Alle hatten sie lieb, die Biosphäre 2 in der Sonora-Wüste von Arizona. Obwohl es ein "fürchterlich schwer zu handhabendes Gewächshaus" war, wie Uwe Rascher sagt. Er hat dort in den vergangenen zwei Jahren mit zahlreichen Pflanzenökologen geforscht und für das Earth Department der Columbia-Universität die Auswirkungen von CO2 und anderen Gasen auf das Klima untersucht. Biosphäre 2 war beliebt wie eine schöne, alte Harley-Davidson – obwohl die bubble, wie sie hier zärtlich hieß, unpraktisch war, teuer und eigentlich gar nicht für Klimaforschung gemacht. Sie bot jedoch ein traumhaftes Ambiente, das Studenten, Forscher und Touristen begeisterte.

Nun ist der Traum geplatzt. Columbia hat am 22. Dezember die Lichter gelöscht, über 200 Leute entlassen und sogar die Website abgeschaltet. Ein herber Schlag für den charismatischen Direktor Barry Osmond. Der angesehene australische Pflanzenphysiologe war erst 2001 eingestiegen mit dem Auftrag, das dümpelnde Projekt wiederzubeleben (ZEIT Nr. 6/02). Sechs neue Lehrstühle und ein neuer Campus sollten zahlende Studenten zum earth semester locken und Touristen zusätzliche Dollars bringen.

Osmonds Vision war es, Klimaforschung als Menschheitsproblem Nummer eins unter möglichst echten Bedingungen voranzutreiben, mit all der natürlichen Komplexität. "Nicht nur auf Blattebene, sondern hochskaliert auf eine größere Einheit", sagt Uwe Rascher. Immerhin bot die Blase 1,3 Hektar ökologischer Vielfalt: Savanne, Ozean, Regenwald, Mangrovensumpf. Die Simulation war viel realistischer als in üblichen Gewächshäusern und besser zu kontrollieren als im Freiland, weil Techniker hier Wettergott spielen und es nach Bedarf regnen lassen konnten. Osmond wollte den skeptischen Ökologen zeigen, dass man in dieser Glas gewordenen verrückten Idee eines Ölmilliardärs Klimaforschung von Weltrang betreiben kann.

Ursprünglich hatte der reiche Texaner Edward Bass das Gewächshaus für ein einzigartiges Experiment gebaut, das auch die Nasa interessierte. Biosphäre 2 sollte ein alternatives Habitat sein für unsere Erde, die Biosphäre 1, falls sie durch Radioaktivität oder Umweltkatastrophen ungemütlich würde. Eine Hand voll Biosphärianer versuchte in der bubble autark zu leben, Früchte anzubauen, Tiere zu hegen. Doch das funktionierte nicht. Immer wieder musste Sauerstoff zugepumpt werden, die Tiere starben, die Pflanzen welkten. Nach knapp zwei Jahren verließen die Eremiten, halb verhungert, ihre Blase und liefen dabei direkt der hämischen Presse in die Arme. Händeringend suchte der Milliardär nach einer neuen Nutzung für sein weltenrettendes Wüstenjuwel.

Schließlich stieg 1996 die Columbia-Universität ein, um die Bubble als komplexes Gewächshaus, hochkarätige ökologische Forschungseinrichtung und für studentische Anschauung zu nutzen. Doch jahrelang dümpelte das Projekt vor sich hin und kostete nur Geld. Barry Osmond brachte dann einen frischen Schub. "Er hat Erfolg gehabt, trotz aller Skepsis am Anfang", findet Uwe Rascher. "Wir haben immerhin zwei Nature- Artikel veröffentlicht zur Wirkung von Klimagasen." Und diese Messungen seien nur in der Biosphäre möglich gewesen.

Aber Columbia begann Anfang 2002 das Projekt Biosphäre 2 zu überprüfen. Eine neue Leitung des Earth Department spitzte den Bleistift: Jeffrey D. Sachs, Berater des UN-Chefs Kofi Annan in Wirtschaftsfragen und in Nachhaltiger Entwicklung, senkte den Daumen. Die Hoffnung, das US-Energieministerium könnte die Finanzierung übernehmen und so die Kosten senken, hatte sich nicht erfüllt. Und der Traum war besonders teuer, weil er in einer der heißesten Wüsten der Erde ständiger Kühlung bedurfte. Doch der Besitzer Edward Bass witterte Vertragsbruch und verklagte die Universität. Dann begann eine hässliche Phase mit frustrierten Mitarbeitern und Anwälten, die mit wehenden Rockschößen in das Paradies eilten, in dem die Saguaro-Kakteen das unverwechselbare Südwestgefühl Amerikas verbreiten. Nun waren die Besitzverhältnisse von Tausenden Geräten zu klären. "Columbia ist sehr schlecht ausgestiegen", meint Rascher, das meiste bleibe dem Milliardär.

Der hat nun 50 Leute wiedereingestellt, um die Biosphäre erst mal im Minimalbetrieb laufen zu lassen. Seitdem kocht die Gerüchteküche: Macht er einen Freizeitpark daraus? Oder überlässt er den Glaskasten dem Wüstenwind? Mit der Forschung ist es jedenfalls vorbei. Denn auch Visionäre müssen manchmal rechnen.