Kant Berlusconis BabelSeite 2/2
Die jüngste Formulierung des Kantischen Ideals eines „eigentlichen Publikums“ als Modell für eine aufgeklärte Gesellschaft ist das von Habermas und Apel vertretene Ideal einer nicht verzerrten Kommunikation. Dem kann man sich natürlich nur anschließen; doch bleibt dabei das Problem offen, zu bestimmen, wer das Recht hat, zu erkennen, was verzerrt ist und was nicht, und gegebenenfalls die Verzerrungen zu korrigieren. Das ist im Grunde ein Problem, das Kant löste, indem er die Garantie für die Gesellschaftsordnung dem aufgeklärten Herrscher anvertraute. Und das der Marxismus gelöst zu haben glaubte, indem er die Souveränität dem Proletariat als Träger des authentischen Gattungswesens der Menschheit zuerkannte, nur dass er dann klar zwischen dem „empirischen“ Proletariat und dem „transzendentalen“ unterschied, welch Letzteres von der Partei und ihrer Bürokratie repräsentiert wurde. In unseren Demokratien glauben wir immer noch, ein gewisser Emanzipationsprozess lasse sich „allmählich“ verwirklichen, ungeachtet der Herrschaft, die das Geld über alle Instrumente der Kommunikation ausübt, wobei es über den Ausgang der freien Wahlen dort, wo sie vorgesehen sind, entscheidet. Wir alle kennen den Ausspruch Churchills über die Demokratie, die auch mit ihren Mängeln immer besser sei als jede andere bekannte Ordnung. Doch heute würde vielleicht selbst Churchill anfangen, gewisse Zweifel zu hegen, ohne ein alternatives Modell im Sinn zu haben, über das auch wir nicht verfügen. Tatsache ist, dass man, um Aufklärer zu sein, wahrscheinlich in einer Ordnung leben muss, die irgendwie von einem aufgeklärten Herrscher garantiert ist. Oder, wie Nietzsche im Hinblick auf den rationalistischen Optimismus des Sokrates meinte, in einer Welt, die von einem metaphysischen Prinzip regiert wird. „Nur ein Gott kann uns retten“, gilt das vielleicht, nach dem Wort des alten Heidegger?
Wir leben gerade infolge der Aufklärung und ihrer Dialektik in einer Welt radikaler Unsicherheit, ausgesetzt der doppelten Bedrohung durch den Terrorismus und durch die demokratische Macht des neuen amerikanischen Imperialismus. Da wir nicht auf die Revolution hoffen – die der aufgeklärten Vernunft oder die des expropriierten Proletariats, das deshalb Inhaber unseres Wesens ist – und auch nicht zu viel vom langsamen, aber sicheren Wirken der Erziehung der Menschheit erwarten können, sind wir von allen Terrorismen und von den Autoritarismen, die uns vor ihnen zu schützen vorgeben, bedroht. Wirklich möchte man meinen, dass uns nur noch ein Gott retten kann. Auch nur in Gestalt des Gottes des Turms von Babel, des Gottes der Sprachverwirrung. Das Babel der Medien ist vielleicht der letzte mögliche Weg der Emanzipation, wenn es uns nur gelingt, es nicht ganz in die Hände eines oder einiger weniger wie auch immer aufgeklärter Herrscher fallen zu lassen, die es auf die Maske einer einzigen „Wahrheit“ und einer einzigen beruhigenden, aber erstickenden Ordnung reduzieren.
Aus dem Italienischen von Martin Pfeiffer
- Datum 31.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2003 Nr.2
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