Aufklärung ist eine Metapher. Die darin enthaltene Metapher des "Lichts" lässt sich unterschiedlich verwenden. Sie kann Freidenkerei, Rationalität und Humanität bedeuten. Aber sie kann auch eine andere Bedeutung sinnfällig machen. In der islamischen Welt lautet die Frage: Brauchen wir eine von außerhalb unserer Kultur kommende Aufklärung? Die meisten werden antworten: "Wir haben unsere eigene Aufklärung, die der Islam vor ungefähr 1500 Jahren einleitete und in der ganzen Welt verbreitete. Der Islam ist eine Religion der Aufklärung. Die Muslime brachten der ganzen Welt die aufklärende Macht des Islams; sie machten die Welt mit der Aufklärung bekannt, während sich Europa im Mittelalter befand."

Im Diskurs des zeitgenössischen politischen Islams ist die westliche Aufklärung im Vergleich zur islamischen Aufklärung als "Finsternis" bezeichnet worden; sie sei nicht nur sehr gefährlich, sondern teuflisch. Die wesentlichen Begriffe, die mit der Aufklärung zusammenhängen – Redefreiheit, Gedankenfreiheit und die Freiheit akademischer Forschung – werden nicht vorbehaltlos begrüßt. Sie dürfen nur sparsam verwendet werden, um mit islamischen Werten vereinbar zu sein.

Einem sehr einflussreichen islamistischen Autor zufolge muss es geschützte Gebiete geben, genauer gesagt "Sicherheitszonen", die nicht im Bereich intellektueller Diskussionen oder akademischer Forschung liegen. Diese Sicherheitszonen sind durch die Religion vor jedem Denken geschützt. Es handelt sich um die nicht bestreitbaren und unbezweifelbaren Glaubenssätze. Akademische Freiheit, Gedankenfreiheit und Redefreiheit sind nur so lange garantiert, wie sie diese Grenzen nicht überschreiten oder eine Idee berühren, die dem nahekommt, was als "absolute Wahrheit" bezeichnet wird.

Was als "wahrer" islamischer Glaube ausgegeben wird, ist jedoch die Interpretation einer bestimmten theologischen Schule, der "orthodoxen". Andere theologische Schulen in der Geschichte islamischen Denkens vertraten eine eher rationale Interpretation, werden aber ignoriert. Die orthodoxe Theologie wurde im Laufe der Geschichte von den meisten muslimischen Staaten einfach deswegen als politische Ideologie übernommen, weil sie den "Gehorsam" als religiöse Pflicht betont. Die politischen Herrscher vereinen damit auf subtile oder explizite Weise politische und religiöse Autorität in einer Hand. Da alle Arten von Freiheit die Diktatur gefährden und dem geistigen Absolutismus Widerstand leisten, werden die Ausdrücke Gedankenfreiheit, Säkularismus und Aufklärung mindestens mit Vorsicht betrachtet, wenn sie nicht rundheraus verworfen werden, weil sie allesamt Hervorbringungen westlicher Kultur und europäischer Zivilisation sind, die den Grundlagen islamischer Zivilisation und Kultur elementar widersprächen. Andernfalls würden die Muslime ihre Identität verlieren und von ihren historischen Feinden nicht nur beherrscht und manipuliert, sondern absorbiert werden. Um gewöhnliche Muslime davon zu überzeugen, dass sie keine andere Chance haben, als an der reinen islamischen Identität festzuhalten, werden der Koran und die Traditionen des Propheten Mohammed zur einzigen Quelle des Lichts und damit zur alleinigen Quelle der Aufklärung erklärt.

Das Äquivalent des arabischen Wortschatzes für Licht ist nûr, eine Vokabel, die im Koran mitsamt seiner Herleitung mehr als 45-mal erwähnt wird. Das Licht wird adjektivisch sowohl der Bibel als auch dem Koran zugeschrieben. Alle diese Schriften sind Gottes Licht und Führung für den Menschen. Das Kapitel 24 des Korans, wo Gott als "Licht der Himmel und der Erde" beschrieben wird, trägt den Titel Licht. Die poetische Struktur dieses Gottesbildes war Gegenstand theosophischer und mystischer Interpretationen und stiftete den Begriff "islamischer Aufklärung". Sie wird von der rationalen Theologie der so genannten Mutasiliten verkörpert. Mutasiliten waren Muslime, die sich im 9. Jahrhundert von den herrschenden Diskursen absonderten. Sie entwickelten eine Reihe erkenntnistheoretischer Prinzipien, um ein rationales Verständnis und eine rationale Deutung der Welt, des Menschen, Gottes und seiner Offenbarung zu gewährleisten.

Das erste Prinzip besagt, dass die Erkenntnis von dieser Welt auszugehen hat. Wir können von der anderen, "ungesehenen, metaphysischen" Welt nur sprechen aufgrund von Hinweisen, die uns von der offensichtlichen Realität dieser "gesehenen" Welt geliefert werden.

Das zweite Prinzip besagt, dass alle Menschen, gleich welcher Rasse, Hautfarbe, Religion, Sprache oder Kultur, mit dem notwendigen Erkenntnisvermögen, dem "notwendigen Intellekt" ausgestattet sind. Sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der Fähigkeit, durch Reflexion von der Ebene notwendigen Wissens zur Ebene erworbenen Wissens fortzuschreiten. Dieser Akt der Reflexion besteht entweder in Deduktion oder Induktion, das heißt in der Untersuchung von Beweisen oder Indizien.

Gott zu erkennen ist eine religiöse Pflicht. Die Gotteserkenntnis ist auch das allerhöchste Ziel intellektueller Reflexion. Gott stattete den Menschen mit Intellekt aus, das heißt, er befähigte ihn zur Reflexion, damit er unabhängig von der göttlichen Offenbarung wahre Erkenntnis über Gott erlangen kann. Gott und seine Attribute können nur durch Reflexion und erworbenes Wissen erkannt werden, nicht durch unmittelbares oder geoffenbartes Wissen.