So still war es in ihren Anstalten schon lange nicht mehr. Schweigen ist Gold. Es gibt Abteilungsleiter bei ARD und ZDF, die strikte Anweisung haben, ihre Zunge zu hüten, sollte ihnen ein unbefugter Journalist über den Weg laufen. Der Intendant ist nervös, die Lage gespannt. Dafür plaudern die Redakteure in den fußballfeldgroßen Kantinen umso lieber. Sie erzählen sich Geschichten aus besseren Tagen. Damals, Anfang der achtziger Jahre, als im Hessischen Rundfunk (HR) ein netter Kollege zur gewinnbringenden Nutzung seiner Arbeitszeit immer freitags die Runde machte und Wein aus eigenem Anbau verkaufte, einen schönen Rheinhessen mit perligem Abgang.

Im HR erinnern sich Ältere noch gern an eine zauberhafte Fernreise nach Nordamerika und Japan. Zwei Wochen zog es 1986 siebzehn Gremienmitglieder und zehn HR-Führungskräfte unter Einschluss ihrer selbst zahlenden Ehefrauen in die Ferne, um "Medieneinrichtungen" aus der Nähe zu betrachten. Ganz oben auf dem Programm stand das Musical Cats am Broadway, der Besuch einer Ananasfarm auf Hawaii und eine Geisha-Show in Tokyo. Fast eine halbe Million Mark kostete die Bildungsreise; für jeden Wissbegierigen 17000 Mark. Die Hälfte kam direkt aus dem Gebührentopf, den Rest zahlte eine Tochterfirma des HR.

Auch die Redakteure, die damals zu Hause bleiben mussten, hatten alle Hände voll zu tun. Wenn Zeit übrig war, spielten sie "Ein Mikrofon wäscht das andere". Das Spiel, dem die ARD später einen Riegel vorschob, ging so: Ein Redakteur schrieb Beiträge für den Kollegen eines befreundeten Senders und wurde mit einem ordentlichen Honorar vergütet. Aus reiner Dankbarkeit schickte der Kollege dann einen selbst gestrickten Beitrag zurück. Und wieder gab es Honorar.

Geschichten wie aus Tausendundeiner Rundfunknacht, bei ARD und ZDF gibt es viele davon. Sie sprechen nicht gegen ein Gebührenfernsehen, erst recht nicht gegen dessen großartige Idee – die Idee nämlich, dass Rundfunk und Fernsehen nicht dem Staat oder einem Wirtschaftsunternehmen gehören dürfen, sondern der Allgemeinheit, allein ihren Interessen, ihren Wünschen und ihrer Neugier verpflichtet sein sollen. Ein Medium für Information und Willensbildung, das "staatsfern" ist und ganz und gar unabhängig von den heimlichen Begehrlichkeiten der politischen Macht.

Trotz der Misere seines Unterhaltungsprogramms, einer faden Kopie der privaten Konkurrenz, ist das deutsche Gebührenfernsehen noch immer eine ansehnliche Veranstaltung, vergleicht man es zum Beispiel mit dem Fernsehen in Frankreich. Die politischen Magazine hierzulande nehmen kein Blatt vor den Mund. Außerdem existiert Phoenix, ein Spartenkanal, der sich ausschließlich dem politischen Geschehen der Republik widmet. Und wer hätte es vermutet, dass so charmante Sendungen wie Kanzlerbungalow (WDR) oder Extra-Drei (NDR) auf einem ARD-Acker überhaupt gedeihen könnten? Ein Enthüllungsbericht über die Machenschaften des Leichenpräparators Gunther von Hagens (MDR) oder eine Reportage aus dem multikulturellen Alltag einer Hamburger Hauptschule (NDR) hätten in einem privaten Quotensender nicht die geringste Chance. Doch zu sehen sind solche Sendungen vornehmlich dann, wenn das öffentlich-rechtliche Wellness-TV verplätschert ist und der Musikanten-Treck mit Marianne und Michael jodelnd geendet hat.

Hervorgebracht werden solche Raritäten jedoch von einem bürokratischen Organismus, für dessen Wachstumshunger es keine natürlichen Grenzen gibt. Rund 24000 Festangestellte arbeiten im größten öffentlich-rechtlichen Imperium der Welt. Über dem Ganzen liegt ein weit verzweigtes Flechtwerk aus Rundfunkräten und Verwaltungsgremien, besetzt mit Haupt-, Neben- und Stellvertretern. Alles zusammen erzeugt genügend Unübersichtlichkeit, um sicherzustellen, dass dem Apparat zwischen Pförtner, Formularverwalter und Kabelträger niemals die Arbeit ausgeht. Auch ohne eine einzige Sendung.

Streng genommen kennt der öffentlich-rechtliche Rundfunk, also ARD und ZDF, keine Krise. Er blüht, wächst und gedeiht und führt ein Leben in glücklicher Zuwachserwartung. Über 6,6 Milliarden Euro stammen aus Gebührenerträgen; seit Anfang der neunziger Jahre haben sie sich um die Hälfte vermehrt. Wer einmal das Anstaltswesen von innen gesehen hat, weiß, warum. Ein Sender ist eine Wunschmaschine und seine Grundstimmung die der Begehrlichkeit. Es herrscht Mangel in Hülle in Fülle. Hier gilt es, eine "Nachtlücke" zu füllen, dort fehlt der Online-Auftritt, und drüben muss rasch ein Programmfenster geschlossen werden. Anschließend ist die Betriebstankstelle zu klein, die Kantine zu voll und der Sendemast zu niedrig. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre haben ARD und ZDF die Zahl ihrer Sendeminuten verdreifacht. Inzwischen existieren 21 TV-Programme, einschließlich der Spartenprogramme wie Arte, Phoenix und 3sat.

Mit Bienenfleiß werden Fernsehproduktionen ausgelagert