Kant Zwischen Afghanistan und Arkansas

Die Vernunft braucht ihre Ideale. Warum wir Moral und Heldentum weder den Taliban noch George W. Bush überlassen dürfen

Majestät,

Sie sind alt und schwach, die Mächte der Schwärmerei lauern schon darauf, das Regiment zu übernehmen. Um es milde zu sagen: Ihr Ruf ist nicht der beste. Lessing schrieb, kein Land Europas sei so geknechtet wie das Ihre, ja selbst in Wien und Paris herrsche mehr politische Gedankenfreiheit. Ihre schändliche Behandlung Voltaires bestätigt, wie sehr doch dessen Erzrivale Jean-Jacques Rousseau mit seiner Behauptung Recht hatte, Machthaber tolerierten nur solche Intellektuellen, die sich damit begnügten, unsere Ketten mit Blumen zu umwinden. Und dennoch: Wir hier im fernen Königsberg wissen um den Unterschied zwischen einem aufgeklärten und einem unaufgeklärten Despotismus. Wir brauchen nicht weit nach Osten zu blicken, um uns klarzumachen, wieviel schlimmer die Dinge sein könnten. Sehr viel haben Sie nicht gerade getan, doch immerhin haben Sie eine Tür zur Verbesserung aufgestoßen, die viele Mächte gerne zuwerfen möchten. Wie wollen Sie im Gedächtnis der Nachwelt weiterleben? Als Flötenspieler? Ich flehe Sie an, zeigen Sie Mut. Setzen Sie uns ein Zeichen.

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Mit freundlichen Grüßen Ihr Immanuel Kant

Ein solcher Brief wäre deutlicher und weniger zaghaft gewesen, wenngleich diese Worte kaum etwas ausgerichtet hätten. Stattdessen schrieb Kant klärung?, eine Schrift, die Generationen von deutschen Schülern zum Gähnen brachte. Gewiss, der Aufsatz wurde zweckentfremdet. Zu Beginn legt er dar, wie der Staat unsere Neigung ausnutzt, es uns in der Unmündigkeit bequem zu machen, um uns das Denken abzunehmen. Das ist heute kaum weniger wahr als damals. Wie besser lässt sich diese Aussage verwässern als dadurch, dass man sie wie einen staatlich geförderten Beitrag zur Bildung behandelt?

Kants Aufsatz zu missbrauchen ist allerdings nicht schwer, denn auf den ersten Blick ist er eine Mischung aus Banalität und Ungereimtheit, gewürzt mit einer abscheulich starken Dosis Schmeichelei. Unser Zeitalter ist auf dem Weg zur Aufklärung, allein Friedrich ist schon angekommen. Während die Mehrheit von uns tapsige Kleinkinder sind, die gerade das Laufen lernen, schreitet Friedrich als leuchtendes Vorbild eines Herrschers voran, der uns aus der Unmündigkeit befreit hat.

Das wäre schon abstoßend genug, wenn es wahr wäre, aber Kant wusste ebenso gut wie Lessing, dass es nicht stimmte. Spätestens wenn er Friedrich als einen Regenten bezeichnet, der sich vor Schatten nicht fürchtet und mehr Freiheit gewährt als eine Republik, wird dem Leser wohl die Geduld reißen. Beweist das hinlänglich, dass Kant selbst beim Gedanken an die Autorität in preußische Unterwürfigkeit zurückfällt und seinen eigenen Mut verliert?

Dass wir alle allzu menschlich sind, fehlbar und begrenzt, würde der Weise von Königsberg als Erster einräumen. Man kann die Schrift indes auch anders lesen, nicht als ein Stück Popularphilosophie mit Bemerkungen über Friedrich, sondern als an ihn gerichtet. Statt seinem König plump zu schmeicheln, zumindest nicht nur, ergreift Kant die Gelegenheit, ein Herrscherideal zu entwerfen, um ihn zur Nachahmung anzureizen. Kant war sowohl ein kluger Erzieher als auch ein politischer Kopf, und deshalb wusste er, dass dies nicht der Augenblick für leere Bekennergesten war. Die Zeit drängte, die Kräfte der Reaktion sammelten sich. Als Friedrichs Tod herannahte, schlug Kant in anderen Artikeln der Berlinischen Monatsschrift fast schon einen hysterischen Ton an, so sehr fürchtete er, alle Errungenschaften der Aufklärung könnten verloren gehen. Die Geschichte bewies, dass seine Befürchtungen nicht übertrieben waren.

