Iran, Anfang Januar 1979. Das Land scheint kurz vor einer Explosion zu stehen. In Teheran und anderen Städten reißen die Proteste gegen Schah Reza Pahlewi und sein Regime nicht ab – trotz Repressionen, trotz Kriegsrecht. Während die Menschen um Lebensmittel oder Kerosin anstehen, schmähen sie laut das Kaiserhaus, spucken in Richtung der Soldaten, zerfetzen Fotos mit dem Bild des Monarchen. Der Zorn wendet sich auch gegen die USA. Ein amerikanischer Zeitzeuge berichtet, das "Herz der Revolution" habe im Süden Teherans geschlagen, doch auch im Norden der Stadt, ja im Niavaran-Palast des Schahs selbst, sind die Rufe nach einem Ende der Diktatur nicht mehr zu überhören.

Ein Vierteljahrhundert lang hat er sein Reich regiert, ein Machthaber von Washingtons Gnaden, doch nun ist das Ende gekommen. Am 16. Januar 1979 flieht der Schah gemeinsam mit Kaiserin Farah und einer kleinen Entourage nach Ägypten. Als zwei Wochen später Ajatollah Ruhollah Chomeini aus dem Exil zurückkehrt, jubeln die Massen. Fortan verkörpern die USA im iranischen Gottesstaat den Satan. Die Ereignisse des Januars 1979 markieren einen entscheidenden Wendepunkt in den Beziehungen der USA nicht nur zum Iran, sondern zum gesamten Nahen Osten.

Die Vorgeschichte begann in den weltpolitisch turbulenten Fünfzigern. Als Europas Kolonialreiche zerfielen, blieben in vielen Ländern Asiens, Afrikas und des Nahen Ostens instabile politische und soziale Strukturen zurück. Im Zeichen des Kalten Kriegs stritten die USA und die UdSSR um die Vormacht in der so genannten Dritten Welt. Dabei sah man in Washington nur die Alternativen, entweder eine Staatenbildung (nation-building) und eine Modernisierung nach westlichem Vorbild zu fördern oder dem Kreml das Feld zu überlassen. Kaum jemand kam es in den Sinn, dass in den ehemaligen Kolonien auch eigene Vorstellungen entwickelt würden. Gab es Widerstand gegen Amerikas gute Absichten, so hieß es rasch, die Sowjets steckten dahinter.

Der Iran war in der Mitte der fünfziger Jahre das Modell für die Bildung eines solchen modernisierten antisowjetischen Staates. Zuvor hatte Washington dort allerdings anstelle Londons die Fäden in die Hand nehmen müssen, um die Turbulenzen am Persischen Golf zu beenden: Engländer und Iraner hatten über Jahre hinweg erbittert um das Öl gestritten, bis schließlich die US-Regierung unter Präsident Dwight D. Eisenhower eingriff. Im August 1953 stürzte der amerikanische Geheimdienst CIA den nationalistischen iranischen Premierminister Mohammed Mossadegh und machte den fügsameren Schah, der bereits 1941, als 22-Jähriger, den Pfauenthron bestiegen hatte, zum starken Mann im Land. Außerdem sorgten US-Konzerne dafür, dass das iranische Öl wieder auf den Weltmarkt floss. Das schwarze Gold bot eine solide Einnahmequelle, und mit Mohammed Reza Pahlewi stand ein kontrollierbarer autokratischer Herrscher zur Verfügung – die Gefahr sowjetischer Einflussnahme schien vorerst gebannt. Damit dies so blieb, bedienten sich die USA nun einer dreifachen Strategie: Erstens erhielt der Schah massive Wirtschafts- und Militärhilfe, zweitens sollte er Sozialreformen vorantreiben, drittens musste die Opposition im Land ausgeschaltet bleiben. Die Geheimpolizei Savak, 1957 mithilfe der USA aufgebaut, wurde zum berüchtigten Instrument eines diktatorischen Regimes, das jeden Widerstand brutal unterdrückte.

Dennoch mussten die USA schon im Sommer 1958 erkennen, wie fragil die Situation im Nahen Osten blieb. Neben dem Iran war bis dahin der Irak der zweite Hort prowestlicher Politik in der Region gewesen. Doch am 14. Juli stürzte Oberst Abdel Karim Kassem in einem Staatsstreich König FeisalII. und tötete etliche Mitglieder der alten politischen Garde. Das neue nationalistische Regime in Bagdad zeigte sich auch gegenüber dem Kreml offen. Eisenhower war klar: Der Irak musste isoliert und der Iran weiter gestärkt werden. Noch mehr Militärhilfe floss nun nach Teheran, und Reza Pahlewi sollte die inneren Reformen forcieren, um der Unzufriedenheit in seinem Land Herr zu werden.

