Majestät,

Sie sind alt und schwach, die Mächte der Schwärmerei lauern schon darauf, das Regiment zu übernehmen. Um es milde zu sagen: Ihr Ruf ist nicht der beste. Lessing schrieb, kein Land Europas sei so geknechtet wie das Ihre, ja selbst in Wien und Paris herrsche mehr politische Gedankenfreiheit. Ihre schändliche Behandlung Voltaires bestätigt, wie sehr doch dessen Erzrivale Jean-Jacques Rousseau mit seiner Behauptung Recht hatte, Machthaber tolerierten nur solche Intellektuellen, die sich damit begnügten, unsere Ketten mit Blumen zu umwinden. Und dennoch: Wir hier im fernen Königsberg wissen um den Unterschied zwischen einem aufgeklärten und einem unaufgeklärten Despotismus. Wir brauchen nicht weit nach Osten zu blicken, um uns klarzumachen, wieviel schlimmer die Dinge sein könnten. Sehr viel haben Sie nicht gerade getan, doch immerhin haben Sie eine Tür zur Verbesserung aufgestoßen, die viele Mächte gerne zuwerfen möchten. Wie wollen Sie im Gedächtnis der Nachwelt weiterleben? Als Flötenspieler? Ich flehe Sie an, zeigen Sie Mut. Setzen Sie uns ein Zeichen.

Mit freundlichen Grüßen Ihr Immanuel Kant

Ein solcher Brief wäre deutlicher und weniger zaghaft gewesen, wenngleich diese Worte kaum etwas ausgerichtet hätten. Stattdessen schrieb Kant Was ist Auf klärung?, eine Schrift, die Generationen von deutschen Schülern zum Gähnen brachte. Gewiss, der Aufsatz wurde zweckentfremdet. Zu Beginn legt er dar, wie der Staat unsere Neigung ausnutzt, es uns in der Unmündigkeit bequem zu machen, um uns das Denken abzunehmen. Das ist heute kaum weniger wahr als damals. Wie besser lässt sich diese Aussage verwässern als dadurch, dass man sie wie einen staatlich geförderten Beitrag zur Bildung behandelt?

Kants Aufsatz zu missbrauchen ist allerdings nicht schwer, denn auf den ersten Blick ist er eine Mischung aus Banalität und Ungereimtheit, gewürzt mit einer abscheulich starken Dosis Schmeichelei. Unser Zeitalter ist auf dem Weg zur Aufklärung, allein Friedrich ist schon angekommen. Während die Mehrheit von uns tapsige Kleinkinder sind, die gerade das Laufen lernen, schreitet Friedrich als leuchtendes Vorbild eines Herrschers voran, der uns aus der Unmündigkeit befreit hat.

Das wäre schon abstoßend genug, wenn es wahr wäre, aber Kant wusste ebenso gut wie Lessing, dass es nicht stimmte. Spätestens wenn er Friedrich als einen Regenten bezeichnet, der sich vor Schatten nicht fürchtet und mehr Freiheit gewährt als eine Republik, wird dem Leser wohl die Geduld reißen. Beweist das hinlänglich, dass Kant selbst beim Gedanken an die Autorität in preußische Unterwürfigkeit zurückfällt und seinen eigenen Mut verliert?

Dass wir alle allzu menschlich sind, fehlbar und begrenzt, würde der Weise von Königsberg als Erster einräumen. Man kann die Schrift indes auch anders lesen, nicht als ein Stück Popularphilosophie mit Bemerkungen über Friedrich, sondern als an ihn gerichtet. Statt seinem König plump zu schmeicheln, zumindest nicht nur, ergreift Kant die Gelegenheit, ein Herrscherideal zu entwerfen, um ihn zur Nachahmung anzureizen. Kant war sowohl ein kluger Erzieher als auch ein politischer Kopf, und deshalb wusste er, dass dies nicht der Augenblick für leere Bekennergesten war. Die Zeit drängte, die Kräfte der Reaktion sammelten sich. Als Friedrichs Tod herannahte, schlug Kant in anderen Artikeln der Berlinischen Monatsschrift fast schon einen hysterischen Ton an, so sehr fürchtete er, alle Errungenschaften der Aufklärung könnten verloren gehen. Die Geschichte bewies, dass seine Befürchtungen nicht übertrieben waren.