Familie
Wenn die Eltern schwul sind
Homosexuelle Paare wünschen sich immer häufiger ein Kind. Aber der Wunsch ist schwer zu erfüllen: Wie kommen Lesben zu einem Samenspender? Und Schwule zu einer Mutter? Noch dazu, wenn die Gesetze sie benachteiligen und sie sich selber fragen, ob ihre Kinder mit den neuen Lebensentwürfen zurechtkommen
Vincent mochte nicht länger warten. Am 17. Dezember, zehn Tage vor Termin, kam er zur Welt. Und was für ein prächtiger Junge er ist! 3,4 Kilogramm, 52 Zentimeter. Seine Mutter Vivienne wickelt ihn liebevoll, während ihre Lebensgefährtin Sabine voller Stolz erzählt, wie aufgeweckt der Kleine schon sei, dass er nicht wie andere Babys nur schlafe und trinke, sondern schon begonnen habe, die Welt zu erkunden. Seit zehn Jahren sind die Berlinerinnen Vivienne und Sabine ein Paar, fast genauso lang wünschen sie sich ein Kind, ein eigenes, leibliches Kind. Von Anfang an stand fest, dass Vivienne, die dunkle, temperamentvolle Französin, es austragen sollte. Sabine, die kühler wirkende Blonde, wollte sich mit der Rolle der „Co-Mutter“ begnügen. „Ich mochte nie selbst ein Kind austragen“, sagt sie. Endlich ist es so weit, Vincent ist da.
Eine anonyme Samenspende kam für die beiden nicht infrage. Im Bekanntenkreis gab es nur einen alten Schulfreund von Sabine, den sie fragen mochten. Den heterosexuellen Single stürzte das Ansinnen der zwei Lesben in eine tiefe Krise, nach langem Überlegen sagte er ab. So lief die Zeit davon, während die beiden Frauen vergeblich weiter nach einem Vater suchten. Die biologische Uhr tickte. Vivienne und Sabine sind bereits 40 und 38 Jahre alt. Überraschend hat es dieses Jahr doch geklappt: Eine Freundin brachte sie mit einem alleinlebenden Schwulen zusammen, der zur Samenspende bereit war oder, wie sie lieber sagen: der bereit war, Vater zu werden.
Vivienne und Sabine sind Teil einer neuen Generation von selbstbewussten Schwulen und Lesben. Sie wollen nicht nur als Paare akzeptiert werden, sondern beanspruchen für sich auch das Recht, Kinder zu haben, Familien zu gründen. Es ist, als sei „ein Tabu gebrochen“, schreibt der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) in einem „Familienbuch“, einer Art Ratgeber zum Thema „Wie kommen Lesben und Schwule zum Kind?“.
Wie viele homosexuelle Eltern in Deutschland leben, darüber gibt es keine verlässlichen Zahlen, die sexuelle Orientierung wird in keiner Bevölkerungsstatistik erhoben. Ausgehend von Daten aus den USA, schätzt Lela Lähnemann, die Leiterin des Fachbereichs für gleichgeschlechtliche Lebensweisen beim Berliner Senat, dass jede dritte Lesbe und jeder fünfte Schwule Kinder haben. Dies entspräche in Deutschland rund einer Million schwul-lesbischer Eltern, wobei die meisten Kinder dieser Eltern allerdings aus früheren heterosexuellen Beziehungen stammen. Doch der Anteil jener Kinder, die aus homosexuellen Partnerschaften hervorgehen, steigt, wie viele Indizien belegen – die Fülle einschlägiger Websites, das wachsende Literaturangebot zum Thema, die zahllosen Kleinanzeigen in den Szeneblättern, wo nach Samenspendern gesucht wird, sowie neue Selbsthilfegruppen von Homosexuellen mit Kinderwunsch. Schon ist von einem „Gayby-Boom“ – Gay und Baby – die Rede.
„Es ist eine vorwärts drängende Bewegung“, sagt Lela Lähnemann. Viele sind auf der Suche – nach Vorbildern, nach Gedankenaustausch, auch nach potenziellen Partnern, um den Kinderwunsch zu realisieren. Die vor eineinhalb Jahren gegründete Berliner Initiative „Queer family – Lesbisch? Schwul? Kinderreich!“ hat inzwischen rund 140 Mitglieder, davon zwei Drittel Lesben. Die Gruppe ist eine Art Kontaktbörse, drei Kinder sind bereits daraus hervorgegangen.
„Es ist ein Experimentierfeld“, sagt Lela Lähnemann. Sie hat einmal alle Konstellationen von „Regenbogenfamilien“ aufgeschrieben, die ihr begegnet sind, und kam auf 16 Variationen. Da gibt es: die alleinerziehende lesbische Mutter; den schwulen Vater mit adoptiertem Kind plus Partner; zwei lesbische Mütter mit Kindern von anonymen Samenspendern; lesbische Paare, die beide Kinder aus früheren Ehen mitgebracht haben; schwule wie lesbische Paare als Pflegeeltern; und es tun sich Lesbenpaare mit Schwulenpaaren zusammen, um zu viert Kinder aufzuziehen. Der Weg zum Kind ist für Schwule und Lesben besonders schwer; dass sie ihn gehen, zeigt, wie stark ihr Kinderwunsch ist.