Der Schah träumte jedoch einzig davon, den Iran zu einer Großmacht zu formen. Anfang der sechziger Jahre erreichten Washington immer mehr bedenkliche Nachrichten aus Teheran: Auf den Straßen der Hauptstadt protestierten die Menschen gegen das schwelende Elend, gegen Hungerlöhne und soziale Verwahrlosung – das Geld aus Washington bereicherte nur die brutale, korrupte Elite. Die meisten Iraner darbten auf dem Land und in den wachsenden Slums der Vorstädte, während der Schah und seine Getreuen in Gold und Prunk ein mondänes Luxusleben genossen. Sie jetteten durch die Welt, gaben sich mal als "Modernisierer" und Manager, mal als Hüter altpersischer Herrschaftstradition; die westliche Öffentlichkeit zeigte sich abgestoßen und zugleich fasziniert. In Teherans Presse hingegen tauchten erstmals wieder Bilder des gestürzten Premiers Mossadegh auf. Das Regime reagierte mit Härte und schlug jeden Widerstand gnadenlos nieder.

Trotz aller Menschenrechtsrhetorik steht Präsident Carter fest zum Schah

Von Washington her wehte jetzt ein neuer Wind: Die Regierung John F. Kennedys erhöhte den Reformdruck auf Reza Pahlewi. Als der Schah im April 1962 gemeinsam mit Gattin Farah die USA besuchte, lamentierte er, Amerika würde seine Bedeutung im Nahen Osten nicht genügend würdigen. Ausgerechnet bei Kennedy beklagte er sich, dass "Amerika den Nato-Partner Türkei wie eine Ehefrau" verwöhne, während es den Iran "wie eine Konkubine" behandele. Währenddessen demonstrierten auf den Straßen rund um das Weiße Haus iranische Studenten gegen sein Regime.

Im Januar 1963 schien der Kaiser dem inneren und äußeren Druck nachzugeben und seinen Kurs zu ändern. Eine "weiße Revolution" von oben sollte Bildungs- und Sozialreformen bringen, Aufteilung von Großgrundbesitz und das Frauenwahlrecht, allerdings ohne die Autorität des Schahs infrage zu stellen. In Washington war man froh, dass sich überhaupt etwas bewegte und dass die angekündigte Revolution "weiß" und nicht "rot" war. Zumindest äußerlich, so befanden die Experten im Außenministerium, müssten die USA jetzt Zurückhaltung üben. Der Schah dürfe keinesfalls als amerikanische Marionette erscheinen.

Doch genau das war das Bild, das die wachsende Opposition von dem Mann auf dem Pfauenthron zeichnete. Am 3. Juni 1963 griff ihn Ajatollah Chomeini in der Stadt Qom mit heftigen Worten an. Es geschah just an jenem Feiertag, an dem die Schiiten traditionell des Märtyrertodes des Imam Hussein gedenken, und der glühenden Tirade Chomeinis war die Aufmerksamkeit im ganzen Land gewiss. Zuvor hatte der Schah die Männer des Klerus als "reaktionäre Parasiten" abgetan, für die jede Modernisierung Blasphemie bedeute. Kaum waren Chomeinis Worte verhallt, wurde der 63-jährige Ajatollah verhaftet. Die Folge: tagelange Proteste von Studenten, Arbeitern, Kleinunternehmern und Klerikern. Das Militär rückte aus, tötete Tausende. Chomeini wetterte weiter: "Das Leben eines Menschen im Iran ist weniger wert als das eines Hundes in Amerika." Schließlich wurde er ins Exil verbannt, zunächst in den Irak, später ging er noch für wenige Monate nach Frankreich. In den USA tat man Chomeinis Opposition als "Demagogie" ab, und Kennedys Außenminister Dean Rusk ließ keinen Zweifel aufkommen: Allein der Schah bleibe "die Stütze amerikanischer Interessen in der Region".

Unter Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson ging jegliche kritische Distanz zu den Geschehnissen im Iran verloren. Verglichen mit Vietnam, erschien das Land tatsächlich als ein "Modellfall gelungener Modernisierung". Unter Richard Nixon wurde die Bindung an den Schah noch enger. Im Mai 1972 legten Nixon und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger auf dem Rückweg vom Moskauer Gipfel einen Zwischenstopp in Teheran ein. Vorbildliche Wachstumsraten und vor allem die totale Loyalität des Kaisers bewogen Kissinger, Reza Pahlewi als "Säule der Stabilität in dieser unruhigen und wichtigen Region" zu loben. Der Schah schien im Zenith seiner Macht zu stehen.

