Kant Berlusconis Babel
Heute sind die Massenmedien das Mittel zur Emanzipation des Menschen. Deshalb darf kein autoritärer Herrscher sie kontrollieren
Wie alle Liebhaber der Philosophie bin auch ich „Kantianer“, zumindest in dem Sinne, dass ich nicht denken könnte, ohne mich in gewisser Weise auf das Erbe Kants zu beziehen. Doch ich bin es sehr zurückhaltend, vor allem seit ich, auch mithilfe Richard Rortys, gelernt habe, dass es in der zeitgenössischen Philosophie eine kantianische und eine hegelianische gibt. Erstere ist, um es mit einem Wort des späten Foucault zu sagen, vor allem an der Philosophie als „Analytik der Wahrheit“ interessiert; Letztere hingegen ist darauf aus, eine „Ontologie der Aktualität“ zu entwickeln. Was immer Foucault mit dieser Wendung gemeint hat, die bei ihm nicht so sehr durch Verweise auf Heidegger belastet war wie für mich, ich glaube, ich gehöre zu dieser zweiten, hegelianischen Familie.
Ich glaube also nicht an die Philosophie als tendenziell absolute Begründung der Gewissheit, auch nicht im Sinne der Kantschen Suche nach den „Möglichkeitsbedingungen“ der Erkenntnis; vor allem glaube ich vielen Neukantianern nicht, die das Erbe Kants verfestigen, um damit jede Anerkennung der Historizität der Paradigmen der Vernunft und ihrer Endlichkeit abzuwehren. Vielmehr glaube ich, dass die Philosophie den Sinn des Seins in unserer spezifischen historischen Situation rekonstruieren/dekonstruieren muss in der Absicht, Trendlinien zu erfassen, die uns auch bei den Entscheidungen für die Zukunft helfen (wiederum mit Heidegger: indem man die Existenz als „geworfenen Entwurf“ lebt).
Wie wirkt nun auf mich, der ich auf diesem Standpunkt eines Sympathisanten Hegels stehe (eines Hegel ohne absoluten Geist, wie ihn mich Gadamer und zuvor schon Benedetto Croce gelehrt haben), der Text über die Aufklärung, der immer, und das zu Recht, als ein Inaugural-Text der Kantischen Philosophie gegolten hat? Zunächst einmal hebe ich den Punkt hervor, der mir in dieser Schrift der für uns Heutige schwächste zu sein scheint. Das ist die Stelle, an der Kant Friedrich II. von Preußen als den Herrscher preist, welcher sagt: „Räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!“ Ein Satz, der für mich seltsam aktuell klingt, aber leider in dem Sinne, dass er perfekt die Situation der so genannten demokratischen Gesellschaften beschreibt, in denen wir leben.
Nicht nur im Italien Berlusconis, sondern in immer mehr Ländern des industrialisierten Westens reduziert sich die Demokratie auf eine gewisse verwirrte Freiheit des Gebrauchs der Medien, in denen man alle Minderheiten und Perversionen (die von vielen nach wie vor als solche betrachtet werden) zu Wort kommen lässt, sofern all das nur keine „praktischen“ Auswirkungen auf das Funktionieren der Herrschaftsapparate hat. Ein guter Hegelianer wie Marcuse hatte hierfür den Ausdruck „repressive Entsublimierung“ geprägt. Wahr ist in dieser Gesellschaft, dass der Markt das oberste Gesetz ist; nicht nur deshalb, weil er, wie die Liberalisten glauben, das Wohlergehen aller sicherstellt, sondern weil sich aus fast allem eine Ware machen lässt – oder besser: Alles ist legitim, wenn es zu einem Objekt des Marktes werden, wenn es dazu beitragen kann, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern.
Können wir aber dem armen liberalen Kosmopoliten Kant die Verantwortung dafür aufbürden, diesen Typ von Gesellschaft vorhergesagt zu haben? Gewiss nicht; wir können nur zur Kenntnis nehmen, dass sich auch die höchsten politischen Ideale (zu denen dasjenige Kants aber nicht gehört), sobald sie einmal verwirklicht sind, oft als entsetzliche Zerrbilder erweisen; das gilt für die vernünftig organisierte Gesellschaft, die gerade viele Aufklärer erträumt hatten und die doch von der durch Adorno aufgedeckten Dialektik der Aufklärung über den Haufen geworfen worden ist.