Was ist Aufklärung? wurde für ein Organ geschrieben, das mehr Ähnlichkeit mit der ZEIT hatte als mit einem Gelehrtenjournal und damit alles andere als zeitlos war. Eher müsste man sagen, die Schrift wurde zeitlos, weil sie allgemeine philosophische Thesen aufstellte, um auf brennende Zeitprobleme zu antworten. Dadurch rückt sie uns näher, nicht ferner. Sagen wir es ganz deutlich: Die Zeit drängt, wir verlieren täglich an Boden. Andere und nicht wir lenken die Geschicke der Welt. Ja, wir. Denn wer die ZEIT liest, gehört zu der Gruppe, die einst als Partei der Aufklärung bezeichnet wurde – gleichgültig, wie oft er bei einem Glas Chardonnay gemurmelt haben mag: „Aufklärung, die ist doch totalitär.“ Erst kürzlich erklärte George W. Bush, er lese keine Zeitungen.

Der Präsident liest nur die Bibel

Bevor wir uns also fragen, was Aufklärung ist, sollten wir festhalten, was sie nicht ist. Es wäre sicher amüsant, sich vorzustellen, was Bayle oder Voltaire wohl zu der Überzeugung gesagt hätten, sich selbst und möglichst viele Passanten in die Luft zu sprengen, führe einen unmittelbar in die Arme von 70 schwarzäugigen Jungfrauen. Oder dazu, dass ein biblischer Besitztitel einer kleinen Gruppe von Siedlern das Recht gebe, den weltweiten Frieden durch Landbesetzungen zu gefährden. Derartige voraufgeklärten Weltsichten sind lang und breit traktiert worden. Weniger Beachtung hat dagegen Left Behind, die meistverkaufte Bücherreihe der Welt, gefunden, deren Autoren Tim LaHaye und Jerry Jenkins bis heute 55 Millionen Exemplare abgesetzt haben. Während wir über Harry Potter und die Folgen diskutieren – und um unsere eigenen bescheidenen Auflagen konkurrieren –, berauschen sich Millionen christlicher Evangelikaler an der Vision, noch rechtzeitig in den Himmel zu kommen, bevor die apokalyptischen Schrecken über sie hereinbrechen. Bushs Wahlkampfmanager wissen, dass 16 Prozent der amerikanischen Wähler solchen Gruppen angehören, und da sie zudem meinen, Bush senior habe seine Wiederwahl verloren, weil sie ihm die Unterstützung entzogen, pfeffern sie Juniors Reden kräftig mit Anspielungen auf jene Lobgesänge, die den Fundamentalisten so glatt runtergehen, von uns aber unbeachtet bleiben.

Was ist fehlgelaufen? Sicherlich eine ganze Menge, aber beginnen wir mit einer entscheidenden Sache: Viele übersehen, dass die Aufklärung nicht den Glauben an sich, sondern den Fundamentalismus angreift, nicht die Ehrfurcht, sondern das Dogma und die Idolatrie. Die Ansicht, die Aufklärung mache uns zu seelen- und gottlosen Maschinen, geht auf die gegenaufklärerische Propaganda zurück, die die Verteidiger der Aufklärung verwirren und die noch abseits Stehenden abschrecken sollte. Welches Beispiel das Weiße Haus uns auch gibt, nichts hindert uns daran, die Bibel, Zeitungen und die Kritik der reinen Vernunft gleichermaßen zu lesen. Man mag sich das menschliche Bedürfnis nach Religion erklären, wie man will, unbestreitbar ist, dass es im Gefolge einer Sinnsuche zugenommen hat, die mit der Postmoderne eher stärker als schwächer wurde. Wer heute das Testament von Mohammed Atta liest, wird sich wohl nach dem brillanten Witz eines David Hume sehnen. Doch Hume wusste, dass seine Kritik der Religion in der Weltsicht Attas keine Scharte hinterlassen würde, hatte ihm doch seine Auffassung von der Ohnmacht der menschlichen Vernunft selbst die Waffe aus der Hand geschlagen. Am Ende wird die von der Kritik an religiösen Traditionen entwickelte Skepsis nämlich zu deren Stütze. Nachdem alles, worauf wir unsere Hoffnung gesetzt hatten, von ihr zerstört wurde, können wir allein zum Sprung in den Glauben, welcher Richtung auch immer, Zuflucht nehmen.

