Kant Im Fegefeuer der Kritik

Die Hoffnung der Vernunft und der religiöse Glaube schließen sich nicht aus

Kants Beantwortung der Frage: „Was ist Aufklärung?“ ist sehr entschieden und manchmal ausgesprochen sarkastisch. Es ist eine antiabsolutistische Sprache, die davon ausgeht, die geistige Freiheit der Individuen sei das Vehikel aller weiteren Fortschritte. So ist Kant trotz der Zugehörigkeit zum republikanischen Flügel der europäischen Aufklärung nicht minder skeptisch im Blick auf die Revolution: Nicht Revolution, die nur neue Vorurteile mit den alten vereinigen würde, sondern die „wahre Reform der Denkungsart“ ist das entscheidende Instrument. In diesem Begriff der Aufklärung ist das intellektuell-theoretische Element eng mit dem primär moralischen Argument verbunden. Schlüsselwort ist dafür bis heute die „Mündigkeit“.

Das freie Denken der Amtsträger

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Es ist eine skeptische Methode. Wenn man sich der eigenen Vernunft bedienen will, dann muss man stets fragen, ob man das, was man tun oder annehmen möchte, auch zum allgemeinen Grundsatz des menschlichen Vernunftgebrauchs machen kann. Darum kommt es Kant nicht nur auf das Selbstdenken an, als den obersten Probierstein der Wahrheit. Das freie Denken muss sich auch, gerade bei Amtsträgern ganz unterschiedlicher Art, im öffentlichen Gebrauch der Vernunft zeigen. Gegenüber diesem Selbstdenken ist der Mensch immer wieder zu Faulheit und Feigheit verführt: „Es ist zu bequem, unmündig zu sein.“ Kant benutzt ein Wort der Kindersprache des 18. Jahrhunderts, wenn er sagt, die unselbstständigen Menschen seien wie in einem „Gängelwagen“ eingeschlossen.

Kant hat viel Verständnis für diesen unmündig gebliebenen Menschen, auch wenn er ihn leidenschaftlich verändern möchte. Man hat nämlich den Menschen den Versuch wirklicher Befreiung zur Mündigkeit nicht machen lassen. Satzungen und Formeln wurden zu „Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit“. So gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, sich durch eigene Bearbeitung ihres Geistes aus der Unmündigkeit zu befreien und dennoch einen sicheren Weg zu finden. Es liegt an mangelndem Mut und fehlender Entscheidungskraft, sich der eigenen Vernunft „ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Deswegen heißt der Wahlspruch der Aufklärung auch im Anschluss an Horaz: „Sapere Aude!“ – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Kant ist dieser Forderung immer treu geblieben. Aber er hat auch die Zwiespältigkeit bloßen Besserwissens gekannt. Es kam ihm vor allem auf die Grundeinstellung an, mit der man die Dinge erfasst. Als Kant 1784 die Frage nach der Aufklärung beantwortet, ist diese in vieler Hinsicht ausgezehrt. Die ständige Wiederholung aufklärerischer Parolen mindert ihre Zug- und Schlagkraft. Es treten wilde Aufwertungen des Gefühls und der Einbildungskraft in den Vordergrund. Die Vernunftreligion hat auch das religiöse Bedürfnis nicht befriedigt. Der Traum vom vernünftigen Weltbürgertum scheitert an den nationalen Kriegen und ihren Eroberungsfeldzügen unter Napoleon.

Man hat immer wieder vom Scheitern der Aufklärung gesprochen. Aber dies ist doch nur die halbe Wahrheit. Sie hat in verhältnismäßig kurzer Zeit wichtige Errungenschaften befördert, zum Beispiel die Forderung nach Menschenrechten und Toleranz. Und niemand wird die pädagogische Wirkung auf dem Gebiet von Bildung und Erziehung verkennen, wo zum Beispiel der Analphabetismus erfolgreich bekämpft wurde. Man denke außerdem an den Einfluss der Aufklärung auf die Medizin und die Hygiene. Es besteht auch kein Zweifel, dass sogar im kirchlichen Bereich, wo man, vor allem auf katholischer Seite, der Aufklärung skeptisch oder feindselig gegenüberstand, viele Reformen sich aufklärerischen Tendenzen verdanken.

Beinahe könnte man sagen, dass die Erfolge der Aufklärung auch ein Grund für ein gewisses Scheitern waren. Angesichts ihrer Ergebnisse schien sie überflüssig zu werden. Kant freilich war sich sehr deutlich bewusst, dass das Zeitalter der Aufklärung noch nicht identisch ist mit einem aufgeklärten Zeitalter. Ihm war deutlich, dass das „Publikum“ nur langsam zur Aufklärung gelangen könnte. Er wusste auch von ihren Gefährdungen – sie kann in einem schnöden Hinterfragen von allem enden und bleibt nicht selten blasiert und borniert.

Moralische Besserung wurde verkündet und angemahnt, aber es hat sich nicht viel zum Guten verändert. Im Lauf der Zeit lernte man auch stärker zu unterscheiden zwischen der Selbstaufklärung, die vor allem für das Individuum einen realen Erkenntnisgewinn bedeutet, und der Fremdaufklärung, die sich mehr an andere richtet. Aber gerade dieser Adressatenkreis war nicht selten weder willig noch fähig zur Aufklärung.

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