Hinter der Fassade aber breitete sich der Niedergang aus. Exorbitante Militärausgaben ruinierten die Staatsfinanzen; die Inflationsrate schnellte nach oben. Auf Kritik, gerade auch wegen seiner engen Bindung an die USA, reagierte Reza Pahlewi mit noch mehr Überwachung und Gewalt – der Savak hatte sich längst zu einer der grausamsten Terrortruppen der Welt entwickelt.

Anfang 1977, mittlerweile residierte Jimmy Carter als Präsident im Weißen Haus, wurden die skeptischen Stimmen unter seinen Beratern lauter: Die oktroyierte Modernisierung finde in der Bevölkerung wenig Zustimmung, unter Klerikern wie Intellektuellen wachse die Unzufriedenheit. Letztlich scherte das die Carter-Regierung wenig, und trotz aller Menschenrechts- und Friedensrhetorik dieser Jahre wurden nach wie vor die meisten US-Waffen in den Iran verkauft. Schließlich lieferte das Land lebenswichtiges Öl an Israel, hatte sich 1973 nicht am Embargo der Opec beteiligt und dessen schmerzhafte Folgen für den Westen sogar abgemildert. Da war Konzilianz gefragt. Die Beziehungen zum Iran seien bestens, hieß es aus Washington, und Reza Pahlewi sei ein Staatsmann mit großen Qualitäten.

Am 15. November 1977 empfingen Jimmy und Rosalynn Carter Kaiser und Kaiserin in Washington. Es war insgesamt der zwölfte Staatsbesuch des Schahs in den USA. Während der Begrüßung im Garten des Weißen Hauses wehte der Wind Tränengasschwaden herüber; auf Washingtons Straßen liefen die Protestzüge heiß.

Schon wenige Wochen später, zum Jahreswechsel 1977/78, kamen Jimmy Carter und Gattin zu einem Gegenbesuch nach Teheran. Die beiden Staatsmänner bemühten sich um harmonische Bilder. Als der Präsident sein Flugzeug zum Rückflug bestieg, habe er, so berichtete die kaisertreue Presse, dem Schah in tiefer Zuneigung gesagt, "ich wünschte, Sie kämen mit uns".

Es scheint, als hätte Carter vorausgesehen, was das Jahr 1978 dem Kaiser bringen sollte. Durch den Besuch des Präsidenten gestärkt, attackierte er die Opposition um den exilierten Ajatollah Chomeini umso heftiger. Wieder erhob sich eine Woge des Protests. Am 8. Januar versammelten sich Studenten und gläubige Muslime in Qom, der geistigen Heimstätte Chomeinis, um gegen die autokratische, korrupte und proamerikanische Politik zu protestieren; der Islam als politische Alternative zum säkularen Pahlewi-Regime war für immer mehr Oppositionelle attraktiv geworden. Es kam zu einer fatalen Eskalation: Die Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer und töteten 24 Demonstranten.

"Ich bin müde und brauche eine Pause"

Während der Schah über die "kommunistische Unterwanderung" seines Landes klagte, wuchs in Washington die Zahl der Skeptiker. Gary Sick, Iranexperte im Nationalen Sicherheitsrat, betonte, das Schah-Regime sei nicht durch den Kommunismus bedroht, sondern durch andere Dissonanzen. Insbesondere die religiösen Kräfte seien den traditionellen Werten der Gesellschaft eng verbunden.

Am 8. September richteten die Truppen des Schahs in Teheran ein neuerliches Massaker an. Sie töteten hunderte Demonstranten, verletzten mehrere tausend. Dieser so genannte schwarze Freitag trieb die Opposition weiter vorwärts, Streiks – auch in der Ölindustrie – ergriffen das Land. Insgesamt kosteten die Unruhen des Jahres 1978 über 10.000 Menschen das Leben, an die 50.000 wurden verletzt. Zudem traf eine schreckliche Naturkatastrophe das Land: Ein verheerendes Erdbeben am 16. September, vergleichbar dem von Bam, forderte 25.000 Tote.

US-Experten sahen im Oktober 1978 ein Inferno heraufziehen, das kaum mehr aufzuhalten war: Im Iran drohte nicht nur die Pahlewi-Dynastie zu kippen, sondern mit ihr ein Vierteljahrhundert amerikanischer Nahostpolitik zu scheitern. Selbst der Botschafter in Teheran, William Sullivan, der noch kurz zuvor die Regierung des Schahs gepriesen hatte, übermittelte Anfang November eine dramatische Botschaft nach Washington. Man solle beginnen, das "Undenkbare zu denken".