Wer, wie Vivienne und Sabine, nicht will, dass sich der Vater des Kindes auf einen Spermaklecks reduziert, hat es schwer, geeignete Samenspender zu finden. Einen wie Oliver. Er ist schwul, alleinstehend, ebenfalls 40 Jahre alt. Zwei-, dreimal trafen sie sich zu dritt, beschnupperten sich. „Ich bin nicht mehr 20, in meinem Alter kann ich nicht noch zehn Jahre warten“, sagt Vivienne. Jedoch war Oliver keine Notlösung. „Wir haben genau den gefunden, den wir wollten“, sagt Sabine. Die Insemination fand in Viviennes und Sabines Wohnung statt, „in einer entspannten Atmosphäre“, wie sie sagen. Vivienne wurde gleich schwanger.
Jetzt sitzen alle drei in Olivers renovierter Altbauwohnung beim Nachmittagskaffee zusammen, der Blick von der Dachterrasse geht über die von einer fahlen Sonne beschienenen Dächer Berlins. Zum ersten Mal reden sie zu dritt mit einem Außenstehenden über ihre Familienplanung; und es wird offenbar, dass es noch viel Gesprächsbedarf über die künftige Rollenverteilung bei der Erziehung des gemeinsamen Kindes gibt.
Oliver nämlich mag nicht bloß Samenspender sein. Dazu hat er sich zu sehr nach eigenen Kindern gesehnt. „Mit dem Schwulsein habe ich nie Probleme gehabt“, sagt er. „Nur was Kinder angeht, da habe ich mir immer gewünscht, ich wäre hetero.“ Dass nun doch noch ein Kind von ihm zur Welt kommt, erfüllt ihn mit Stolz. Er will teilhaben an der Entwicklung des Sohnes. Und auch dieses Gefühl genießen: „Da ist einer, der ähnelt dir.“
Schwules Paar sucht lesbisches Paar: Für ein gemeinsames Kind
Vivienne und Sabine möchten aber keinen aktiven Vater, keinen Dritten, mit dem sie Kindererziehung und Beziehung teilen müssen. Ein Freund, der regelmäßig zu Besuch kommt, soll Oliver sein. Und der Sohn soll auch wissen, dass Oliver sein Vater ist. „Aber Papa soll er nicht zu ihm sagen!“, meint Sabine. „Wenn er Papa sagt, würde er nur eine Leerstelle markieren, dann würde auffallen, dass etwas fehlt. Mich soll er auch nicht Mama nennen, sondern mit dem Vornamen anreden.“
Manche Probleme dieser Dreierkonstellation werden sich wohl schnell erledigen, da Vivienne und Sabine vorhaben, im nächsten Jahr nach Frankreich zu ziehen. Vivienne möchte dort Lehrerin sein, wie früher schon. Sabine wird Elternzeit beantragen und in erster Linie für das Kind da sein. Um dies in Anspruch nehmen zu können, werden die beiden ihre Partnerschaft demnächst noch auf dem Standesamt eintragen lassen.
Oliver, Französischlehrer, ist fest entschlossen, künftig in den Ferien Vivienne und Sabine in Frankreich zu besuchen, um seinen Sohn so oft wie möglich zu sehen. „Ich glaube, dass er reifer sein wird als andere Kinder“, vermutet Oliver. „Ich hoffe, dass wir ihm Kraft geben können“, sagt Vivienne. Mit zwei Lesben als Eltern wird es ihr Sohn nicht immer leicht haben, das wissen sie. Und was, wenn er heterosexuell wird? „Davon gehen wir aus“, meint Vivienne und blickt, als wolle sie sagen: Na und? „Für das, was wir tun, gibt es kein Vorbild“, sagt Sabine. „Uns bleibt nichts anderes, als uns selbst zu erfinden.“
Der wachsende Kinderwunsch Homosexueller ist Ausdruck eines neuen Selbstwertgefühls; schwul-lesbisches Leben ist selbstverständlicher geworden. Das 2001 in Kraft getretene Lebenspartnerschaftsgesetz hat dazu beigetragen, aber auch selbstbewusste Auftritte von Schwulen wie der des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit („Ich bin schwul, und das ist auch gut so!“) haben das gesellschaftliche Klima verändert. Im Gegenzug hat sich die Einstellung der Homosexuellen gewandelt. Kinderkriegen, das war identisch mit heterosexuellem Geschlechtsverkehr, also verpönt. Ein Homosexueller, der etwas auf sich hielt, wünschte sich kein Kind – oder durfte es sich nicht wünschen. In der Homo-Szene haben schwule Eltern ihre Kinder aus früheren Ehen oft verheimlicht. Doch der Automatismus von Sexualität und Kinderkriegen hat sich längst aufgelöst; so wie immer mehr Heteropaare kinderlos bleiben, wollen umgekehrt immer mehr Schwule und Lesben ihre Sehnsucht nach einem Kind nicht länger verdrängen.
