Seit dem Beginn der Neuzeit hatten die Iraner zwar die verschiedensten europäischen Erzeugnisse kennen gelernt und – aufgrund der dauernden Bedrohung durch die türkischen Osmanen – auch versucht, an neue Kriegswaffen wie Kanonen und Gewehre heranzukommen, aber bis in die jüngsten Perioden hinein haben sie niemals ihr Augenmerk auf die theoretischen Grundlagen der westlichen Wissenschaften und Techniken gerichtet.

In ihrem Denken genoss der praktische Nutzen stets Priorität. Eine Erkenntnis, die nicht unmittelbar zum praktischen Nutzen führte, schien ihnen fern jeglicher Vernunft gelegen zu sein. Darüber hinaus zögerten sie auch, ohne weiteres jene westliche Philosophien zu adaptieren, die losgelöst vom christlichen Glauben existierten. In dieser Hinsicht hegten sie einen Verdacht gegen fremde Missionare jeder Art und zeigten beim Umgang mit ihnen äußerste Vorsicht.

Zum ersten Mal wurde in der Kadscharen-Zeit auf Befehl des ehemaligen französischen Konsuls in Teheran, des Conte de Gobineau, der Discours de la Méthode Descartes’ ins Persische übertragen und im Jahre 1862 veröffentlicht. Diese Übersetzung wurde niemals benutzt, weil der persische Text unverständlich formuliert worden war. Nach etwa vier Jahrzehnten wurden in einem Kurztext am Ende des Buches Badaje ol-hekam (geschrieben 1889, erschienen 1896 nach dem Tod des Autors) zum ersten Mal neben Descartes auch die Namen anderer westlicher Denker der Neuzeit erwähnt, wie zum Beispiel Immanuel Kant. Wegen seiner historischen Bedeutung versuche ich an dieser Stelle, näher auf das genannte Buch einzugehen:

Badajeol-hekam enthält eine Reihe von philosophischen Antworten, die der damalige große Gelehrte Agha Ali Sonousi auf sieben Fragen des Kadscharen-Prinzen, Badi ol-Molk Mirsa, erteilte. In der letzten Frage werden die Namen von Kant und einer Reihe anderer westlicher Denker der Neuzeit erwähnt. Theoretisch ist der Zusammenhang zwischen der siebten Frage und den restlichen sechs Fragen zwar nicht eindeutig erkennbar, aber da diese Fragen sich im Großen und Ganzen um Begriffe wie Raum und Zeit drehen, das Umgeben und das Umgebensein in der Welt, Leere und Fülle, das Endliche und das Unendliche, Entstehung und Ewigkeit – und darüber hinaus auch mit anderen Erkenntnissen über die geistigen, wissenschaftlichen und philosophischen Aktivitäten des Badi ol-Molk Mirsa übereinstimmen – kann man mit Sicherheit behaupten, dass Agha Ali Sonousi in beschränktem Maße über Kenntnisse einiger Kantscher Fragen verfügte, wie zum Beispiel die Antagonismen der reinen Vernunft, insbesondere aber über die Newtonsche Physik und deren Grundlagen.

Daher kann man Badaje ol-hekam in gewisser Hinsicht als eine Art Untersuchung der kontrastiven Philosophien der "iranisch-islamischen" Tradition und der neuen westlichen Philosophien bezeichnen. Obwohl die Antworten Agha Ali Sonousis oft auf die Grundlagen der traditionellen iranisch-islamischen Philosophien zurückverweisen, ist doch ersichtlich, dass Badi ol-Molk Mirsa im Licht seiner Absichten die neuen westlichen Philosophien mit besonderem Interesse ins Auge gefasst hat.

Im Vorfeld sowie nach der Konstitution Irans, aber auch während der Ereignisse am Anfang des 20. Jahrhunderts, die die Gründung des Iranischen Nationalrates nach sich zogen, kommt Kant in den Schriften der Intellektuellen zwar nicht so oft vor wie Voltaire (wegen der Bekämpfung des Aberglaubens) oder Montesquieu (wegen des Gefühls, neue Gesetze seien dringend erforderlich), aber hie und da wird Kant als Philosoph der Moderne erwähnt. Bei diesen Schriften handelte es sich jedoch noch nicht um Fachtexte, und die gelegentliche Erwähnung Kants machte die Gesellschaft auf eine eher oberflächliche Weise mit seinen Ideen bekannt.

Wie alle anderen westlichen Philosophen der Neuzeit wurde Kant zum ersten Mal durch Mohammad Ali Foroughis dreibändiges Werk Die Entwicklung der Philosophie in Europa (1930–1940) offiziell vorgestellt – im zweiten Band dieses Werkes auf 77 Seiten. Nach mehr als einem halben Jahrhundert bietet dieses Werk immer noch einen guten Zugang zu Kants philosophischen Fragen.

Mit Gründung der nach europäischem Vorbild organisierten Universität Teheran im Jahre 1934 und nach der Einrichtung eigener Lehrstühle für Literatur, Pädagogik, Philosophie und Rechtswissenschaften wurden die neuen westlichen Philosophien stärker beachtet. Im Laufe der Zeit – mit der Einführung der Geisteswissenschaften und der Unabhängigkeit der Philosophie als einer selbstständigen Disziplin – wurde das neue westliche Denken mit besonderer Berücksichtigung von Kant und Descartes unterrichtet.