sitten und gebräuche Ohne Worte
Stell dir vor, du bist auf einer Party und keiner redet mit dir
Sie kennen die Situation: Sie sind allein auf einem Fest. Wobei allein natürlich heißt, dass es jemanden gibt, der Sie eingeladen hat oder mit dem Sie hergekommen sind. Aber der oder die muss auch mal auf die Toilette, andere begrüßen oder »schnell zum Büfett« – um dort in ein längeres Gespräch verwickelt zu werden. Ihnen passiert so etwas nicht, niemals. Auch auf dieser Party spricht Sie keiner an. Was tun Sie also – vorausgesetzt, Sie wollen Ihrer einzigen Bekanntschaft nicht ständig hinterherlaufen wie ein depressiver Stalker?
Die Rücken-zur-Wand-Strategie: Lehnen Sie sich mit entspanntem Gesichtsausdruck an eine Wand, in einer Hand eine Bierflasche, die andere in der Hosentasche. Lassen Sie Ihren Blick schweifen, und denken Sie daran, dass gerade jetzt in Passau eine Party stattfindet, wo jemand wie Sie an der Wand lehnt und an eine Party in Tokyo denkt, wo jemand an der Wand lehnt – und so fort. Verharren Sie dort, bis man Sie wieder abholt oder Sie nicht mehr stehen können (das Ganze funktioniert auch im Sitzen.) Geübte Wandsteher schaffen es, so unauffällig ein paar Stunden zu schlafen.
Die Selbstbeschäftigungsstrategie: Halten Sie das nicht mehr aus, tun Sie etwas. Kosten Sie am Büfett jeden Salat und jede Käsesorte, und nehmen Sie immer einen neuen Teller. Achten Sie darauf, dass Ihr Gesichtsausdruck der eines Menschen ist, der genau weiß, was er tut. Haben Sie den Eindruck, man beobachtet Sie, besuchen Sie ausführlich die Toilette (wenn Sie Glück haben, finden Sie dort etwas zu lesen). Klopft man Sie schließlich heraus, schreiten Sie durch die Räume, zählen Bilder und Mobiliar und bilden die Quersumme der Gästezahl. Sind Sie Raucher, stellen Sie sich alle paar Minuten mit einer Zigarette auf die Terrasse oder den Balkon. Rauchen Sie nicht, zücken Sie Ihr Handy, und tun Sie so, als sprächen Sie mit einem Freund über dessen Krise mit Jenny Elvers. Sind Sie kein guter Schauspieler, rufen Sie bei sich zu Hause an, und sprechen Sie die Einkaufsliste für den nächsten Tag auf den Anrufbeantworter.
Die Helferstrategie: Wollen Sie mehr tun, übernehmen Sie eine verantwortungsvolle Aufgabe. Stellen Sie fest, welche Tische wackeln (man wird Ihnen dankbar sein). Sortieren Sie die Bierflaschen in den Kästen auf dem Balkon nach Größe. Testen Sie Heizkörper und Lichtschalter auf Funktionsfähigkeit (erledigen Sie Kleinreparaturen sofort).
Die Schabernackstrategie: Schlägt man Ihre Hilfe aus, bereiten Sie kleine, sehr witzige Überraschungen vor. Hängen Sie die Mäntel an der Garderobe um, und deponieren Sie in einem den Schlüssel der Toilettentür. Drücken Sie im Badezimmer Zahnpasta auf die Zahnbürsten, und lassen Sie ein Schaumbad ein. Gehen Sie zum Büfett, und pfeffern Sie das Tiramisu. Bestellen Sie unter falschem Namen einen strippenden Putzmann.
Die Aufmerksamkeitsstrategie: Möchten Sie mehr im Mittelpunkt stehen, tun Sie das Außergewöhnliche. Nehmen Sie ein Glas mit Bier und eines mit Wein so in eine Hand, dass sich die Stiele überkreuzen (Kenner nehmen ein Glas Rot- und ein Glas Weißwein), und durchqueren Sie die Räume, die freie Hand schützend vor sich haltend. Schreiben Sie auf Notizzettel erfundene Namen wie »Herr Lehmann« und »Frau Lüdenscheid«, und verteilen Sie die Zettel wortlos. Oder gehen Sie auf die Tanzfläche, tanzen Sie wild und ekstatisch und fallen Sie dann um (Vergessen Sie nicht, einen guten Grund zu erfinden, warum Sie das tun).
Sie können natürlich auch nach Hause gehen. Aber über wen sollen die anderen Gäste dann den ganzen Abend reden?
MARK SPÖRRLE
- Datum
- Serie sitten und gebraeuche
- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2003 Nr.2
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