Mona Lisa lächeln zu lassen bringt dem reichsten Mann der Welt viel Geld. Nicht weil ihm das Gemälde gehört, sondern weil Bill Gates über seine Bildagentur Corbis die Rechte an digitalen Reproduktionen des berühmten Werks aus dem Pariser Louvre erworben hat.

Das Recht an Mona Lisa ist nur eines unter Millionen anderen. Corbis hat Verträge mit Museen wie der Londoner National Gallery und dem russischen Staatsmuseum in Sankt Petersburg geschlossen und ist damit einer der großen Akteure in einem entstehenden Markt. Jennifer Hurshell, Vizechefin für Entwicklung und Kommunikation bei Corbis, schätzt sein Volumen schon auf zwei Milliarden Dollar. Andere Experten gehen von deutlich höheren Summen aus, die für diesen ganz besonderen Rohstoff gezahlt werden.

Bilder von Schätzen, die Museen angehäuft haben, füllen Bücher, schmücken Cover und sind die Vorlagen für Plakate. Ob Miniaturen aus mittelalterlichen Handschriften, Gebrauchsgrafiken aus den zwanziger Jahren, die Werke Picassos oder die Pressefotos der Zeitgeschichte: Sie sind in Schul- und Sachbüchern zu finden, in Off- und Online-Enzyklopädien, in Kunstkalendern und Werbebroschüren und umgeben uns auf Schritt und Tritt. "Content" ist zum wichtigsten Produktionsfaktor des Informationszeitalters geworden, Originalität ist Mangelware.

Die Museen kassieren dabei kräftig mit: In der Regel sind sie zu etwa 50 Prozent an den Umsätzen beteiligt. Auch deutsche Einrichtungen haben entdeckt, wie lukrativ die Vermarktung der Bilder ihrer Sammlungsschätze ist. Immer mehr schließen Verträge mit kommerziellen Bildarchiven – die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und das Kunstmuseum Bonn zum Beispiel. Andere wie die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin vermarkten ihre Schätze selbst.

Das bleibt nicht ohne Folgen für die Nutzer des Angebots – insbesondere Verlage und Werbeagenturen stöhnen. "Die Bildkosten explodieren. Das macht unsere Arbeit wahnsinnig schwer", sagt Claudia Bauer, Kunstlektorin beim Prestel-Verlag. Je nach Verwendungszweck und Auflagen variieren die Preise: Eine Abbildung in einem Fachbuch oder auf einer Homepage kostet einige hundert Euro, das Titelfoto eines Nachrichtenmagazins bereits eine vierstellige Summe. Richtig teuer wird es, wenn sich ein Kunde etwa das Recht sichert, für eine große Werbekampagne ein Bild exklusiv zu nutzen.

Aber ist es überhaupt rechtmäßig, dass die Museen die Bilder von den Bildern vermarkten? Die hohen Kosten für Bildrechte stören beispielsweise Wissenschaftler, die täglich mit historischen Bildquellen arbeiten. Die Kommerzialisierung der Fotos von Sammlungsgegenständen sei mit dem kulturellen Auftrag der Museen nicht vereinbar, kritisiert der Freiburger Historiker Klaus Graf. Denn die von Museen und Archiven gesammelten Schätze wurden mithilfe öffentlicher Gelder angeschafft.

So weit wie Graf geht Klaus Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, nicht. Aber er lehnt die Praxis vieler Museen ab, die Bildrechte exklusiv an eine Agentur zu vergeben. Dazu zwinge ihn schon sein Berufsethos. "Wissenschaft muss zu öffentlichem Wissen werden." Und deswegen betrachtet er auch die "Berliner Erklärung" der Wissenschaftsorganisationen zum Open Access vom Oktober dieses Jahres mit Sympathie. Sie fordert, dass nicht nur wissenschaftliche Publikationen, sondern auch Kulturgut frei im Internet zugänglich sein soll.

