Eine Riesin, aber butterweich zu lenken
Ronald Warwick, 63, steuert das Schiff als erster Kapitän sicher über die Meere
Auftritt Ronald Warwick. Gemessener Schritt, kerzengerade Haltung. Selbst bei unbedarften Landratten, die vier goldene Tressen auf dem Uniformärmel für maritimen Schnickschnack halten, macht sich die Gewissheit breit: Hier kommt der Kapitän. Als wäre ein König der Meere aus den Bilderbüchern unserer Kindheit herausgetreten, verkörpert dieser englische Herr die Erfüllung des alten Wunsches, Dichtung und Wahrheit könnten zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. Ein Gesicht voller Bart – so weiß, als hätte ihn der Klabautermann in ein Fässchen voller Meersalz getaucht. Die Augen so aquamarinblau, als hätten sie an einem klaren Sommertag den Himmel über dem Atlantik verschluckt.
Nur die Stimme passt nicht zum Klischee. Samtweich, melodiös und very British bedächtig – jenseits von Kommandoton und Befehlsgewalt: »Nein, es war mir keinesfalls in die Wiege gelegt, einmal zum Master des größten Luxusliners der Welt aufzusteigen. Als ich mit 15 Jahren einen Beruf ergreifen musste, war ich unschlüssig und nicht gerade motiviert.« Wohl fuhr sein Vater als ranghoher Offizier für Cunard auf der alten Queen Elizabeth und der Queen Mary , wurde später Kommandant der Queen Elizabeth 2 und ging als Chefkapitän der gesamten Cunard-Flotte in Pension. »Doch wie hätte mir dieser verschwiegene Fremde die Lust an der Seefahrt vermitteln können? Er glänzte durch Abwesenheit. Ich kannte ihn kaum und wusste nicht, was es bedeutet, auf schwankenden Planken zu stehen.«
Den Rückstand holte Ronald Warwick unverzüglich auf und landete doch noch im Fahrwasser des Seniors. Er wurde Kadett, heuerte zwei Jahre später auf einem Frachter an und machte als 27-Jähriger sein Kapitänspatent. Was ihm anfangs wie eine Notlösung vorkam, entpuppte sich als glückliche Fügung. Bei dem Franzosen Charles Baudelaire hat der Engländer eine vielleicht etwas zu überschwängliche Erklärung für die Faszination des Meeres gefunden. Er zitiert sie trotzdem – schnell, fast beiläufig, bevor er sich wieder dem Diktat des Faktischen unterwirft: »Warum gewährt der Anblick des Meeres ein so unendliches und ewiges Entzücken? Weil das Meer gleichzeitig die Vorstellung der Unermesslichkeit und der Bewegung erweckt.« Und die schaukelnde Bewegung nistet sich ein. Auch wenn man wieder festen Boden unter den Füßen hat, wirkt das Spiel der Wellen noch eine Weile fort. So entsteht der Seemannsgang, den sich Warwick allerdings gar nicht erst angewöhnt hat.
Seit mehr als dreißig Jahren kreuzt er den Atlantik in den Diensten der Cunard Line. Mit dem Kapitänspatent in der Tasche stand er 1990, wo der Vater einst stand: als Kommandant auf der Brücke der Queen Elizabeth 2 . Anlässlich des 150. Jubiläums seiner Reederei nahm er dort die Glückwünsche der Königin entgegen. »Ein unvergesslicher Tag, die Krönung meines Lebenslaufs«, dachte er und irrte. Denn der Zenit seiner Karriere lag noch vor ihm. Nach wirtschaftlichen Krisenjahren der Cunard Line und deren Übernahme durch das amerikanische Kreuzfahrtunternehmen Carnival kam nun der unverhoffte Aufschwung auf den letzten Metern der Laufbahn. Mit Stolz und Freude nimmt Warwick das Angebot an, eine Riesin zu regieren: »Ich halte das für eine unglaubliche Ehre.«
Während seine Altersgenossen Pläne für den Ruhestand schmiedeten, ging Warwick nochmals in die Lehre. Fünf Wochen Fortbildung in einem Simulator in Miami, Testfahrten mit der QM2 in Saint-Nazaire. Die moderne Technik erfordert Präzision und langwierige Einarbeitung – bis am Ende alles ganz simpel aussieht. Eine leichte Berührung des Joysticks von Käpt’ns Zauberhand, und wie bei einem Riesenspielzeug lassen sich 150000 Bruttoregistertonnen butterweich manövrieren. Doch ein Blindfisch ist, wer glaubt, dass ein einziger Zeigefinger genügt, um von Southampton nach Fort Lauderdale zu gelangen. Eine 1254-köpfige Mannschaft – von der Phalanx hoch qualifizierter Offiziere bis zu den Matrosen und den Namenlosen unter Deck – trägt zum reibungslosen Ablauf unter Warwicks Obhut bei. So können die Passagiere, die nach dem Abendspaziergang an Deck im ersten schwimmenden Planetarium der Welt Platz nehmen, seelenruhig in den Sternen lesen.
Der Sicherheitsstandard hat historisches Höchstniveau erreicht. Das versichert Ronald Warwick auf die Frage nach den Risiken einer Einschiffung auf der QM2: »Aber ich hüte mich vor der Behauptung, es könne nie und nimmer etwas passieren. Die Zerstörung der Twin Towers in New York hat uns mit unserer Ohnmacht angesichts des Unvorhersehbaren konfrontiert; die Katastrophe auf der Werft von Saint-Nazaire steckt mir ebenso in den Knochen, wie sie die Stadt und ihre Bewohner mit Trauer überzieht.« Und dennoch bleibt die Hingabe an den Beruf unerschütterbar – ohne allerdings die Hoffnung auf ein Leben danach völlig auszublenden. Endlich die Restaurierungsarbeiten an dem alten Landhaus beenden und mehr Zeit für die Familie finden. Dabei hat Ronald Warwick – anders als der eigene Vater – seine Kinder schon früh an das Meer gewöhnt. Oft nahm er sie mit auf große Fahrt. Und wenn er nun auf der QM2 die Verantwortung übernimmt, ist seine Frau auch an Bord: »Sie lasse ich niemals allein.«
- Datum 31.12.2003 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2003 Nr.2
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