„Um Kinder kannst du dich nicht kümmern, wenn du dich mit der Frage quälst: Sag ich am Arbeitsplatz, dass ich schwul bin, oder nicht?“, sagt der 37-jährige Bankkaufmann Mario. Er hat mit seinem 35-jährigen Partner Georg und drei lesbischen Paaren vor wenigen Wochen in Hamburg die Initiative „Kids wanted“ ins Leben gerufen.
Am liebsten würden Mario und Georg ein lesbisches Paar finden, mit dem sie gemeinsam ein Kind großziehen können. „Ich hab im Leben so viel Liebe bekommen, das möchte ich weitergeben“, sagt Mario. „Natürlich spielt auch eine Rolle, dass ich mich vervielfältigen möchte. Wenn da derselbe Leberfleck wieder auftaucht, das ist doch was ganz Besonderes!“, fügt Georg hinzu. „Ich hab schon ins Abiturjahrbuch geschrieben, dass ich mal drei Kinder haben werde, obwohl ich damals bereits wusste, dass ich schwul bin.“
Der Gayby-Boom bringt das letzte Argument ins Wanken, mit dem Politik und Rechtsprechung in Deutschland bislang die vollständige Gleichstellung homosexueller Paare mit Ehepaaren verhindert haben: Die Ehe sei verfassungsrechtlich besonders geschützt, weil sie Mann und Frau bei der Gründung einer Familie absichern soll, während homosexuelle Paare ja kinderlos blieben – so hat das Bundesverfassungsgericht 1993 in seiner Entscheidung zur „Aktion Standesamt“ die Ungleichbehandlung gerechtfertigt. Auf dieses Argument baute die Rechtsprechung in der Folgezeit auf. So verweigerte das Bundesarbeitsgericht 1997 homosexuellen Paaren, die als Beamte tätig sind, den Ortszuschlag (den auch kinderlose Ehepaare erhalten) – mit der Begründung, „die gleichgeschlechtliche Gemeinschaft“ sei „jedenfalls in einem Punkt mit der Ehe nicht vergleichbar“: Sie sei „im Gegensatz zur Ehe nicht zur Reproduktion der Bevölkerung geeignet“.
Sogar das Lebenspartnerschaftsgesetz der rot-grünen Koalition hat diese Auffassung übernommen. So dürfen Schwule nicht gemeinsam Kinder adoptieren. Für sie gibt es auch kein gemeinsames Sorgerecht. Und wenn der leibliche Elternteil stirbt, dann geht das Sorgerecht nicht auf den anderen Elternteil über, auch nicht wenn das Paar eine Lebenspartnerschaft eingegangen war. Das Gesetz gibt Co-Müttern und Co-Vätern lediglich das „kleine Sorgerecht“ für „Angelegenheiten des täglichen Lebens des Kindes“, und auch dies nur „im Einvernehmen mit dem sorgeberechtigten Elternteil“. Steuervergünstigungen schließlich werden homosexuellen Eltern ebenfalls nicht gewährt, Homosexuelle kommt ein Kind deshalb teurer zu stehen als Ehepaare. Die Gesellschaft jedoch ist viel weiter als die Politik.
Gluckenhafte leibliche Mutter und burschikose Co-Mutter
Verbale Attacken gegen schwul-lesbische Familien sind heute kaum mehr zu hören, wie noch in den neunziger Jahren, als der inzwischen verstorbene Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba in einer Talkshow wetterte: „Zwei Lesben mit einer Anonympulle Sperma im Tiefkühlfach, das ist doch keine Familie!“ Heute klingt fundamentale Kritik nur noch verhalten an. „Es gibt kein Recht auf Reproduktion“, sagt etwa der katholische Theologe und Bioethikexperte Dietmar Mieth von der Universität Tübingen. Er ist deshalb gegen eine Freigabe der Samenspende für lesbische Paare. Nur wenn sie medizinisch indiziert sei, wenn etwa ein Ehemann unfruchtbar ist, will er sie zulassen. Homosexualität sei ja aber gerade keine Krankheit.
Es geht auch ohne technische Hilfsmittel. Die 40jährige Johanna und ihre 36-jährige Partnerin Mareike bekamen ihren Sohn Jonas durch eine anonyme Samenspende. Jonas, ein aufgeweckter und kontaktfreudiger Junge, wurde vor zweieinhalb Jahren geboren. Eine lange Odyssee war der Geburt vorausgegangen. Wer die beiden Frauen sieht, kommt schnell darauf, dass die mütterliche, gluckenhaft wirkende Johanna die leibliche Mutter ist und die eher burschikose Mareike die Co-Mutter.
Ihre Hamburger Altbauwohnung sieht aus wie alle Wohnungen, in denen Kinder leben – Spielzeug und Kindersachen liegen verstreut herum. Jonas’ Kinderzimmer ist mit großen, bunten Kisten voller Legosteine bestückt. Der Rest der Wohnung – helle Ikea-Möbel, Grünpflanzen und ein Hochbett – verströmt das Wohngemeinschaftsflair früherer Jahre, als Mareike und Johanna hier noch allein lebten.
