Wolfram Siebeck erinnert sich an seine eigenen Vorhersagen – und wie oft er mit ihnen danebenlag. In den achtziger Jahren glaubte er zum Beispiel an die baldige Reform der winterlichen Hausmannskost

 

Es gab in den Jahrzehnten, die wir hinter uns gebracht haben, kluge Männer, die sich Zukunftsforscher nannten. (Mein Gott, beinahe hätte ich es vergessen: Kluge Frauen gab es natürlich auch. Bloß nannten die sich nicht Zukunftsforscher, sondern Wahrsagerinnen.) Diese klugen Männer meldeten sich bei jedem Jahreswechsel zu Wort, weil sie von den Medien aufgefordert wurden, den Verlauf der Zukunft vorauszusagen. Das war für sie ein Klacks. Der gefragte Zukunftsforscher griff bedeutungsvoll in seinen dichten Bart und sagte die Zukunft voraus. (Wahrsagerinnen schauen dazu in eine Milchglaskugel, den Trick mit dem Bart versuchen sie erst gar nicht, weil sie so klug sind.)

Die bärtigen Herren fabulierten also lustig drauflos, denn sie wussten aus Erfahrung, dass sich nach zwölf Monaten niemand mehr an ihre Prophezeiung erinnern würde. So sagten sie einmal einen Angriff der Marsmenschen voraus, ein anderes Mal die Erfindung eines Serums gegen die Dummheit. Eingetroffen ist nichts davon. Nicht einmal den Fall der Mauer haben sie vorausgesehen, den Fall unserer Aktien schon gar nicht. Nach und nach sind die Zukunftsforscher vom CIA übernommen worden und folgerichtig verstummt.

Einigen ZEIT- Lesern dürfte aufgefallen sein, dass auch ich einen Bart trage. Sie werden sich fragen: "Hat der Siebeck nicht auch zu jedem Jahreswechsel Prognosen abgegeben? Und hatte der Wolfram Siebeck denn Recht?"

Nein, natürlich nicht, Frau Doktor Biermann. Der treffsichere Blick in die Zukunft war der Madame Kassandra vorbehalten. Und wir wissen ja, was aus der griechischen Küche geworden ist.

Die griechische Küche bringe ich nur deshalb ins Spiel, um endlich aufs Kochen zu sprechen zu kommen. Zeus ist mein Zeuge, dass ich nichts gegen die griechische Küche habe. Diese besteht nämlich zum überwiegenden Teil aus Fetakäse, den ich sehr schätze, sofern er aus Ziegenmilch und nicht in Dänemark hergestellt ist. Im Übrigen erkläre ich beim Leben meiner Katze, dass ich zu keiner Zeit und wissentlich ein Urteil über die griechische Küche abgegeben habe. (Die Katze hat, Gott sei Dank, sieben Leben.)

Dagegen braucht man nur nachzulesen, wie ich die Zukunft der deutschen Küche eingeschätzt habe, um das Diktum des Herrn (Faust, Prolog im Himmel), "Es irrt der Mensch, so lang er strebt", bewahrheitet zu sehen.

In den siebziger Jahren habe ich Jahr für Jahr in der Silvesternacht einen Toast auf die Emanzipation der deutschen Esser ausgebracht. In der darauf folgenden Ausgabe des Spiegels war dann zu lesen, dass unsere Kinder schon mit sechs Jahren schlechte Zähne haben (Limodepot) und mit zwölf unter Verfettung leiden (Pommessyndrom). Ein Jahrzehnt später wagte ich die Prognose, der grassierende Hedonismus würde Currywurst und Grünkohl mit Pinkel durch den Saumagen ersetzen (was ein Erfolg gewesen wäre). Leider fiel dann die Mauer und dadurch die Bedürfnislosigkeit über uns her. Aldi trat an die Stelle von Marx, und ich hatte wieder einmal danebengetippt.