Vincent mochte nicht länger warten. Am 17. Dezember, zehn Tage vor Termin, kam er zur Welt. Und was für ein prächtiger Junge er ist! 3,4 Kilogramm, 52 Zentimeter. Seine Mutter Vivienne wickelt ihn liebevoll, während ihre Lebensgefährtin Sabine voller Stolz erzählt, wie aufgeweckt der Kleine schon sei, dass er nicht wie andere Babys nur schlafe und trinke, sondern schon begonnen habe, die Welt zu erkunden. Seit zehn Jahren sind die Berlinerinnen Vivienne und Sabine ein Paar, fast genauso lang wünschen sie sich ein Kind, ein eigenes, leibliches Kind. Von Anfang an stand fest, dass Vivienne, die dunkle, temperamentvolle Französin, es austragen sollte. Sabine, die kühler wirkende Blonde, wollte sich mit der Rolle der „Co-Mutter“ begnügen. „Ich mochte nie selbst ein Kind austragen“, sagt sie. Endlich ist es so weit, Vincent ist da.

Eine anonyme Samenspende kam für die beiden nicht infrage. Im Bekanntenkreis gab es nur einen alten Schulfreund von Sabine, den sie fragen mochten. Den heterosexuellen Single stürzte das Ansinnen der zwei Lesben in eine tiefe Krise, nach langem Überlegen sagte er ab. So lief die Zeit davon, während die beiden Frauen vergeblich weiter nach einem Vater suchten. Die biologische Uhr tickte. Vivienne und Sabine sind bereits 40 und 38 Jahre alt. Überraschend hat es dieses Jahr doch geklappt: Eine Freundin brachte sie mit einem alleinlebenden Schwulen zusammen, der zur Samenspende bereit war oder, wie sie lieber sagen: der bereit war, Vater zu werden.

Vivienne und Sabine sind Teil einer neuen Generation von selbstbewussten Schwulen und Lesben. Sie wollen nicht nur als Paare akzeptiert werden, sondern beanspruchen für sich auch das Recht, Kinder zu haben, Familien zu gründen. Es ist, als sei „ein Tabu gebrochen“, schreibt der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) in einem „Familienbuch“, einer Art Ratgeber zum Thema „Wie kommen Lesben und Schwule zum Kind?“.

Wie viele homosexuelle Eltern in Deutschland leben, darüber gibt es keine verlässlichen Zahlen, die sexuelle Orientierung wird in keiner Bevölkerungsstatistik erhoben. Ausgehend von Daten aus den USA, schätzt Lela Lähnemann, die Leiterin des Fachbereichs für gleichgeschlechtliche Lebensweisen beim Berliner Senat, dass jede dritte Lesbe und jeder fünfte Schwule Kinder haben. Dies entspräche in Deutschland rund einer Million schwul-lesbischer Eltern, wobei die meisten Kinder dieser Eltern allerdings aus früheren heterosexuellen Beziehungen stammen. Doch der Anteil jener Kinder, die aus homosexuellen Partnerschaften hervorgehen, steigt, wie viele Indizien belegen – die Fülle einschlägiger Websites, das wachsende Literaturangebot zum Thema, die zahllosen Kleinanzeigen in den Szeneblättern, wo nach Samenspendern gesucht wird, sowie neue Selbsthilfegruppen von Homosexuellen mit Kinderwunsch. Schon ist von einem „Gayby-Boom“ – Gay und Baby – die Rede.

„Es ist eine vorwärts drängende Bewegung“, sagt Lela Lähnemann. Viele sind auf der Suche – nach Vorbildern, nach Gedankenaustausch, auch nach potenziellen Partnern, um den Kinderwunsch zu realisieren. Die vor eineinhalb Jahren gegründete Berliner Initiative „Queer family – Lesbisch? Schwul? Kinderreich!“ hat inzwischen rund 140 Mitglieder, davon zwei Drittel Lesben. Die Gruppe ist eine Art Kontaktbörse, drei Kinder sind bereits daraus hervorgegangen.

„Es ist ein Experimentierfeld“, sagt Lela Lähnemann. Sie hat einmal alle Konstellationen von „Regenbogenfamilien“ aufgeschrieben, die ihr begegnet sind, und kam auf 16 Variationen. Da gibt es: die alleinerziehende lesbische Mutter; den schwulen Vater mit adoptiertem Kind plus Partner; zwei lesbische Mütter mit Kindern von anonymen Samenspendern; lesbische Paare, die beide Kinder aus früheren Ehen mitgebracht haben; schwule wie lesbische Paare als Pflegeeltern; und es tun sich Lesbenpaare mit Schwulenpaaren zusammen, um zu viert Kinder aufzuziehen. Der Weg zum Kind ist für Schwule und Lesben besonders schwer; dass sie ihn gehen, zeigt, wie stark ihr Kinderwunsch ist.

Wer, wie Vivienne und Sabine, nicht will, dass sich der Vater des Kindes auf einen Spermaklecks reduziert, hat es schwer, geeignete Samenspender zu finden. Einen wie Oliver. Er ist schwul, alleinstehend, ebenfalls 40 Jahre alt. Zwei-, dreimal trafen sie sich zu dritt, beschnupperten sich. „Ich bin nicht mehr 20, in meinem Alter kann ich nicht noch zehn Jahre warten“, sagt Vivienne. Jedoch war Oliver keine Notlösung. „Wir haben genau den gefunden, den wir wollten“, sagt Sabine. Die Insemination fand in Viviennes und Sabines Wohnung statt, „in einer entspannten Atmosphäre“, wie sie sagen. Vivienne wurde gleich schwanger.