Flüchtlinge Odyssee nach Schengenland

Abertausende von Afrikanern riskieren ihr Leben für ein Ziel: Europa. Doch die EU-Staaten drängen sie in die Illegalität – und steigern gerade so die Kosten der Zuwanderung

Das Boot wurde spätnachts auf stürmischer See entdeckt. Die Passagiere wirkten völlig erschöpft und ausgehungert, manche schliefen. Das dachten jedenfalls die Beamten der italienischen Küstenwache, ehe sie die grausige Entdeckung machten – die reglosen Gestalten waren Tote. 13 Leichen, angekommen am 19. Oktober 2003 auf der Ferieninsel Lampedusa. 70 Mitreisende seien auf der Überfahrt gestorben und über Bord geworfen worden, berichteten die 15 Überlebenden. 15 von 100 Boatpeople, die in Libyen in die seeuntüchtige Schaluppe gestiegen waren, um Europa, den gelobten Kontinent, zu erreichen.

Drüben, auf der afrikanischen Seite des Mittelmeers, warten noch Tausende und Abertausende. Sie flohen vor dem Bürgerkrieg in Liberia, der Hungersnot in Äthiopien, dem Elend im Kongo oder den Chaosmächten in Nigeria. Sie wanderten unter unsäglichen Strapazen durch das Niltal, den Sahelgürtel, das Sandmeer der Sahara. Irgendwann erreichten sie Orte mit klangvollen Namen, Port al-Kantaoui in Tunesien oder Tarfaya in Marokko. Es sind triste Hafenstädte, in denen sie nach Schleppern suchen, die ihnen die gesamten Ersparnisse abknöpfen und sie auf ihren Seelenverkäufern übers Meer schippern.

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Die Glücklichen schaffen es bis ins Schengenland. Für viele Migranten aber endet die Odyssee in der Katastrophe. Sie verdursten in der großen Wüste. Sie werden unterwegs ausgeraubt und erschlagen. Sie ertrinken im Atlantik auf dem Weg hinüber zu den Kanaren, im Kanal von Sizilien oder in der Straße von Gibraltar, die man das „größte Wassergrab Europas“ nennt. Das Meer spült sie zurück nach Afrika, in die Friedhöfe der Namenlosen an der Küste des Maghreb.

Aber das schreckt die Menschen nicht ab, es immer wieder zu versuchen. Sie haben nichts zu verlieren. Jenseits des Meeres liegt eine bessere Welt, und vom Schicksal, das zahllosen Flüchtlingen widerfährt, ahnen sie nichts. Die Endstation ihrer Sehnsucht, das ist zum Beispiel eine Baracke im Flughafen von Fuerteventura. Oder ein Auffanglager in der spanischen Enklave Ceuta. Oder der Tiburtina-Bahnhof zu Rom, wo es durchs morsche Dach regnet, wo es keinen Strom, kein Trinkwasser und keine sanitären Anlagen gibt, die das Prädikat menschenwürdig verdient hätten. „Ich fühle mich wie jemand, der langsam krepiert“, sagt einer der 500 Asylsuchenden, die hier dahinvegetieren. Sie haben kein Geld, keine Papiere, keine Arbeit. Aber sie haben immer noch Hoffnung. Vielleicht ergibt sich ja irgendwie die Chance auf einen Job als Landarbeiter, Handlanger oder Straßenhändler.

Aber Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten. Man will sie nicht im gelobten Land. Damit die legalen Schlupflöcher möglichst eng bleiben, wird schon in den Herkunftsländern die „Kontinentalsperre“ aufgebaut – eine Art Vorwärtsverteidigung der Festung Europa.

Nehmen wir Lagos. Die Wirtschaftsmetropole Nigerias ist ein urbanes Geschwür, durchädert von giftigen Kloaken, übersät mit Müllhalden, erstickt unter einer milchig blauen Smogdecke, geplagt von Elend, Krankheit und Gewalt. Eine Megalopolis der Dritten Welt, übervölkert, unregierbar, anarchisch, endzeitlich anmutend. Wie man in Lagos überleben kann, sprengt unsere Vorstellungskraft. Aber man kann verstehen, warum Menschen diesem Moloch entfliehen wollen.

