Kant Zwischen Afghanistan und ArkansasSeite 3/3
Mir ist durchaus bewusst, dass das Wort „Held“ im Deutschen nahezu Anathema ist, weil es nur blutgetränkte Bilder in uns hervorruft. Doch das Wort Held damals und heute den Todesschwadronen zu überlassen, ist so kurzsichtig, wie das Wort böse an George W. Bush abzutreten. Beide Begriffe erfüllen ein tiefes menschliches Bedürfnis nach einer moralischen Klarheit, die nicht mit Vereinfachung zu verwechseln ist. Weder schieres Elend noch Unwissenheit oder Nihilismus verleiten Terroristen dazu, ihr Leben zu opfern, und andere, sie dafür sie bewundern. Pervertiert wird hier vor allem die, wie Kant meint, uns allen eigentümliche Neigung, unsere Freiheit zu beweisen. Deshalb glaubte er auch, man müsse Moral durch Vorbilder lehren, nicht durch den Nachweis ihrer Richtigkeit – schließlich geht es in der Moral nicht um das Sein, sondern um das Sollen. Moral wollte er durch Beispiele persönlichen Mutes gelehrt wissen. Geschichten von Menschen, die lieber ihr Leben aufs Spiel setzen, als Unrecht zu dulden, lassen uns ehrfürchtig über die Kraft menschlicher Freiheit staunen. Es liegt mir fern, die Rückkehr zu moralischen Gewissheiten zu propagieren: Ein Held der Aufklärung ist ja gerade jemand, der ohne sie zu leben vermag. Wir brauchen vielmehr einen moralischen Diskurs, der die Freiheit angesichts von Wahlmöglichkeiten unterstreicht, weil er sieht, dass viele Menschen – vor die Wahl zwischen Zynismus und Wahnsinn gestellt – den Zynismus verwerfen.
Der Glaube, die Schlachten seien alle gewonnen, hat die Partei der Aufklärung ermattet. Von Heroismus zu reden ist nur in der Opposition erträglich. Doch seien Sie getrost: Wir sind bereits in der Opposition – oder könnten es bald sein. Wer die Aufklärung für blutleer hält, muss sich nur fragen, wo sie es nicht ist. Die Taliban haben uns Einblick in eine Welt verschafft, in der öffentliche Hinrichtungen, die Versklavung der Frauen, totale Zensur, das Verbot von Musik und Kunst, feudale Wirtschaftsbeziehungen und medizinische Behandlung ohne Narkosemittel an der Tagesordnung sind. Dass wir in einem Umfeld leben, in dem all das nicht vorkommt, verdanken wir der Aufklärung. Wie schnell könnten wir das alles wieder verlieren, wenn wir uns weiter in der Gewissheit wiegen, auf der ganzen Linie gewonnen zu haben. Einige Landstriche in Afghanistan und in Arkansas haben hier mehr miteinander gemein als mit Westeuropa, dem Teil der Welt, der die Ideale der Aufklärung am stärksten verwirklicht hat. Schließlich wenden sich europäische Skrupel und Selbstzweifel, Haltungen, die sich im Prozess der Aufklärung ausbildeten, gegen solche Begriffe wie Held, weil sie hochtrabend, ja gefährlich sind. Der bloße Appell an Toleranz und Skepsis wird allerdings kaum jemanden hinter dem Ofen hervorlocken, denn die Grenze zwischen ihnen und dem Zynismus ist zu fein, um Bestand zu haben. Eine Aufklärung, die keine Ideale der Vernunft mehr hat, zerstört sich selbst.
Kant schrieb einmal, wir könnten Kraft aus historischen Beispielen schöpfen, nicht aus den Ereignissen selbst, sondern daraus, wie die Welt auf sie reagiert, denn das zeige uns, welche Hoffnungen und Träume die Menschheit hegt. Niemand vergisst, was er am 11. September getan hat, dessen Bilder diejenigen verdrängten, die nicht einmal zwei Jahre zuvor den Beginn des neuen Jahrtausends begleiteten. Erinnern Sie sich an die apokalytische Angst, die Technik könne Amok laufen, weil die Computer weltweit zusammenbrechen? An das Aufatmen, das von Sydney aus seinen Lauf nahm? Weil Israel als einziges Land neben dem Iran aus religiösen Gründen die Jahrtausendwende ignorierte, blieb mir nichts anderes übrig, als das ganze Spektakel auf einem Tel Aviver Fernsehbildschirm zu betrachten. Zu sehen war Kitsch im größten Stil, angefangen bei der Hochzeit im Morgengrauen an der Küste Japans bis hin zu den Feuerwerken und Symphonien, die die Akropolis einhüllten. Dennoch: Es war die richtige Art Kitsch, und Einiges ging weit darüber hinaus – so der betrunkene Clown Jelzin, der endlich aus dem Kreml auszog, und Mandelas würdevolle Rückkehr in seine frühere Gefängniszelle. Ein Augenblick der Sehnsucht ging um die Welt: Sollte es möglich sein, das Blut, den ganzen Schlamassel und das Possenspiel hinter uns zu lassen und noch einmal von vorn zu beginnen?
Müssen wir heute sagen, dieser Augenblick wurde vor dem nächsten weltweiten Medienereignis zunichte? Weltzeitlich gesehen ist der 11. September nur eine Sekunde vom 1. Januar entfernt; beide Daten führten uns Triebe und Möglichkeiten vor Augen, die noch überall schlummern. Um die Triebe des 1. Januar zu verwirklichen, bedarf es wie stets einer gehörigen Portion Muts, nicht des Muts vor dem Zensor, sondern des Muts, an Vorstellungen zu appellieren, die eine Kultur, die oft nichts mehr als die Lächerlichkeit fürchtet, als bloße Sentimentalität abtut. Aber die Skepsis, mit der sie diese Furcht abwehren möchte, wird wenig Köpfe und noch weniger Herzen gewinnen. Der Witz ist nicht der, dass die Menschheit im Grunde genommen gut ist, sondern dass die Alternative, so zu handeln, als könnte sie es sein, der Glaube an den Sündenfall ist. Stimmen wir dem zu, kann nur ein Wunder uns erlösen. Tun wir es nicht, mag es uns gerade noch gelingen, uns selbst zu retten.
Aus dem Englischen von Christiana Goldmann
- Datum 31.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2003 Nr.2
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