Das ist kein Plädoyer für den Glauben an und für sich, sondern dafür, ihn so zu begreifen, dass Gläubige und Ungläubige, allen Differenzen zum Trotz, im Bekenntnis zur Aufklärung zueinander finden. Nicht der Glaube ist ja das Problem, sondern der autoritäre Glaube, der sich nach endgültigen Lösungen sehnt. Aufklärer streben keine Endzustände an, Erlösung muss stets aufs Neue errungen werden. Möglich ist das nur, wenn wir Zweifel, Ungewissheit und Selbstkritik kultivieren, Tugenden der Aufklärung, die der Skepsis zwar verwandt sind, aber nicht mit ihr identisch.

Mag der berühmteste Text der Aufklärung auch zum Mut aufrufen, die üblichen Darlegungen haben uns wenig erstrebenswerte Lebensideale zu bieten. Man denke nur an Heines glänzendes Doppelporträt von Kant und Robespierre, deren spießbürgerliche, unpoetische Natur das Aufklärungsungeheuer hervorbrachte. Die Gestalten der Aufklärung erscheinen zumeist wie leblose Abstraktionen, die, sofern sie überhaupt Träume haben, dann nur solche, die als Albträume enden. Was zur Wahl steht, ist so reizlos, dass wir uns vor der abstrakteren Frage: „Was ist Aufklärung?“ zunächst fragen sollten: „Wie sieht ein Held der Aufklärung aus?“

Die falsche Gewissheit der Sieger

Mir ist durchaus bewusst, dass das Wort „Held“ im Deutschen nahezu Anathema ist, weil es nur blutgetränkte Bilder in uns hervorruft. Doch das Wort Held damals und heute den Todesschwadronen zu überlassen, ist so kurzsichtig, wie das Wort böse an George W. Bush abzutreten. Beide Begriffe erfüllen ein tiefes menschliches Bedürfnis nach einer moralischen Klarheit, die nicht mit Vereinfachung zu verwechseln ist. Weder schieres Elend noch Unwissenheit oder Nihilismus verleiten Terroristen dazu, ihr Leben zu opfern, und andere, sie dafür sie bewundern. Pervertiert wird hier vor allem die, wie Kant meint, uns allen eigentümliche Neigung, unsere Freiheit zu beweisen. Deshalb glaubte er auch, man müsse Moral durch Vorbilder lehren, nicht durch den Nachweis ihrer Richtigkeit – schließlich geht es in der Moral nicht um das Sein, sondern um das Sollen. Moral wollte er durch Beispiele persönlichen Mutes gelehrt wissen. Geschichten von Menschen, die lieber ihr Leben aufs Spiel setzen, als Unrecht zu dulden, lassen uns ehrfürchtig über die Kraft menschlicher Freiheit staunen. Es liegt mir fern, die Rückkehr zu moralischen Gewissheiten zu propagieren: Ein Held der Aufklärung ist ja gerade jemand, der ohne sie zu leben vermag. Wir brauchen vielmehr einen moralischen Diskurs, der die Freiheit angesichts von Wahlmöglichkeiten unterstreicht, weil er sieht, dass viele Menschen – vor die Wahl zwischen Zynismus und Wahnsinn gestellt – den Zynismus verwerfen.

