kino Kleines Panzernashorn
Tom Cruise ist der „Letzte Samurai“. Überhaupt beginnt die Leinwand sich langsam zu japanisieren
Man könnte wehmütig werden, wenn man sich an Robert Mitchum erinnert, der 1974 in Paul Schraders Thriller durch ein fremdartiges Japan tapst. Als US-Ermittler muss er sich mit uralten Vorstellungen von Familie, Pflicht und Treue befassen, mit Menschen, die statt zur Pistole immer noch zum fein geschmiedeten Samurai-Schwert greifen. Natürlich sieht Mitchum am Ende des Films so stoisch aus wie immer. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass er durch die Begegnung mit kryptischen Zeichen und ritualisierten Gesten vor allem etwas über sich, den Amerikaner, erfahren hat.
Nun schickt Hollywood wieder einen Emissär nach Fernost. Doch diesmal ist es kein Zeichenleser, sondern ein militärischer Missionar: Tom Cruise alias Captain Nathan Algren sorgt im Japan um 1870 dafür, dass die soldatischen Qualitäten beider Nationen in Tapferkeit fusionieren. Als US-Söldner und Ausbilder soll er der japanischen Armee helfen, rebellische Samurai niederzuwerfen, die sich mit aller Gewalt gegen die Modernisierung und Amerikanisierung ihres Landes wehren. Doch statt seinen Auftrag zu erfüllen, therapiert er seine vom Abschlachten der Indianer arg gebeutelte Seele, indem er sich mit der traditionalistischen Minderheit verbündet. Als Gefangener der Samurai lernt Cruise, mit Stäbchen zu essen und mit dem Schwert zu kämpfen. Die Kampfszenen unterlegt Regisseur Zwick mit wildem Raubtierfauchen.
So entspinnt sich ein interkulturelles Tauschgeschäft. Während die stolzen Krieger den Captain dazu bringen, dem Alkohol abzuschwören und zu Flötenklängen sein inneres Gleichgewicht zu finden, verhilft Cruise den Samurai, dem japanischen Kaiser, ja dem ganzen Land zu nationaler Selbstfindung. Der pathetischste Moment des ganzen Films ist auch sein lächerlichster: Nach einer Reihe von Initiationen stapft Cruise endlich schweren Schrittes mit einer original Samurai-Rüstung zur finalen Schlacht – und wirkt doch nur wie ein etwas zu klein geratenes Panzernashorn.
Geradezu leichtfüßig hingegen klaubte sich Uma Thurman in Quentin Tarantinos Kill Bill 1 ihr martialisch-mentales Rüstzeug in Japan zusammen. Tatsächlich wirkt Tarantinos wildes Asia-Patchwork im Rückblick wie der ironische Gegenfilm zur bleischweren Spiritualisierung von Last Samurai . Durch seelische Sammlung überwindet Thurman die Lähmung ihrer Zehen. Ihre Waffe ersteht sie bei einem japanischen Meisterschmied und das vorläufig letzte Duell bestreitet sie in einem zart verschneiten Gärtchen, das aussieht wie von buddhistischen Mönchen geharkt. Vor Kampfbeginn mögen Cruise und Thurman ihre Stirn gleichermaßen in konzentrierte Falten legen, doch bei Tarantino besteht kein Zweifel, dass die große Zen-Geste allenfalls Zitiergut sein kann.
Fast hat es eine gewisse Ironie, dass sich nun ein japanischer Filmemacher aufgemacht hat, den Epigonen des Samurai-Films eine kleine Lektion zu erteilen. Bald wird Takeshi Kitanos Schwerterchoreografie Zatoichi auch in Deutschland ins Kino kommen – herumsausende Köpfe, pittoreske Blutfontänen, tänzerische Schlachten und Kitano selbst als blinder Samurai. Der exzessiven Klingenschwingerei begegnet der Japaner weder mit Pathos noch mit Ironie, sondern mit dem beschwingten Grundton einer eleganten Burleske. Während im Last Samurai archaische Kampftechniken mit verlogenem Ehrgetöse an schnöden Maschinengewehren scheitern, weiß Kitano um die durchweg altmodischen Geister, mit denen er spielt. Den Kult der ausgestellten Spiritualität entzaubert er ganz nebenbei durch den winzigen, aber treffenden Gastauftritt eines amerikanischen Revolvers.
- Datum 08.01.2004 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.01.2004 Nr.3
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