In ihrem Beruf als Sozialpädagoginnen haben beide mit Kindern zu tun. Stets stand fest, dass sie auch eigene wollten, ohne dass irgendein Mann sich einmischen sollte. Zunächst suchten sie einen Samenspender per Inserat in Szene-Zeitschriften. Eine Freundin spielte die Mittlerin. Die Männer, die sich meldeten, sollten Mareikes und Johannas Identität nicht erfahren. Es gingen etliche Zuschriften ein, aber nur wenige seriöse. Ein Mann beschrieb minutiös, wie er sich den Zeugungsakt mit Johanna vorstellte, ein anderer legte 20 Nacktfotos von sich bei.
Mit einigen Spendewilligen, deren Zuschriften vertrauenerweckend wirkten, traf sich Johannas Freundin in einer Kneipe und versuchte, sich ein Bild zu machen: Was für einen Eindruck machen die? Sind sie gesund? Einer schien infrage zu kommen, zu ihm fuhren Johanna und ihre Freundin. Johanna wartete im Auto, während die Freundin das frische Sperma bei dem Mann abholte. Gleich danach, auf dem Rücksitz im Wagen, inseminierte Johanna – vergeblich, sie wurde nicht schwanger. Bei einem anderen vermeintlichen Spender, einem 22Jährigen, den sie zuvor getroffen hatte, klingelte die Freundin Sturm, während Johanna wieder im Auto wartete. Aber der Mann öffnete nicht.
Nach den frustrierenden Erfahrungen wandten sich Johanna und Mareike an eine Samenbank in Holland. Da deutsche Samenbanken bislang keine lesbischen Frauen behandelten, waren holländischen Kliniken für viele Lesben lange Zeit die letzte Hoffnung (siehe Kasten unten). Mehrere Inseminationsversuche schlugen fehl. Morgens waren sie von Hamburg aus dorthin gefahren, nach einem kurzen Gespräch mit dem Arzt folgte die Insemination, am Abend fuhren sie wieder zurück. Schwanger war Johanna nicht geworden. „Das Geld wollte der Arzt bar auf die Hand“, erzählt Johanna. In einer anderen holländischen Klinik, in der Johanna und Mareike über Nacht blieben, war der zweite Versuch schließlich erfolgreich.
Auf Ablehnung sind die beiden Mütter bisher nirgendwo gestoßen. Die Hebamme habe sie stets als Eltern angesprochen. Und als Jonas da war, hätten Nachbarn, Verwandte und Freunde „so reagiert, als wäre alles ganz normal“, sagt Mareike. Die Eltern gratulierten Mareike: „Schön, dass ihr jetzt eine komplette Familie seid!“ Auch Johannas Eltern sind glücklich über ihr erstes Enkelkind. In Jonas’ Kinderzimmer hängen Farbfotos, sie zeigen Jonas beim Toben im großen Garten mit seinem Großvater. Auch die Erzieherinnen im Hort wissen inzwischen Bescheid. „Als ich denen irgendwann mal erzählt habe, der Jonas hat zwei Mamas, sagten sie nur: Das haben wir uns schon gedacht“, erzählt Johanna.
Seine beiden Mütter spricht Jonas mit dem Vornamen an. Sie teilen sich die Erziehung, beide üben weiter ihren Beruf aus. Den Hortplatz hat Johanna erhalten, weil sie sich als Alleinerziehende ausgab und deshalb vorgezogen wurde – ein kleiner Trick, den beide Frauen für legitim halten angesichts der Benachteiligungen, die vor allem Co-Mutter Mareike hinnehmen muss. „Ich habe rechtlich nichts zu melden“, sagt sie. „Ich muss für alle Fälle immer eine Vollmacht von Johanna dabeihaben“, auch wenn sie mit dem Sohn zum Arzt geht.
Während des Erziehungsurlaubs, als Johanna zu Hause blieb, habe es in ihrer Beziehung „ansatzweise eine Tendenz wie bei heterosexuellen Paaren“ gegeben. „Der Mann macht dann gar nichts mehr im Haushalt, weil die Frau ja nun zu Hause ist“, sagt Johanna. Die Frau, das war sie, Johanna, der Mann, das war Mareike. Inzwischen jedoch teilen sich die beiden Mütter auch den Haushalt zu gleichen Teilen.
Jedes Kind hat das Recht, seine Abstammung zu kennen
Was werden sie ihrem Sohn einmal über seinen Vater sagen? „Wir werden ihm die Wahrheit sagen, wenn er danach fragt“, antwortet Johanna. Beiden ist bewusst, dass Jonas mit der Hypothek aufwächst, seinen leiblichen Vater nicht zu kennen. Doch ist er mit dieser Hypothek nicht allein: In einer lesbischen Mutter-Kind-Gruppe wächst er mit drei anderen Kindern heran, die ihre Väter auch nicht kennen. Das werde es Jonas erleichtern, mit seiner Situation zurechtzukommen, hoffen sie. Inzwischen hat Johanna erneut versucht, schwanger zu werden – an derselben holländischen Klinik, mit einer Spende von demselben anonymen Erzeuger. Jonas soll ein echtes Geschwisterchen bekommen. Bisher schlugen die Versuche fehl.
