Anfang der achtziger Jahre nahm mich eine Freundin mit zum Treffen einer kirchlichen Friedensgruppe. Man zeigte den versammelten Dreizehn-, Vierzehnjährigen einen Film über die Schrecken des Atomkriegs: Bilder aus Hiroshima; die Splitter eines berstenden Fensters, die einen Kürbis zerfetzten, der ein Gesicht hätte sein können; die Hilflosigkeit und Lächerlichkeit eines Mannes im Anzug, der sich, auf Regierungsempfehlung, eine Aktentasche über den Kopf hielt, zum Schutz gegen die Strahlen. Gegen die unsichtbaren, tödlichen Strahlen, die alles Leben auf der Erde vernichten würden.

Wer solche Bilder gesehen hat, will keine Argumente mehr hören, keine verlogenen, komplizierten, vorgeschobenen Politikerargumente. Wer solche Bilder gesehen hat, will Frieden. Auf jeden Fall Frieden, egal, unter welchen Bedingungen. Frieden schaffen ohne Waffen. Lieber rot als tot. Mit dreizehn war ich gegen den Nato-Doppelbeschluss, weil ich schließlich wusste, welches Unheil er über uns bringen würde. Der schwärzeste Pädagoge hätte mir nicht mehr Angst machen können als die freundlichen Leute von der Friedensbewegung.

"So gab mir der Vater das Baby auf den Arm. Ungewaschen, wie es war, hatte er es in Großmutters Daunenkissen gewickelt. ›Wärm du es jetzt‹, sagte er. ›Ich löse dich später ab.‹ … Als es so hell wurde, dass ich Großmutters Monogramm im Kissenbezug sehen konnte, wurde ich so neugierig, dass ich meine Jacke, die das Köpfchen bedeckte, etwas beiseite schob und die Kissenzipfel auseinander zog, um das winzige Gesicht sehen zu können. Ich erstarrte. Ich konnte nicht schreien. Ich saß ganz steif. Meine kleine Schwester Jessica Marta hatte keine Augen. Dort, wo sie hätten sein müssen, war nichts als Haut, gewöhnliche Haut. Nur eine Nase war da und ein Mund, der an meiner Brust herumsuchte und saugen wollte. ›Vati‹, flüsterte ich, ›Vati‹ – Er kroch zu mir hin und beugte sich über meine Knie. ›Oh nein, nein‹, stöhnte er."

"Was ich nicht verstehe", sagt Gudrun Pausewang, die inzwischen 75-jährige Autorin des hier zitierten, 1983 erschienenen Atomkriegs-Bestsellers Die letzten Kinder von Schewenborn, oder: Sieht so unsere Zukunft aus? , am Telefon, "was ich nicht verstehe, ist, warum Sie in Ihrem Brief an mich dauernd nach Angst gefragt haben. Wieso Angst? Ich will keine Angst verbreiten. Ich will nur warnen."

"Ich schaute jetzt hinüber zur Mutter. Langsam begriff ich. Da fing ich an zu schreien. Ich schrie und schrie, bis ich schweißgebadet das Bewusstsein verlor. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich das Kind schreien. Ich hörte seine Stimme aus der Styropor-Schachtel. Es hatte eine kräftige Stimme. Der Vater trug die Schachtel gerade zur Treppe hinüber. ›Wo trägst du es hin‹, fragte ich voller Angst. ›Schlaf nur‹, sagte er. Ich merkte, dass er meinem Blick auswich. ›Das kannst du doch nicht machen‹, flüsterte ich. Ihm liefen Tränen über die Wangen. ›Was ist wohl barmherziger – so oder so?‹ fragte er. Ich taumelte zu ihm und streichelte die Schachtel. ›Tu ihr nicht weh, hörst du‹, schluchzte ich."