Der Ölmagnat John D. Rockefeller fragte den Präsidenten der Harvard University, was es brauche, um eine Eliteuniversität zu gründen. Die Antwort fiel knapp aus: 200 Jahre Zeit und 50 Millionen Dollar. Das war Ende des 19. Jahrhunderts. Heute, so wäre hinzuzufügen, müsste man die Dollarsumme wohl vervielfachen.

Die deutschen Sozialdemokraten wollen das Ziel schneller erreichen – und vermutlich billiger. In diesem Jahr will die SPD Bildung, Forschung und Innovation in Deutschland voranbringen. Eines der Hauptprojekte soll, so Generalsekretär Olaf Scholz, die „Schaffung mindestens einer deutschen Spitzenuniversität amerikanischer Prägung“ sein. Das Plädoyer an sich ist schon bemerkenswert, aus dem Munde eines Sozialdemokraten geradezu sensationell. Fordert Scholz doch, was die Kultusminister – allen voran die sozialdemokratischen – und Hunderte Paragrafen bis heute zu verhindern wissen.

Zwar feiert man hierzulande gerne Helden aus Sport, Kultur oder Wirtschaft. Hier wird die Bestenauslese gepflegt. In der Ausbildung der Geisteselite dagegen hat Spitzenförderung wenige Anhänger. An den Universitäten regiert die Gleichmacherei mit Beamtengesetzen, Bundesangestelltentarif und Kapazitätsverordnungen. Kein Professor soll viel mehr verdienen als sein Kollege. Schlechte wie gute Studienbewerber werden auf die Universitäten gleichmäßig verteilt. Und keine Hochschule darf weniger Studenten aufnehmen und diese besser betreuen. Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung ist dies als „unzulässige Niveaupflege“ verboten.

Das Gleichmaß hat Vorteile. Ein Studienabschluss in Flensburg ist offiziell genauso viel wert wie einer in Konstanz. Und jeder deutsche Universitätsprofessor darf sich als Spitzenforscher fühlen. International jedoch ebnete die verordnete Egalität den Universitäten den Weg in die Mittelmäßigkeit. Insofern ist die Analyse der selbst ernannten Bildungsvordenker der SPD richtig: Keine einzige deutsche Hochschule kann im Wettbewerb mit dem Dutzend amerikanischer Spitzenuniversitäten von Berkeley bis Yale bestehen.

Deshalb zieht es dorthin auch die Forscherelite der Welt. So sind zum Beispiel in den Naturwissenschaften fast die Hälfte aller US-Doktoranden nicht in den USA geboren. Auch für einen deutschen Nachwuchsforscher ist der Aufenthalt im Gelobten Land mittlerweile obligat. Und knapp jeder Dritte der deutschen Jungakademiker forscht und lehrt auf Dauer in den Vereinigten Staaten. Oft sind es die Besten, die bleiben. Drei von vier Nobelpreisträgern deutscher Herkunft der vergangenen Jahre forschen jenseits des Atlantiks.

Vom volkseigenen Betrieb zum High-Tech-Unternehmen

Angesichts dieser Niveauunterschiede gleicht die Idee, ein deutsches Harvard zu errichten, dem Vorschlag, aus einem volkseigenen Betrieb in wenigen Jahren ein multinationales High-Tech-Unternehmen zu machen. Doch lohnt es sich, die vollmundige Absichtserklärung der SPD nicht gleich als unrealistisch ad acta zu legen. Zumindest kann sie zum Anlass dienen, einmal darüber nachzudenken, wie groß der Abstand zwischen Harvard und Heidelberg, Berkeley und Berlin heute tatsächlich ist und was getan werden müsste, um deutsche Universitäten näher an die Spitze zu führen.