Viele Lesben versuchen, den Spermaspender in die Anonymität zu verbannen. Dagegen steht jedoch das Recht jedes Kindes, seine genetische Abstammung zu kennen. Das Bundesverfassungsgericht hat diesen Anspruch der UN-Kinderrechtskonvention mehrmals bestätigt. Jedem Kind muss danach die Chance gegeben werden, seinen leiblichen Vater kennen zu lernen. Deshalb darf heute keine deutsche Samenbank ihren Spendern Anonymität zusichern. Viele tun es unter der Hand dennoch. Die Entscheidung des Verfassungsgerichts ist nie in ein Gesetz eingeflossen.
Schweden war das erste Land weltweit, das Kindern 1985 das Recht einräumte, „wenn sie reif genug sind“, die Identität des genetischen Vaters zu erfahren. Dafür werden die Daten aller Samenspender in einem landesweiten Register gesammelt. In Holland gilt seit Mitte vergangenen Jahres ein ähnliches Gesetz. Nun dürfen die Fortpflanzungskliniken des Landes nur noch so genannte „Yes“-Spender akzeptieren, die erlauben, dass die gezeugten Kinder später mit ihnen in Kontakt treten können. „No“-Spender, die auf ihre Anonymität bestehen, werden nur noch zugelassen, wenn mit ihrem Sperma bereits ein Kind gezeugt wurde und die Eltern erneut vorstellig werden.
Heute gibt es lange Wartelisten in Holland, auf denen einheimischen Paaren der Vorzug gegeben wird. Lesbische Paare aus Deutschland haben das Nachsehen. Der Grund für die Kehrtwende – weg von der Anonymität des genetischen Vaters, hin zu größtmöglicher Transparenz – sind Erfahrungen mit Adoptivkindern. Für viele von ihnen spielt ihre genetische Herkunft auch dann eine wichtige Rolle bei der Identitätsbildung, wenn sie ein gutes Verhältnis zu ihren Adoptiveltern haben und ihre biologischen Eltern keine Rolle in ihrem Leben spielten.
Als neue Destination lesbischer Paare mit Kinderwunsch etabliert sich gerade Dänemark, wo etwa die Kopenhagener Stork-Klinik auf Deutsch damit wirbt, dass 60 Prozent ihrer Kundinnen lesbische oder alleinstehende Frauen seien. Außerdem deutet sich seit kurzem ein Sinneswandel unter deutschen Fortpflanzungsmedizinern an, sagt Thomas Katzorke vom Zentrum für Reproduktionsmedizin in Essen, der größten Samenbank Deutschlands. Zum einen gebe es seit dem neuen Partnerschaftsgesetz keinen Grund mehr, lesbische Paare auszuschließen. „Schließlich sanktioniert jetzt der Staat ihre Verbindung“, so Katzorke. Zum anderen wurde im vergangenen Jahr das Kindschaftsrecht so reformiert, dass bei einer Samenspende weder der Arzt noch der Spender weiterhin fürchten muss, auf Unterhalt verklagt werden zu können.
So weit war man vor 21 Jahren noch nicht, als Valerie mittels einer Kanüle in einer Arztpraxis gezeugt wurde. Ihre Mutter Karen war damals alleinstehend, mit Männern hatte sie kein Glück. Aber sie wollte ein Kind, allein für sich. Sie fand einen Arzt, der unter der Hand bereit war, ihr mit einer anonymen Samenspende ihren Wunsch zu erfüllen. Nur vier Dinge teilte er über den Spender mit: Er sei weiß, gesund, intelligent und sehe gut aus. Zum ersten Mal wollen Mutter und Tochter an einem Samstagnachmittag vor einem größeren Auditorium über ihr Leben berichten. Sie sind zu Gast bei Queer family. Der dunkle Souterrainraum des Berliner Lesben- und Schwulenverbandes ist voll mit lesbischen und schwulen Paaren, die sich Kinder wünschen.
Mucksmäuschenstill ist es, als Valerie mit zitternder Stimme erzählt, wie sie sich im Kindergarten und in der Schule ständig absonderte, damit die anderen sie nicht fragten: „Wer ist denn dein Papa?“ Wie sie nach Karens Coming-out als Lesbe im Kindergarten strahlend verkündete: „Meine Mama und ihre Freundin haben sich verlobt“, und die anderen Kinder sie hänselten. Seitdem war Valeries einziges Bestreben: „Nicht auffallen, glatt sein.“ Als Kind kleidete sie sich in unauffälligen dunklen Hosen und Sweatshirts.