Demgegenüber verteidigt Jennifer Hurshell von Corbis ihr Geschäftsmodell: "Herr Gates hat Millionen in Kulturgut investiert und es mit viel technischem Aufwand gesichert. Diese Gelder werden wir niemals zurückbekommen." Ein ganzes Team von Spezialisten sei allein damit beschäftigt, die Urheber- und Persönlichkeitsschutzrechte zu klären. "Einige Millionen der schönsten und wichtigsten Bilder der Welt sind durch uns zugänglicher als je zuvor in der Geschichte." Zudem liefere Corbis "zusammen mit den Bilddaten eine sehr spezielle Dienstleistung: unsere Expertise in den Bereichen Technik, Kommunikation und Infrastruktur".

Corbis verfügt gegenwärtig über etwa 70 Millionen Motive aus allen Themengebieten, unter ihnen auch die Nachlässe so berühmter Fotografen wie Ansel Adams oder das berühmte Bettmann-Archiv mit elf Millionen historischen Fotos. Und ein Heer erstklassiger Fotografen der Gegenwart liefert die historischen Fotos von morgen.

Hinzu komme, so argumentiert Holger Gehrmann, Geschäftsführer eines Spezialarchivs für Gemäldefotografie namens Artothek, dass "der Nutzer die Bilder bei uns um ein Vielfaches schneller bekommt, als wenn er sie bei einem kleinen oder bürokratisch organisierten Museum anfordern muss". Die Kunden, bei denen es sich überwiegend um Verlage und andere Medienunternehmen handelt, seien dankbar für das breite Sortiment – suchten sie doch in der Regel nicht nach einem konkreten Bild, sondern nach Motiven, etwa für eine Serie von Weihnachtspostkarten oder das Cover einer CD. Die Museen dagegen könnten durch die Symbiose mit einem professionellen Anbieter einen weitaus größeren wirtschaftlichen Nutzen erzielen. Gehrmann: "Das ist doch sogar im Sinne des Steuerzahlers: Die Museen erhalten Geld für neue Objekte, der Steuerzahler wird entlastet."

Die Nutzung der Rechte an Werken von Kunst und Kultur ist eigentlich durch das Urheberrecht geregelt, das selbstständige kreative Leistungen schützen will: Zu Lebzeiten verfügt der Künstler selbst über die Rechte an seinem Werk und kann sie gegen ein Honorar beispielsweise an einen Verlag abtreten. Während eines Zeitraums von bis zu 70 Jahren nach seinem Tod geht dieses Recht auf seine Erben über. Danach werden die Werke gemeinfrei, das heißt, jeder kann sie nach Belieben reproduzieren und die Reproduktionen verkaufen.

Was ist jedoch, wenn ein einzigartiges Werk im Besitz eines Museums oder eines Archivs ist? Darf ein Museum den Nachlass eines gerade verstorbenen Fotografen vermarkten, wie es der Fotograf selbst getan hätte? Und ist es uneingeschränkter Herr über die vom Museumsfotografen angefertigten Reprofotos eines bereits gemeinfreien Werkes? Können Reprofotografien überhaupt urheberrechtlich geschützt sein, da es sich bei ihnen doch um möglichst originalgetreue Kopien und gerade nicht um eigenständige kreative Leistungen handelt? Was ist, wenn jemand eine Reproduktion aus einem Buch erneut reproduziert und verkauft? Die Ansichten dazu gehen weit auseinander, die Rechtsprechung hat den Berg an urheberrechtlichen Problemen, der sich da aufgetürmt hat, noch nicht annähernd erklommen, und immer ausgefeiltere Digitalisierungstechniken sowie wachsende Speicherkapazitäten bringen neue Nutzungsformen hervor.

