Paris

Weihnachten 1994 – da hätten die Franzosen beinahe ihren 11.September erlebt. Ein algerisches Selbstmordkommando hatte einen Airbus der Air France auf dem Linienflug Algier–Paris entführt, um sich mit ihm in den Eiffelturm zu stürzen. Doch bei der Zwischenlandung in Marseille konnten französische Spezialtruppen das Flugzeug stürmen.

Damals lernte der Pariser Richter Jean-Louis Bruguière eine fundamentale Lektion: "Jeder gescheiterte Anschlag zieht automatisch weitere nach sich." In der Tat erlebte Frankreich 1995, wie schon in den achtziger Jahren, eine mörderische Anschlagsserie auf Kaufhäuser und Bahnstationen. Mit einer beispiellosen Großrazzia gelang es Bruguière, die konspirativen Netzwerke zu zerschlagen. Seitdem hat das Land keine schweren Anschläge mehr gesehen, obgleich die Bedrohung geblieben ist. "Frankreich", sagt ein Kollege des Richters, sei "zusammen mit den USA und Israel weiterhin das terroristische Hauptziel in der westlichen Welt".

Während Frankreichs politische Elite gern grandios über die Ordnung der Welt theoretisiert, bewahrt sie über die Erfolge ihrer Polizei- und Geheimdienstarbeit lieber Stillschweigen. Dabei hat Frankreichs Durchschlagskraft in der Terrorbekämpfung einen Namen und ein Gesicht: Es ist der 60 Jahre alte Bruguière, Vizepräsident des Pariser Gerichtshofes Tribunal de Grande Instance und Kopf der französischen Anti-Terror-Justiz.

Bruguière und seine fünf Amtskollegen vereinen eine einzigartige Machtfülle aus Geheimdienst-, Staatsanwalts-, Richter- und Polizeibefugnissen, die die Grenzen der Gewaltenteilung weit überschreitet. Sie können Beschattungen, Durchsuchungen, Abhöraktionen, Vorladungen und Verhaftungen anordnen, sogar Strafen verhängen. Und im Gegensatz zur föderalen deutschen Justiz verfügen sie über absolute Zentralgewalt in der Terrorbekämpfung, die den Durchgriff bis auf die unterste Ebene erlaubt.

Bruguières Amtsräume liegen am toten Ende eines Korridors im obersten Stock des Pariser Justizpalastes auf der Île de la Cité. Den Schutz der gepanzerten Türen, schusssicheren Fensterscheiben, Videokameras und Personenschleusen genießt der weltweit reisende Terroristenjäger allerdings nur selten. "Ich habe einfach zu viel zu tun, um Angst zu haben", sagt er. So verabredet er sich, statt in seinem Hochsicherheitstrakt, lieber in einem Frühstücksrestaurant. Bruguière, Spross einer Richterfamilie in sechster Generation, Pilot und Offizier der Ehrenlegion, ist ein unscheinbarer Mann mit schmalen Lippen und großen Ohren. Eine Aura der Konspiration umgibt ihn, vom beigen Trenchcoat bis zur Sprechweise – leise, die Hände schützend vorm Mund verschränkt, als fürchte er, belauscht zu werden.

Der Kaukasus: Ein neues Schlachtfeld des Dschihad

In der Sache wird der Terroristenjäger, der wegen seiner umfassenden Kompetenzen auch "der Sonnenkönig" genannt wird, aber durchaus deutlich: Frankreich hat die besten Terrorfahnder – was der Mann, der durch die Festnahme des Terroristen Carlos bekannt wurde, mit einigem Recht vertreten kann. "Anders als die USA haben wir eine lange Leidensgeschichte mit externen Terrorgruppen", sagt Bruguière. "Unsere historischen Verbindungen zu arabischen Staaten machen es uns leichter, die Wurzeln des Terrorismus zu verstehen."