Sie schämte sich ihrer lesbischen Mutter und deren Freundin. Sie ging lieber mit zu anderen Kindern nach Hause, als sie zu sich einzuladen. Verliebte sich ein Junge in sie, behandelte sie ihn so schroff, dass er sich von ihr abwandte. Und immer die bohrenden Fragen: Wer ist mein Vater? Habe ich Geschwister? Welchen Verwandten sehe ich ähnlich? „Mir fehlt eine genetische Hälfte“, sagt sie. Immer wieder hat sie beim Anblick fremder Männer gedacht: „Könnte das mein Vater sein?“ Als Valerie in die Pubertät kam, hat Karen auf Wunsch der Tochter noch einmal versucht, den Spender zu finden. Aber der Arzt, der die Samenspende einst vornahm, ist längst tot. Der Nachfolger in der Arztpraxis legte den Hörer auf, als sie nach dem Samenspender fragte.
„Ich konnte das Leid meiner Tochter nicht ertragen, ich habe mich versteckt, mich zurückgezogen“, sagt die Mutter vor dem Publikum. Die Beziehung zu ihrer Freundin zerbrach. Schuldgefühle wegen ihrer Entscheidung hatte Karen allerdings nie. Sie ist stolz und glücklich, dass es Valerie gibt. Mutter und Tochter fassen sich bei den Händen, drücken sie ganz fest. Erst seit kurzem kann Valerie über all das reden. Erst spät habe sie akzeptiert, dass ihre Mutter lesbisch ist. „Ich verübele meiner Mutter nichts.“ Und ans Publikum gerichtet, sagt sie: „So gewünscht wie von euch können Kinder doch gar nicht sein!“ Sie macht eine Pause. „Aber nehmt keine No-Spende. Ihr wisst nicht, was ihr einem Kind damit antut!“
Leiden Kinder von Schwulen und Lesben unter ihren Eltern? In Deutschland lässt sich diese Frage nicht beantworten. In Brüssel haben Psychologen und Ärzte des Universitätskrankenhauses über zwanzig Jahre lang lesbische Eltern und ihren Nachwuchs beobachtet und festgestellt, dass „Kinder aus lesbischen Familien sich so gut wie gar nicht von denen aus heterosexuellen Familien unterscheiden“, sagt Patricia Baetens, eine der Psychologinnen.
Kinder schwuler Eltern werden gehänselt, nicht stigmatisiert
Studien aus den USA, Großbritannien oder Holland kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass Kinder schwuler und lesbischer Eltern im Schnitt genauso intelligent, emotional ausgeglichen und körperlich gesund sind wie ihre Altersgenossen, die bei Vater und Mutter aufwachsen. Auch in ihrem Rollenverhalten, wie sie spielen und sich unter Gleichaltrigen benehmen, entsprechen sie „richtigen Mädchen“ und „richtigen Jungen“. Nicht bewahrheitet hat sich den Untersuchungen zufolge die Annahme, die Kinder würden selbst schwul oder lesbisch; allerdings sind sie erwartungsgemäß toleranter gegenüber Minderheiten. Zwar mussten sie sich wegen ihrer Eltern Hänseleien anhören, stigmatisiert fühlten sich die meisten Kinder dennoch nicht. Lela Lähnemann von der Berliner Senatsverwaltung ist skeptischer: „Uns allen ist klar, dass ,schwul‘ eines der beliebtesten Schimpfworte auf deutschen Schulhöfen ist und die meisten Kinder nicht offen mit anderen über ihre Familienform sprechen.“
Als Eltern schneiden homosexuelle Paare in mancherlei Hinsicht sogar besser ab als heterosexuelle. So teilten homosexuelle Paare die Erziehung partnerschaftlicher auf, sagt der Leiter des bayerischen Instituts für Frühpädagogik und Familienforschung, Wassilios Fthenakis, der für ein Gutachten des Bundesjustizministeriums die vorliegenden ausländischen Untersuchungen zusammengefasst hat: „Einige Studien weisen sogar darauf hin, dass homosexuelle Eltern sehr auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen.“ Schwul-lesbische Familien seien gezwungen, Konflikte anders zu lösen als die traditionelle Familie mit ihrer geschlechtsspezifischen Rollenverteilung, meint Gabriele Kämper von der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen. In keiner der vielen Konstellationen von Regenbogenfamilien sei die Rollenzuschreibung vorgegeben, Konsens sei in der Regel nur, dass „die Familienstruktur allen Beteiligten gerecht werden soll“.