Doch Carter blieb seinem Vasallen zunächst treu und versicherte ihm – privat wie öffentlich – das ungebrochene Vertrauen der USA. Dem amerikanischen Ansehen in der iranischen Bevölkerung war dies nicht gerade zuträglich. Doch für Washington mangelte es in Teheran schlechterdings an Alternativen, die Ratlosigkeit war kaum zu überbieten. Auf den Punkt brachte dies der diplomatische Veteran George Ball, der Carter am 11. Dezember einen überaus kritischen Lagebericht übermittelte: "Wir haben den Schah zu dem gemacht, was er nun ist. Wir haben seine Vorliebe für grandiose weltpolitische Entwürfe genährt, wir haben seine Fantasien beflügelt. Wir haben ihn so sehr zum Pfeiler unserer Interessen im Nahen Osten gemacht, dass wir von ihm abhängig sind. Jetzt zerfällt sein Regime unter dem Druck der aufgezwungenen Modernisierung, und wir haben keinerlei Alternative."

Der Machtwechsel in Teheran war nur noch eine Frage der Zeit. Ball riet sogar, vorsichtig Gespräche mit Chomeini aufzunehmen, um die Tür in den Iran zumindest einen Spalt weit offen zu halten. Auch Carter rückte nun allmählich vom iranischen Potentaten ab. Die Bilder aus Teheran zeigten, dass es keinen Ausweg mehr gab; Konzessionen an die Opposition in letzter Stunde nützten nichts mehr. Schließlich legte Carter dem Schah nahe, sich den Protesten zu beugen. Die Pahlewi-Dynastie war am Ende. "Ich bin müde und brauche eine Pause", sagte Reza Pahlewi, als er am Mittag des 16. Januar 1979 am Teheraner Flughafen eintraf, um das Land für immer zu verlassen. Noch am selben Tag bat die amerikanische Presse Präsident Carter um eine Bilanz seiner Politik. "Einen derart raschen Wandel im Iran hat niemand voraussehen können", lautete seine Antwort, die noch einmal in aller Deutlichkeit offenbarte, wie tief der Schock saß.

Am 1. Februar kehrte Ajatollah Chomeini aus dem französischen Exil in den Iran zurück. Nach den Jubelfeiern versank das Land zunächst in Gewalt und Chaos. Dabei war Anfang 1979 im Iran noch vieles ungewiss – und gewiss nur, dass Amerika dort keine Stimme mehr haben würde.

Der traumatische Höhepunkt der "islamischen Revolution" stand den USA jedoch noch bevor. Der krebskranke Schah hatte eine Odyssee über Ägypten, Marokko, die Bahamas und Mexiko hinter sich, als er im Oktober 1979 in New York ankam, um sich im Cornell Medical Center des New York Hospital behandeln zu lassen. Auf den Straßen Teherans schimpften die Menschen, die USA gewährten dem "kriminellen Schah" Zuflucht. "Death to America!"- Rufe hallten durch die Stadt. Am 4. November drangen circa 500 militante Studenten in die Botschaft der USA ein. "Wir gehen hier unter", sollen die letzten Worte der Botschaftsmitarbeiterin Elizabeth Ann Swift gewesen sein, bevor die Telefonverbindung gekappt wurde.

Für die nächsten 444 Tage blieben 52 Amerikaner in der Botschaft gefangen. Die Geiselnehmer forderten die Auslieferung des Schahs. Die US-Fernsehsender berichteten nahezu nonstop über das Drama, und allabendlich erreichten Bilder die amerikanischen Wohnzimmer, auf denen gefesselte Geiseln oder erzürnte iranische Massen zu sehen waren, die das Sternenbanner verbrannten, Hass-Lieder gegen Amerika sangen und Allah priesen. Die Zuschauer sahen in Tränen aufgelöste Freunde und Verwandte, die um das Leben der Botschaftsmitarbeiter bangten, und sie sahen einen hilflosen Präsidenten. Diplomatische Taktik, ökonomischer Druck, militärische Drohungen und eine desaströs gescheiterte Rettungsaktion im April 1980 zeigten abermals die Konfusion in der Regierung Carter. Chomeini verkündete derweil lauthals, dass die USA alle 35 Millionen Iraner zu glücklichen Märtyrern machen würden, wenn sie einmarschierten.

Nach endlosen Verhandlungen, finanziellen und politischen Zugeständnissen kamen die Geiseln am 20. Januar 1980 endlich frei. Dies war der Tag, als Ronald Reagan ins Weiße Haus einzog. Bald begann seine Regierung, ihre eigenen Konsequenzen aus dem Desaster zu ziehen: Man beschloss, den säkularen irakischen Herrscher Saddam Hussein in seinem Krieg gegen den iranischen Nachbarn zu unterstützen. "Wir wussten", zitierte Reagans Sicherheitsberater Geoffrey Kemp einige Jahre später eine bewährte Maxime der US-Politik, "dass er ein Hurensohn war. Aber er war unser Hurensohn."

Der Autor ist Historiker an der Universität Hamburg