unterschiede innerhalb der prosperierenden Länder erfasst er nicht." Tatsächlich liegen die Industrieländer im HDI nah beieinander. Bei der Beantwortung der zweiten Frage – Wie gut geht es den Menschen eines reichen Landes wirklich? – hilft der HDI kaum weiter.