Im Fall der Auseinandersetzung der internationalen Bridgeman Art Library gegen die kanadische Bildagentur Corel Corporation entschied der New Yorker Richter Lewis A. Kaplan im Jahr 1999, dass die von der Bildagentur vertriebenen Reprofotos von gemeinfreien Gemälden nicht copyrightfähig sind. Nicht immer urteilen Gerichte so eindeutig, und genau das ist eine Sorge des deutschen Kritikers Graf. Er vertritt die Haltung: "Wer die Mona Lisa fotografiert, möchte mit einer fremden kreativen Leistung, nämlich der von Leonardo da Vinci, Kasse machen. Er ist gewissermaßen ein Schmarotzer, der die Begrenzung des Urheberrechtsschutzes umgehen" und dessen festgesetztes Ende 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers hinausschieben will.

Wenn die Museen als Eigentümer der Originale mit den Reproduktionen bereits gemeinfrei gewordenen Kulturguts handeln, treiben sie nach Ansicht von Graf "Raubbau an einer reichen Public Domain". Denn anstatt gemeinfrei gewordenes Kulturgut zu "remonopolisieren", müsse es – als Teil unseres kulturellen Erbes – allen zugänglich gemacht werden. Museen und Archive hätten dagegen sogar die Aufgabe, Kultur zu verbreiten, und dafür nicht mehr als die Erstattung der Herstellungskosten zu verlangen – Eigentum verpflichte schließlich.

Die Museen leiten ihr Recht an den Reproduktionen aus dem Urheberrecht am Reprofoto und aus ihrer Verfügungsmacht über das Originalkunstwerk ab. Ihre starke Stellung stammt aus einer Zeit, in der sie sich als Gralshüter der Kultur verstanden, die davor geschützt werden sollte, durch minderwertige Reproduktionen oder missbräuchliche Darstellung entwertet zu werden – etwa durch die Verwendung eines Rubens in einem pornografischen Werk. Noch immer machen viele Museen und Archive die Nutzung von Sammlungsfotos von ihrer ausdrücklichen Zustimmung abhängig, auch wenn sie die Vermarktung einer Agentur überlassen haben.

Bei den von Sparzwängen gebeutelten Sammlungsdirektoren haben sich die Schwerpunkte dagegen verändert. Einige begrüßen die anklopfenden Bildagenturen mit offenen Armen. Andere verwandeln ihre Reproabteilungen in kleine Unternehmen, lassen sie die Vermarktung selbst organisieren und orientieren sich in ihrer Preisgestaltung an kommerziellen Bildagenturen. Die schwierige finanzielle Situation zwingt die Direktoren schließlich dazu, nach neuen Wegen zu suchen. Wie viel sie damit verdienen, sagen sie allerdings nicht – wohl aus Angst, ihnen könnten anderswo Zuschüsse gekürzt werden.

Einen Weg, allen Interessen gerecht zu werden, versucht der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Lehmann, zu gehen. Er ist Herr über 17 Museen, die Staatsbibliothek und das Geheime Staatsarchiv in Berlin und sich der Tragweite des Problems bewusst. Zusammen mit anderen europäischen Kultureinrichtungen baut er gerade ein gigantisches Kulturportal im Internet auf, das große Teile der staatlichen Sammlungen präsentieren und als zentrale Serviceeinrichtung für alle Kulturinteressierten dienen soll.

Im geplanten Netz sind die Bilder in geringer Auflösung für jeden einsehbar – ein unschätzbarer Fundus für Forschung und Lehre. Sobald ein Werk publiziert werden soll, wird jedoch eine Anmeldung und die anschließende Bezahlung für die hoch aufgelösten Bilddaten erforderlich.

Genauestens will er dabei zwischen gemeinnütziger, wissenschaftlicher und kommerzieller Nutzung unterschieden wissen: "Wenn jemand ein eigenes Produkt mit unseren Bildern herstellen will, dann soll er auch bezahlen. Dem Steuerzahler würde sonst zu viel zugemutet, weil wir einseitig bestimmte Branchen begünstigten. Schließlich ist die Digitalisierung eine weitere zusätzliche Präsentationsform, die einen neuen wirtschaftlichen Kreislauf öffnet." Und an dem möchten viele partizipieren.