„Ob die Schwulen und Lesben, die sich ein Kind wünschen, auch die Pubertät des Kindes mit im Auge haben?“ Der das fragt, ist selbst schwul und hat die Pubertät seiner Tochter hautnah erlebt: Herbert K., 48 Jahre, Pfarrer in Hamburg. Er war verheiratet, hat zwei Töchter, die heute 17 und 23 Jahre alt sind. Vor allem Tina, die Ältere, hat unter der Trennung gelitten. Als sie 14 war, zog sie bei der Mutter aus und beim Vater ein. Herbert lacht dröhnend: „Ein Teenager und ein Mann, der sich selbst sucht – und das unter den Bedingungen des Pfarrhauses!“
Heute leben Herbert und Tina getrennt, für dieses Gespräch sind sie zusammengekommen. Man spürt, dass sie aneinander hängen, aber auch, dass es zwischen ihnen mitunter heftig krachen kann. In ihrer Pubertät sei sie nur von Schwulen und Lesben umgeben gewesen, sagt Tina: „Mit ganz normalen heterosexuellen Männern konnte ich lange Zeit nur schwer umgehen. Ich wusste nicht, wie sie denken und fühlen.“ Sie erinnert sich an Geburtstagspartys ihres Vaters, auf denen sie „niedergemacht“ wurde und am Ende froh war, als ihre Oma kam – „wenigstens noch ein zweiter heterosexueller Mensch“. Ihr Vater räumt ein: „Man bringt Kinder in eine Außenseiterposition.“
Ein eigenes Kind musste es nicht sein, da waren sich Sebastian und Timo einig. Doch ein Kind zu adoptieren, ist für ein schwules Paar nahezu aussichtslos. Auf jedes zur Adoption freigegebene Kind kommen im Schnitt bundesweit mehr als zehn Bewerber. Die Vermittlungsbehörden können sich das in ihren Augen optimale Elternpaar heraussuchen. Schwule gehören fast nie dazu. So bleibt den meisten nur die Auslandsadoption. Sie kostet viel Geld und ist umstritten, weil die angenommenen Kinder nicht in der eigenen Kultur aufwachsen.
Eine Freundin machte Sebastian und Timo auf die Möglichkeit aufmerksam, ein Kind in Pflegschaft zu nehmen. Da stehen die Chancen für Schwule besser, denn es gibt in Deutschland zu wenige Paare, die ein Kind aus schwierigen Verhältnissen bei sich aufnehmen – zumal, wenn ungewiss ist, wie lange es bei ihnen bleiben wird. Nicht selten bekommen lesbische und schwule Paare Problemkinder vermittelt – behinderte, misshandelte oder solche von Müttern mit schweren Alkoholproblemen.
Das Jugendamt machte Sebastian und Timo deutlich, dass man zuerst nach einer idealen „Vater-und-Mutter-Familie“ schaue, weil man die Kinder nicht belasten möchte durch mögliche Hänseleien in Kindergarten und Schule. Das jedoch sei das einzige Mal gewesen, dass sie sich diskriminiert gefühlt hätten, sagt Sebastian. Ob beim Infoabend oder bei der Prüfung ihrer Wohn- und Lebensumstände durch die Behörden – niemals hätten sie Argwohn gespürt.
Der entscheidende Anruf vom Jugendamt erreichte sie im Januar 2002. Für einen zweijährigen Jungen wurden Pflegeeltern gesucht. Als sie Jannik von weitem sahen, war beiden klar: Das Kind passt. „Der hatte so einen lustigen Gang“, erinnert sich Sebastian. Sie spielten zusammen, unternahmen gemeinsame Spaziergänge, bevor Jannik die beiden besuchen durfte. Drei Wochen dauerte die Annäherungsphase, dann bezog Jannik mit einer Tasche und einem Stofftier in der Schöneberger Altbauwohnung Quartier. Ein Jahr später kam Paul, das zweite Pflegekind, aus einer anderen Familie.
Papa Sebastian, Papa Timo werden sie von den Kindern genannt. Im Kindergarten heißt es: „Einer von Janniks Papas ist da.“ Nachbarn gratulierten zum Nachwuchs. Die Eltern von Papa Timo und Papa Sebastian sind stolz, unverhofft Oma und Opa geworden zu sein.
Wer wickelt und wäscht? Wer steht nachts auf, wenn ein Kind weint? Sie haben sich die Rollen aufgeteilt – klassisch. Der Arzt, Timo, arbeitet weiterhin Vollzeit. Sebastian, Bewegungstherapeut, hat die ersten sechs Monate nach der Ankunft der Kinder freigenommen und danach seine Arbeitszeit auf halbtags reduziert. Er kocht und füttert, bindet die Schuhe zu, und wenn ein Kind hinfällt, sucht es zuerst Trost bei ihm. „Ich bin die Papa-Mama“, sagt Sebastian.
Hörten sie niemals dumme Sprüche? „Doch“, sagt Timo. „Das größte Unverständnis gab es im schwulen Freundeskreis.“ Früher haben sie viel getanzt, waren fast jedes Wochenende auf der Piste. Wenn Freunde heute anrufen, müssen die Väter passen: „Wir können die Kleinen nicht allein lassen.“ Plötzlich werden die kinderlosen Freunde fremd. Junge Eltern kennen das, wie so vieles, was die schwulen Väter erzählen. Zum Beispiel die Angst Timos, des Ernährers, plötzlich nicht mehr nur für sich selbst, sondern für eine ganze Familie verantwortlich zu sein. Oder die Illusion Sebastians, des Daheimbleibenden, neben den Kindern noch ganz viel Zeit für sich selbst zu haben. Selbst die Konflikte ähneln denen heterosexueller Eltern. „Denk dran, ich bin allein mit den Kindern zu Haus!“, mahnt Sebastian, wenn Timo beruflich unterwegs ist.