Der Glaube, die Schlachten seien alle gewonnen, hat die Partei der Aufklärung ermattet. Von Heroismus zu reden ist nur in der Opposition erträglich. Doch seien Sie getrost: Wir sind bereits in der Opposition – oder könnten es bald sein. Wer die Aufklärung für blutleer hält, muss sich nur fragen, wo sie es nicht ist. Die Taliban haben uns Einblick in eine Welt verschafft, in der öffentliche Hinrichtungen, die Versklavung der Frauen, totale Zensur, das Verbot von Musik und Kunst, feudale Wirtschaftsbeziehungen und medizinische Behandlung ohne Narkosemittel an der Tagesordnung sind. Dass wir in einem Umfeld leben, in dem all das nicht vorkommt, verdanken wir der Aufklärung. Wie schnell könnten wir das alles wieder verlieren, wenn wir uns weiter in der Gewissheit wiegen, auf der ganzen Linie gewonnen zu haben. Einige Landstriche in Afghanistan und in Arkansas haben hier mehr miteinander gemein als mit Westeuropa, dem Teil der Welt, der die Ideale der Aufklärung am stärksten verwirklicht hat. Schließlich wenden sich europäische Skrupel und Selbstzweifel, Haltungen, die sich im Prozess der Aufklärung ausbildeten, gegen solche Begriffe wie Held, weil sie hochtrabend, ja gefährlich sind. Der bloße Appell an Toleranz und Skepsis wird allerdings kaum jemanden hinter dem Ofen hervorlocken, denn die Grenze zwischen ihnen und dem Zynismus ist zu fein, um Bestand zu haben. Eine Aufklärung, die keine Ideale der Vernunft mehr hat, zerstört sich selbst.

Kant schrieb einmal, wir könnten Kraft aus historischen Beispielen schöpfen, nicht aus den Ereignissen selbst, sondern daraus, wie die Welt auf sie reagiert, denn das zeige uns, welche Hoffnungen und Träume die Menschheit hegt. Niemand vergisst, was er am 11. September getan hat, dessen Bilder diejenigen verdrängten, die nicht einmal zwei Jahre zuvor den Beginn des neuen Jahrtausends begleiteten. Erinnern Sie sich an die apokalytische Angst, die Technik könne Amok laufen, weil die Computer weltweit zusammenbrechen? An das Aufatmen, das von Sydney aus seinen Lauf nahm? Weil Israel als einziges Land neben dem Iran aus religiösen Gründen die Jahrtausendwende ignorierte, blieb mir nichts anderes übrig, als das ganze Spektakel auf einem Tel Aviver Fernsehbildschirm zu betrachten. Zu sehen war Kitsch im größten Stil, angefangen bei der Hochzeit im Morgengrauen an der Küste Japans bis hin zu den Feuerwerken und Symphonien, die die Akropolis einhüllten. Dennoch: Es war die richtige Art Kitsch, und Einiges ging weit darüber hinaus – so der betrunkene Clown Jelzin, der endlich aus dem Kreml auszog, und Mandelas würdevolle Rückkehr in seine frühere Gefängniszelle. Ein Augenblick der Sehnsucht ging um die Welt: Sollte es möglich sein, das Blut, den ganzen Schlamassel und das Possenspiel hinter uns zu lassen und noch einmal von vorn zu beginnen?

Müssen wir heute sagen, dieser Augenblick wurde vor dem nächsten weltweiten Medienereignis zunichte? Weltzeitlich gesehen ist der 11. September nur eine Sekunde vom 1. Januar entfernt; beide Daten führten uns Triebe und Möglichkeiten vor Augen, die noch überall schlummern. Um die Triebe des 1. Januar zu verwirklichen, bedarf es wie stets einer gehörigen Portion Muts, nicht des Muts vor dem Zensor, sondern des Muts, an Vorstellungen zu appellieren, die eine Kultur, die oft nichts mehr als die Lächerlichkeit fürchtet, als bloße Sentimentalität abtut. Aber die Skepsis, mit der sie diese Furcht abwehren möchte, wird wenig Köpfe und noch weniger Herzen gewinnen. Der Witz ist nicht der, dass die Menschheit im Grunde genommen gut ist, sondern dass die Alternative, so zu handeln, als könnte sie es sein, der Glaube an den Sündenfall ist. Stimmen wir dem zu, kann nur ein Wunder uns erlösen. Tun wir es nicht, mag es uns gerade noch gelingen, uns selbst zu retten.

Aus dem Englischen von Christiana Goldmann

 
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