kommentar Britney für lau

Die Vorwürfe der Musikindustrie gegen „Piraten“ haben zweifelhafte ökonomische Grundlagen

Für die amerikanische Musikindustrie hat das Jahr mit reichlich schrägen Tönen geendet: Der amerikanische Branchenverband RIAA unterlag vor Gericht gleich zweimal gegen die Musikpiraten und ihre Sympathisanten. Er darf nicht mehr per „Vollstreckungsbefehl“ die Identität von Online-Raubkopierern herausfinden, oder den Tauschbörsenbetreiber Kazaa für das Verhalten seiner Benutzer verantwortlich machen. „Wir können und werden weiter Klagen anstrengen“, erklärte man bei RIAA giftig. Der Verband will künftig ohne Vorwarnung gegen erwischte Raubkopierer vor Gericht ziehen, treibt neue Gesetze im amerikanischen Kongress voran und setzt sogar Kopfgeld aus. Und das alles mit einem einzigen, einschüchternden ökonomischen Argument: Die weltweite Musikindustrie verliere im Jahr 4,2 Milliarden Dollar - an die Piraten.

Das Problem ist, dass an diesen Zahlen vermutlich nicht viel dran ist. Wenn man Ökonomen fragt, schlagen sie sich häufiger auf die Seite der Piraten als auf die der Konzerne und ihrer Anwälte: Schon als in Amerika der Prozess um die Tauschbörse Napster tobte, äußerten Wirtschaftswissenschaftler arge Zweifel an den Milchmädchenrechnungen der Konzerne. Die multiplizierten nämlich – vereinfacht dargestellt - die Zahl der kopierten Lieder mit dem Ladenpreis, und das Ergebnis sollte dann der Verlust sein.

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Stan Liebowitz von der Universität Texas glaubt das zum Beispiel nicht: „Diese Schäden sind bislang nicht nachgewiesen worden“, sagt er. Doch warum nicht? Ökonomen führen gleich einige Argumente zu Felde. Manche Raubkopierer laden Lieder im Internet, die sie aber nie im Geschäft kaufen würden – wem also soll dabei ein Verlust entstehen? Etliche Benutzer von Tauschbörsen stolpern über Musik, die ihnen gefällt, wollen daraufhin das ganze Album mitsamt dem schönen Einband und dem erklärenden Heftchen – ist es dann nicht eher kostenlose Werbung und ein Gewinn für die Musikfirmen? Bestimmte Tophits werden um so gefragter, je mehr Leute sie gehört haben, sie vor sich hersummen und anderen Leuten vorspielen – also führen auch dort die Kopien am Ende zu mehr Verkäufen. Im Prozess um die Tauschbörse Napster gab es seinerzeit jedenfalls keinen eindeutigen Nachweis, dass die Medienfirmen Schaden erlitten hätten.

Nun mögen die ökonomischen Argumente ein wenig spitzfindig klingen: Schließlich fallen die Verkäufe von CDs seit ein paar Jahren kräftig, und die Musikfirmen stecken in argen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Doch dafür gibt es eine Reihe anderer Erklärungen. Viele Teenager mögen gar keine komplette CD ihrer Stars mehr ertragen, der Verkauf von „Alben“ kommt schlicht aus der Mode. Es könnte auch an der Rezession liegen. An der quasi-industriellen „Fertigung“ von Hits, die immer langweiligere Ergebnisse zustande bringt. Und immer mehr, immer teurere Werbung erfordert. So oder so: In der Geschichte der Medien haben großzügige Ökonomen häufiger recht behalten als prinzipientreue Anwälte. Der Videorekorder galt auch schon einmal als das Ende des Films, doch der Verkauf und Verleih von Videos und später DVDs wurde zum Boomsektor der Filmbranche. Der Fotokopierer sollte das Ende der Bücher und Magazine bringen, doch wahrscheinlich hat er die Nachfrage nach Druckerzeugnissen sogar erhöht. Das sind alte, viel gehörte Argumente.

Neu ist zum Beispiel, dass sich die Medienbranche ohnehin gerade weg von Produkten entwickelt, die in Tauschbörsen oder auf CDs und DVDs gehandelt werden können. Die Branche treibt seit einigen Jahren – wenn auch recht schleppend – neue Formen von Medien voran, die eher wie ein Wasserhahn funktionieren. Die neuen Systeme sollen auf Abruf die Hits von Lil’ Kim oder Mahlers fünfte Symphonie bereitstellen können - durch Kabel oder das Internet in die Stereoanlage gefunkt, ins Autoradio, in den Walkman. Das übliche Modell für solche Dienste wird dann ein Abonnement mit monatlicher Gebühr; dafür kann man dann eine bestimmte Zahl von Liedern, Filmen und vielleicht Videospielen und Büchern in elektronischer Form abrufen. Oder man kauft einen Walkman, der bereits das Recht zum Abspielen von 1000 Liedern „eingebaut“ hat und diese per Mobilfunk aus dem Internet laden kann. Warum dann noch kopieren, wenn man ohnehin ein monatliches Abonnement hat? Vor allem, wenn die Musikstücke dort zuverlässiger und in besserer Qualität zu beziehen sind? Zumal die Preise sicherlich niedriger sind, weil man keine CDs, Heftchen oder Plattenläden mehr finanzieren muss?

Doch selbst wenn es nicht so kommt und die Raubkopierer unter uns bleiben: Ironischerweise sind Kulturprodukte für den Massengeschmack, von denen die RIAA-Mitgliedsfirmen in der Hauptsache leben, auf Dauer am wenigsten auf den Verkauf von Musikalben ihrer Superstars angewiesen. Man kann sich etliche Geschäftsmodelle denken, in denen Britney Spears und Eminem kostenlos zu hören und dennoch „profitabel“ sind. Die eigentlichen Einnahmequellen könnten der Verkauf von Fanprodukten oder Abonnements von exklusiven Inhalten auf den Fanseiten („Britneys Tagebuch“) sein oder Livekonzerte im Abo-Kabelfernsehen. Vor allem könnten solche Ikonen des Massengeschmacks viel mehr Werbung treiben als bisher, die Medienkonzerne könnten viel stärker mit der Werbe- und Erlebniswirtschaft verschmelzen. Warum sollten die Sponsorfirmen großer Stars nicht gleich auch die teure Vermarktung der Alben mit übernehmen, die den Medienfirmen bislang solche Kopfschmerzen bereitet? Pepsi und Coca-Cola, Nike und Adidas sind zahlungskräftig und verzweifelt auf der Suche nach einprägsamen Werbeträgern. Raubkopieren wären dann sogar erwünscht. Die Werbung mit vielfach multiplizierten Stars funktioniert nämlich um so besser.

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