Lange haben sie diskutiert, ob es gut ist, wenn ein Kind bei zwei Männern aufwächst. Die Alternative wäre das Heim, lautete die Antwort. Da, glauben die beiden, können sie den Kindern mehr Geborgenheit bieten. Zudem erziehen sie ihre Kinder ja nicht schwul. „Kinderlieder sind Kinderlieder“, sagt Sebastian. „Und anders beten tun wir auch nicht.“ Damit ihre Jungs nicht ohne Frauen aufwachsen, kommen die Großmütter und Patentanten regelmäßig zu Besuch.
Wie die Rollen von Sascha und Markus, von Annette und Corinna einmal aussehen werden, ist noch unklar. Die zwei schwul-lesbischen Paare bilden seit Ende September, als die kleine Nadine geboren wurde, ein Elternquartett. Die lesbische Annette ist die leibliche Mutter, der schwule Sascha der Samenspender. Die anderen beiden im Quartett sind die Partner von Annette und Sascha. Beide Paare sind seit längerem befreundet. Sie sind alle um die 30 und außer Annette noch im Studium. Von Annette, mit 34 die Älteste, ging die Initiative zu der ungewöhnlichen Familiengründung aus. Eines Tages fragte sie Sascha, ob er sich vorstellen könne, Vater eines gemeinsamen Kindes zu sein. „Das war schon so ’n kleiner Schock“, sagt er. „Ich hab erst mal Herpes gekriegt.“
Es folgten viele Diskussionen, zu viert, zu zweit. Er habe sich schon vorstellen können, Vater zu werden, sagt Sascha, aber immer gebunden an seinen Freund Markus, er musste es mittragen. Doch der reagierte zunächst skeptisch: „Wer bin ich denn da? Ich habe die entfernteste Rolle“, sagt Markus. Jetzt, da Nadine auf der Welt ist, haben sich bei beiden Männern Vatergefühle eingestellt, und Markus sagt, während er die schlafende Nadine im Arm hält: „Das Kind hat Sascha und mich noch mehr zusammengeschweißt.“
Annette und Corinna waren sich schon länger darüber einig, dass sie ein Kind wollten, auch dass Annette es austragen soll. Im Freundeskreis kamen nur Sascha und Markus als Erzeuger infrage. „Anfangs dachten wir: Das ist doch absurd!“, sagt Sascha. Die Kleine würde ja acht Großeltern haben. „Aber jetzt gewinnt es immer mehr an Normalität.“ Welchen Anteil Vater und Co-Vater an der Erziehung haben wollten, überließen Mutter und Co-Mutter ihnen. „Von mir aus war alles drin“, sagt Annette, „von gar nicht kümmern bis alles teilen.“ Sascha und Markus entschieden sich fürs Teilen. Zwar leben die vier nicht mit dem Kind zusammen, planen es vorerst auch nicht. Aber sie wohnen nur ein paar Straßenbahnhaltestellen voneinander entfernt. Jetzt, da Nadine vor allem die Nähe der leiblichen Mutter braucht, kommen Vater und Co-Vater zweimal in der Woche vorbei. Dann wickeln sie die Kleine, geben ihr auch das Fläschchen, schaukeln sie in den Schlaf.
Von einem gemeinsamen Familienleben lässt sich noch nicht sprechen. Sie wollen es aber hinbekommen, dass sie alle vier auf Dauer nah beieinander wohnen, zumindest in derselben Stadt. Annette findet die Vorstellung sehr wohltuend, „mit Corinna mal eine Woche in Urlaub fahren zu können, und die beiden Jungs kümmern sich dann um das Kind.“
In Annettes und Corinnas Altbauwohnung steht mitten im Wohnzimmer ein großer Flügel. Die Frauen fänden es schön, wenn Nadine später ebenfalls ein Instrument zu spielen lernte. Aber bloß keinen Druck. Dass nun vier Elternteile das Mädchen mit Wünschen überfrachten, davor wollen sie sich hüten. „Wir werden aus ihr keine Eislaufprinzessin machen!“, sagt Sascha.
Vielleicht kommt es auch umgekehrt: dass die Tochter ihre vier Elternteile vorantreibt. Auf einer Veranstaltung in Berlin für Kinder homosexueller Paare „Echt krass oder megacool? Wenn die Eltern andersrum sind“ wünschten sich die Jugendlichen vor allem, ihre Eltern gingen offensiver mit ihrer Homosexualität um. Sie würden selbst weniger diskriminiert, wenn die Eltern weniger „feige“ wären, erklärten viele Jugendliche. Was sie sich wünschen, schrieben sie am Ende auf eine Pinnwand, zum Beispiel: „Dass in Deutschland besser mit Homosexualität umgegangen wird.“ Oder: „Dass man überall und mit jedem über Schwule und Lesben reden kann!“
Namen aller schwul-lesbischen Familienmitglieder von der Redaktion geändert
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 31.12.2003 Nr.2
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