Matthias Horx sagt: "Es gibt vier Megatrends, die unsere Welt derzeit bewegen. Globalisierung, Alterung, Individualisierung und der Megatrend Frauen." Matthias Horx ist der führende deutsche Trendforscher. Auf der Homepage seines Instituts schreiben sie: "Matthias Horx packt die Zukunft bei den Hörnern."

Gegen Trendforscher habe ich Vorurteile. Unter einem Trendforscher stelle ich mir jemanden vor, der für 25000 Euro plus Spesen Vorträge hält, in denen Sätze vorkommen wie: "Lebensqualität ist das große Stichwort der kommenden Zeit." Oder jemanden, der zwei Tage nach dem 11. September erklärt: "Weltweit geht der Trend zu Terrorismus." Das sind Typen, die für wenig geistige Anstrengung viel Geld wollen. Ich habe die gleichen Vorurteile gegen Männer mit Pferdeschwanz. Wenn ich in der U-Bahn einen Mann mit Pferdeschwanz sehe, sage ich zu mir selbst: "Dieser Typ hier will sicher für wenig geistige Anstrengung viel Geld." Ich weiß gar nicht, warum. Mir hat nie ein Pferdeschwanzträger das geringste Leid zugefügt.

Wie jeder weiß, gibt es auch den Megatrend Sex und den Trend neun. Zum Beispiel den Maler, der sich neulich die neun Prostituierten aufs Zimmer bestellt hat. Ich habe Verständnis für sexuelle Exzesse von Malern. Wir hatten Maler in der Wohnung, die waren auch nicht ohne. Andererseits stand in der Zeitung, dass der Chef des Arbeitsamtes neunhundert Dienstwagen bestellt haben soll. Das finde ich im Grunde viel extremer. Ich kann mir theoretisch vorstellen, dass ein geduldiger, zielstrebiger Maler vielleicht wirklich mit neun Prostituierten sexuellen Umgang haben kann, nehmen wir an, innerhalb von zwei bis drei Tagen. Aber neunhundert Dienstwagen? Faszinierend ist dabei Folgendes: Wenn ein alter Maler neun Frauen aus fernen Ländern in sein Zimmer bestellt, dann ist das die Schlüsselszene für sämtliche Megatrends, also Alterung, Individualisierung, Globalisierung, Sex, neun und den Megatrend Frauen.

Als Matthias Horx in Leonding, Österreich, über die Megatrends gesprochen hat, kostete der Eintritt 189 Euro, fast so viel wie der Wiener Opernball. Kürzlich hat er, das weiß ich alles aus dem Internet, auf Einladung der ÖVP Vorarlberg eine Rede zu dem Thema gehalten: "Die Marke Vorarlberg im europäischen Vergleich". Matthias Horx sagte, Vorarlberg sei eine "europäische Power-Region", "das Los Angeles am Alpenrand". Außerdem sehe man in Vorarlberg "minimalistische Architektur, von der sich selbst die Amerikaner noch etwas abschneiden könnten". Jemanden dazu zu bringen, der Vorarlberger Landbevölkerung mit todernstem Gesicht solch einen offensichtlichen Unfug zu erzählen, muss schon wieder einen Haufen Geld gekostet haben. Außerdem hatten sie als Image-Experten den Brigadier Gottfried Schröckenfuch eingeladen, dessen Rede leider nicht im Internet steht.

Dann habe ich geguckt, was Matthias Horx noch macht. In einem Interview des Jahres 2001 erklärt er: "Heute sind fast alle Tabus gebrochen, und es bleiben eigentlich nur noch Mittel wie blöd sein zur Provokation übrig."

Das fand ich schon fast wieder gut.

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