Kant „Sitzt, passt, wackelt und hat Luft“
Ein Gespräch mit Alexander Kluge über den poetischen Hausvater Kant, den geistigen Gartenbau und ein neues Motto für die alte Tante Aufklärung
Alexander Kluge: Ich habe mal einen Film über einen Kantianer gemacht, einen Wiener Doktor, der einen Schrotthändler zu behandeln hatte. Der klaubte die Munition, die die Japaner in China verschossen, von den Schlachtfeldern zusammen und transportierte sie nach Japan zurück, damit alles erneut in Munition verwandelt und verschossen werden konnte. Die Talion – Gleiches mit Gleichem – wendet der Doktor nun so an, dass er den entzündeten Blinddarm herausnimmt und dem Patienten das Leben rettet. Doch dann deponiert er ihm ein kleines infiziertes Zigarettenstanniolpapier in die Wunde – damit dem Schrotthändler an Schrott geschehe, was sein Schrott wert ist. Das wäre Kant.
die zeit: Nein! Kant würde sich doch nicht um eines Prinzips willen so aufspielen. Das wäre selbstgerecht, und welche Maxime sollte…
Kluge: Dann habe ich eine zweite Geschichte für Sie. Wenn ein Volk beschlösse, eine Insel zu verlassen, auf der es bisher lebte, und müsste noch den letzten todeswürdigen Verbrecher hinrichten, weil es sonst die Schuld mit sich in die neue Heimat nähme… Das ist auch Kant.
zeit: Das ist bösartig.
Kluge: Ihm das zuzuschreiben?
zeit: Ja! Er würde erst einmal eine große Debatte anzetteln. Über der würden alle ermatten. Und so würde sich die Hinrichtung – auch die Auswanderung – ständig verschieben, weil es keine Mehrheiten gäbe und man in Zweifel geriete.
Kluge: So sehen Sie es. Und so wünsche ich es mir. Aber der Cousin siebten Grades von Kant, der als Berater von Robespierre im Wohlfahrtsausschuss Sekretär war, der würde das anders sehen.
- Datum 31.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2003 Nr.2
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