In diesem Roman wird die Welt durch eine Öffnung in den Wolken wahrgenommen. Man sieht die Lastkähne auf dem Rhein, "kleiner als Stiche in einer Naht". Oder Ingolstadt. "Ist Ihnen Ingolstadt mal aufgefallen?", fragt der junge Offizier Cassada seinen Vorgesetzten Isbell. "Ich seh runter und denk, daß ich gern mal da wäre – auch wenn ich das nicht wirklich will." Die Hauptstädte dieses seltsamen kleinen Landes mitten in Europa heißen Landstuhl oder Fürstenfeldbruck. Die Sommer sind hier kurz, manchmal auch extrakurz, "etwa eine Woche statt der üblichen zwei". Hin und wieder bleibt Zeit für einen Ausflug nach München oder Trier. "Sie war historisch bedeutend", schreibt der amerikanische Romancier James Salter über die Römerstadt Trier, "aber nicht besonders interessant." Punktum.

Die Größenverhältnisse in Cassada haben etwas von Gulliver und Liliput. Aber Deutschland ist natürlich nicht das Thema des Romans, nicht einmal sein Schauplatz. Allenfalls die Kulisse, die man nach Belieben hin- und herschieben oder notfalls auch ganz weglassen kann. Von Bedeutung sind andere Dinge: das Wetter (meistens schlecht), das Geräusch des Triebwerks, das dem Piloten vertrauter ist "als sein eigenes Herz", der Charakter des Mannes im Cockpit. Der erfahrene Soldat weiß sofort, wer in dieser Welt eine Zukunft hat und wer nicht. Bei Cassada werden Zweifel angemeldet. Der Puertoricaner macht sich schon dadurch lächerlich, dass er Tee bevorzugt. Der derbe Staffelchef hat noch nie einen Kampfflieger getroffen, der keinen Kaffee trinkt. Auf der anderen Seite gilt der Grundsatz des freien Willens in einer freien Welt. Der Neuling, der Tee trinkt, macht sich zwar lächerlich, aber natürlich darf er den Kaffee verschmähen. Vorausgesetzt, er kann fliegen. Denn daran entscheidet sich alles. Der Schwarmführer, der "nüchtern und fähig" ist, beurteilt die Männer um sich nach einem einzigen Standard, und "der war so einfach, daß er ans Erhabene grenzte: Konnten sie fliegen?"

James Salter schreibt so etwas ohne Ironie. Das Ironische und das Erhabene schließen sich gegenseitig aus. Ironie zersetzt, und würde man die Gesetze der Fliegerei und der militärischen Männerrituale nicht ernst nehmen, könnte man sich gleich einem anderen Stoff zuwenden. Natürlich gibt es keinen vernünftigen Grund, für die Fliegerei sein Leben aufs Spiel zu setzen. Aber die Sinnfrage stellt sich hier anders. Sie ist, wie schon in Salters’ Autobiografie Verbrannte Tage, der Suche nach Schönheit und Lebensintensität untergeordnet. Der Blick durch die Wolkendecke auf Ingolstadt, Trier und dieses ganze alte Deutschland, dessen Sprache die Männer nicht verstehen, hat zweifellos etwas Erhabenes: indem er die Helden entrückt und eigene Gesetze bekräftigt. Der Pilot unter der Himmelskuppel ist selten ratlos, solange ihm der Treibstoff nicht ausgeht. Ansonsten droht Gefahr allenfalls noch durch einen allzu direkten Kontakt mit dem Bodenpersonal, sprich: mit der diffusen Sphäre der Frauen, in der andere und sehr viel kompliziertere Regeln gelten.

Dass der Romancier Salter auch sie erforscht hat, zeigt sein Meisterwerk Lichtjahre (1975), in dem wenig geflogen und dennoch intensiv gelebt wird. Auch dieses kommt vollkommen ohne Ironie aus, was bei einem Roman der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts einigermaßen verblüfft. Cassada (2000) ist aus einem früheren Roman entstanden, den der Autor vor einigen Jahren überarbeitet hat. Die Geschichte spielt in den fünfziger Jahren, und die Fabel ist artifiziell konstruiert: Sie wird nicht chronologisch wiedergegeben; sie setzt sich aus vielen Handlungssplittern und den unterschiedlichsten Perspektiven zusammen. Der Dialog dominiert, als handele es sich um ein Drehbuch: ein kurz angebundener, oft rüder Dialog unter Männern. Was hier wie (rhetorische) Ironie klingt, ist in der Regel purer Sarkasmus – einzig und allein dem Zweck gewidmet, Hierarchien zu zementieren.

Selbst die Damen des Clubs der Offiziersfrauen und die Kellnerinnen in den Bars, diese hübschen deutschen Mädchen, scheinen sich dem "männlichen" Diskurs angepasst zu haben. Ihre Redeweise ist auf Distinktion aus, unabhängig davon, ob sie sich anbieten oder ob sie sich verweigern. "Ach, Sie sind Pilot", sagt die junge Schöne in München – das und wenig mehr genügt, um den unerfahrenen Cassada in Flammen zu setzen. Dann kommt Isbell, sein Einsatzoffizier, und geht mit dem Mädchen weg. In einer winzigen Szene hatte der Autor Isbells unglückliche Ehe charakterisiert. Die Frau verweigert den Abschiedssex. "Es war ein kalter Akt", hält die erlebte Rede fest, "da war etwas Selbstsüchtiges in seinem Kern." Der Mann steht stumm auf dem Balkon, ohne zu frieren: "Die Bitterkeit war Wärme genug." Für Salter enthalten diese beiden lapidaren Feststellungen Psychologie genug.

Keimzellen der Frustration, an ganz unterschiedlichen Stellen der Fabel platziert – umso wirkungsvoller werden sie miteinander verknüpft und für ein dramatisches Finale fruchtbar gemacht. Isbell hält sich an dem Mädchen schadlos, in das sich auch Cassada gern verliebte; und Cassada rächt sich auf die subtilstmögliche Art und Weise – indem er sein eigenes Leben für das Isbells in die Schanze schlägt. In einer Schlechtwetterfront hat Isbell den Funkkontakt mit dem Bodenpersonal verloren; Cassada versucht, seinen Vorgesetzten zu führen. Als beiden der Treibstoff ausgeht, rettet Isbell sich mit dem Schleudersitz; Cassada dagegen stürzt ab.

Sollte diese Wendung der Geschichte so etwas wie eine objektive Ironie enthalten, dürfte sie Salter nicht entgangen sein. Aber er kümmert sich nicht darum. Wo Updike und andere dem Irdischen verpflichtete Kollegen auf Tausenden von Seiten die Innenwelten ihrer Protagonisten liebevoll ziselieren, um sie am Ende gerade noch einmal davonkommen zu lassen, interessiert Salter primär die Erhabenheit des Blicks durch die Wolkendecke (die jederzeit zur "Totendecke" mutieren kann) und sekundär die Lufthoheit über das Weib. Und den Begriff des Protagonisten führt der Autor rigoros auf seinen semantischen Kern zurück: auf den Agon. Erst im Wettkampf offenbart ein Mann seinen Charakter. Und an dem entscheidet sich doch alles. James Salter ist demnach nicht unbedingt der beste, der brillanteste unter den heutigen Schriftstellern Amerikas. Aber der männlichste doch wohl.