EU-Osterweiterung Hinter Gottes Rücken

In Ost-Ungarn wird künftig die Außengrenze der EU verlaufen. Requiem für ein armes Paradies

Der Mann im Rollstuhl zieht einsam über die Landstraße in Richtung Beregsurány. Kein Auto, keine Ansiedlung, keine Regung kommt ihm aus dem Tiefland entgegen. Wo er sich langsam als Punkt verliert, stößt Ungarn an die Ukraine. Dort wird in Zukunft die neue Ostgrenze der EU verlaufen. Doch was heißt Zukunft in einer fast leeren Region, in der den Menschen bis zum Horizont nachzusehen ist? In der das allmähliche Verschwinden die Sinne für alles Vorübergehende einspannt.

Nur das Planwägelchen mit dem selbst gebastelten Motor und der Aufschrift „Rotes Futter“ taucht immer wieder auf. Der Karren hupt vor jedem der einstöckigen Bauernhäuser. Er bringt Futter- und Düngemittel, noch immer in Portionen wie vor Jahrzehnten. Die Heere des sozialistischen Industrieaufbaus haben diesen vormaligen Ostblockwinkel nie flächendeckend besetzt. Die Osmanen ebenso wenig. Zu sumpfig war der Boden, den sich die Ungarn genommen hatten, als sie einst aus Asien ankamen und sich alsbald in die christliche Familie Voreuropas aufnehmen ließen. Im Widerstand gegen die katholischen Habsburger wurden die Adligen und ihre Bauern in der östlichsten Ecke der pannonischen Tiefebene später zu „dickköpfigen Calvinisten“, wie die Reformierten heute selbst sagen.

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So stehen die Dörfer seit Jahrhunderten an ihrem Platz. Und die Kirchen sind in den Dörfern geblieben, unversehrt, wie die Großgrundbesitzer sie bauen ließen, romanisch, gotisch, mit frei stehenden Glockentürmen aus Holz und Schindeln. Nur die Theiß, die Tisza, die sich aus dem früher ungarischen Karpaten-Hochgebirge über die ukrainische Grenze unzähmbar in die Tiefe windet, greift bei jeder Überschwemmung mit ihren toten Armen nach den Häusern. Als sollten sie den Fluss beschwören, heißen die meisten Orte nach ihm.

Chinas Marketender werben um das Landvolk

Im Spätsommer sind sie lila von Pflaumen. Jetzt sprenkelt schmutziges Braun die Pflaster und Wegränder von Tiszacsécse oder Tiszaszalka oder Tiszabecs. Das besorgen nicht die Hunde, wie im Westen. Hunde müssen hier drinnen bleiben, im Hof, wie es immer war. Straßen und Wege überziehen breite Spuren von Erdklumpen und Strohfetzen. Die Landmaschinen holpern direkt von den Äckern auf den Asphalt. Befestigte Einfahrten zu den Feldern fehlen. Die EU wird das richten.

Aber der Lehm ist ihr Schicksal, sagen die Bauern. Man muss den Pflug zweimal in den Boden drücken oder ihn mit der Hacke aufbrechen. Wenn er durchregnet, zieht er einem die Schuhe aus. Die Alten hängen an diesem Boden. In Tiszaadony, irgendwo in der Ortsmitte, sind weiße Dessous, Hemden und Kleider auf der nackten Erde ausgebreitet. So ist der Markt hier noch. Es reicht nicht immer für gedeckte Tische.

Die begehrteste Ware sind Joggingausrüstungen. Aber niemand rennt. Wenn Leute zu sehen sind in den stillen Dörfern, stehen sie in kleinen Gruppen vor der Sparkasse, der Telefonzelle, dem einen Laden, in dessen Enge die knappen Reihen von Bier, Sekt, Cola, Shampoos, Spülmitteln, Lippenstiften kerzengerade ausgerichtet sind. Joggingsachen sind die Schnäppchen der Armen und Arbeitslosen, also der Mehrheit. Jacken wie Hosen wie Turnschuhe kommen aus China über Budapest, wo heute Zehntausende Chinesen werkeln.

In Vásárosnamény, der kleinen Hauptstadt der Grenzregion Bereg und Szatmarer Ebene, sind die chinesischen Textilien im alten Kornspeicher der Anziehungspunkt für alle Dörfer an der Theiß. An der Hauswand gegenüber wirbt ein Plakat für die Budapester China-Märkte. Westliche Markenzeichen sind selbst im Stadtverkehr noch rar unter den alten Ladas, Trabis und Wartburgs. Jeder Bürgermeister an der künftigen Ostgrenze schüttelt den Kopf auf die Frage, ob er schon je einem EU-Vertreter begegnet sei.

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