Doch um Kant nicht als Theoretiker der repressiven Entsublimierung oder der repressiven Toleranz zu betrachten, können wir uns nur bemühen, seine Position in der konkreten historischen Situation anzusiedeln, in der er sie äußerte. In ihr konnte die Haltung Friedrichs II. und anderer aufgeklärter Herrscher einem freien Geist wie Kant zu Recht als ein großer Schritt auf dem Wege des Fortschritts der Vernunft, della ragione, erscheinen; ja sogar della Ragione mit großem R – eine Unterscheidung, die im deutschen Sprachgebrauch nicht sichtbar wird. Doch die Vernunft als Ragione mit großem R war eine solche, weil sie zu jener allgemeinen Öffentlichkeit der Gelehrten gehörte, deren Existenz Kant unbestreitbar schien.
Wir sind heute nicht imstande, Kant bei seiner These buchstäblich Recht zu geben, nach der man im Grunde in einer Gesellschaft gut leben kann, in der sich mithilfe eines aufgeklärten, aber nicht allzu aufgeklärten Herrschers die eigentümliche Freiheit denkender Individuen entsprechend dem eigenen „allgemeinen“ menschlichen Wesen praktizieren und den Gesetzen so gehorchen lässt, dass man durch das Praktizieren der Gedankenfreiheit nicht das geordnete Funktionieren des gesellschaftlichen Mechanismus stört. Und wir können auch seine Erwartung nicht ernst nehmen, dass sich, wenn man so verfährt, eine nachfolgende Phase vorbereitet, in der, wie er am Schluss seiner Arbeit schreibt, durch die Gewohnheit des freien Denkens das Volk schließlich lernt, frei zu handeln, bis es in diesem Sinne auch „die Grundsätze der Regierung“ beeinflusst. In der Schwierigkeit, den buchstäblichen Sinn dieser Erwartung Kants zu akzeptieren, kommen alle Vorbehalte zusammen, die die Aufklärung in uns erweckt und die das Ergebnis der „Dialektik“ sind, in welche sie sich seit Kant bis auf den heutigen Tag verstrickt hat.
Nirgends ist es wohl geschehen, dass die von aufgeklärten Herrschern zugestandene Gedankenfreiheit „allmählich“ auf den Gemeinsinn der Bürger gewirkt hätte, um quasi naturwüchsig über die Bildung eine Transformation der Verfassungen zu bewirken. Kant schrieb diese Dinge am Vorabend der Französischen Revolution, wenige Jahre bevor Hölderlin, Hegel und Schelling in ihrem Tübinger Stift begeistert die Erstürmung der Bastille feierten. Natürlich änderten sowohl die drei jungen Tübinger Theologen als auch viele ihrer Zeitgenossen ihre Meinung, als die Revolution den König enthauptete und Napoleon den Weg bahnte. Doch nur wenige neigen heute zu der Ansicht, dass die Dialektik, welche die Hoffnungen Kants so radikal verwandelte, das Ergebnis eines zufälligen Missverständnisses, die Folge der Bosheit eines Robespierre oder später Stalins oder Maos ist. Die Hoffnung, die gesamte Menschheit nach dem Modell „des eigentlichen Publikums, nämlich der Welt“ (Kant) umzugestalten, beruht auf dem Traum einer fortschreitenden Erziehung der Menschheit, die sich in einem linearen, schrittweisen Prozess abspielen sollte. Doch die Ausbreitung der Bildung tendenziell auf „alle“ ist, wie sich heute zeigt, genau das, was sich dann verwirklicht (oder nur dann verwirklichen lässt), wenn man die beruhigende Linearität dieses Prozesses infrage stellt. Und sosehr wir die Mechanismen der Dialektik studiert haben, wir haben noch nicht vollständig begriffen, weshalb die lineare „Logik“ der Aufklärung nicht funktioniert. Vielleicht wegen der Ungeduld der Massen, die, wenn sich herausgestellt hat, dass, wie in Andersens Märchen, „der Kaiser nackt ist“, den Befreiungsprozess beschleunigen wollen und jedes „allmählich“ über Bord werfen? Oder weil sich, da gerade mit dieser Möglichkeit gerechnet wird, der aufgeklärte Herrscher der Mechanismen der Aufklärung bemächtigt und mittels der Herrschaft der Massenmedien eine subtilere Disziplin durchsetzt, die aber ebenso jeder Emanzipation zuwiderläuft? Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, aber auch die täglichen Nachrichten über „humanitäre“ Kriege, über Befreiung von Tyrannenherrschaften und gewaltsame Einführung der „Demokratie“ bieten zahlreiche Beispiele für dieses Problem.
- Datum 31.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2003 Nr.2
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