Tag für Tag ziehen Hunderte von Bittstellern an den Eleke Crescent, an dem die Vorposten des Paradieses liegen, die Auslandsvertretungen von Amerika, Großbritannien, Italien, Dänemark und Deutschland. In der sichelförmigen Einbahnstraße herrscht absolutes Halteverbot; Zuwiderhandelnde werden sogleich von Militärpolizisten verscheucht. Wehrmauern, Natodraht, silbernes Stahltor, Kameraaugen, an der Drehtürsperre Bundesgrenzschützer mit elektronischen Taststäben – die deutsche Mission, wie ein Raumschiff in Afrika gelandet. „Willkommen in unserem kleinen Stammheim“, begrüßt uns der Missionschef. Die Ausgrenzer leben wie Eingeschlossene.

150 Begleiter für Ghanas Jugendnationalmannschaft

Überall in Afrika dasselbe Bild. Die Zitadellen des Westens, davor die Wartenden, schüchterne, devote, hoffnungsfromme Gesichter. Und allerorten die gleichen Probleme. „Das Jugendnationalteam von Ghana wird zu einem Turnier nach Deutschland eingeladen – und 150 Leute wollen es begleiten“, erzählt ein Attaché der Botschaft in Accra. „In Bonn findet eine Klimakonferenz statt – und schon gibt es auf wundersame Weise drei Dutzend Ozonforscher in Ghana.“ Im April 2003 wurde in Paris Papa Wemba verhaftet. Der kongolesische Musikstar hatte im Verlauf von drei Jahren 200 Reisen für Immigranten organisiert, die als Mitglieder seiner Bands getarnt waren. Der Menschenschmuggel soll dem „König des Rhumba“ mehr Profit gebracht haben als die Musik.

„Mister! Mister!“ Bettelnde Buben verfolgen uns. Sie stoßen die Zischlaute heraus wie Sprechautomaten. Sie wollen unseren Kugelschreiber, die Uhr, die Kappe. „Mister! Mister!“ Die Älteren fragen nach der Visitenkarte, nach einem Kontakt in Europa, einer Telefonnummer, irgendeinem Enterhaken in das Schlaraffenland, aus dem wir kommen. Sie sehen es manchmal im Fernsehen. Sie kennen es aus Illustrierten, aus Musikvideos, aus den Erzählungen der Heimkehrer. Aber für die meisten bleibt der reiche Norden so unerreichbar wie der Mond.

„Es sind eben nicht die Armen, die den Sprung nach Europa schaffen, sondern die relativ Wohlhabenden und Gerissenen“, berichtet Herr M., ein deutscher Konsularbeamter in Kinshasa. Seinen richtigen Namen verschweigt er lieber, eigentlich will er gar nichts erzählen. „Da bekommt man immer Beifall von der falschen Seite.“ M. mag Afrika, seine Frau ist Kongolesin. Er denkt liberal, wählt grün und tritt vehement für das Grundrecht auf Asyl ein. „Aber manchmal komme ich mir auf diesem Posten vor wie ein Narr.“

Den Großteil seiner Dienstzeit verbringt M. damit, Anfragen zu beantworten, vornehmlich aus dem Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Nürnberg oder von Verwaltungsgerichten, die im fernen Deutschland Asylanträge prüfen. Stimmt es, dass an diesem Tag die Polizei eine Demonstration niedergeknüppelt hat? Existiert die Straßenkreuzung, an der Monsieur X. verhaftet wurde? Wo liegt die Kaserne, in der man ihn schwer misshandelt hat?

In der Regel gab es weder die Demo, noch existiert die Kreuzung oder der Folterort. „Die Angaben sind oft frei erfunden.“ M. prüft sie in Zusammenarbeit mit ortsansässigen Menschenrechtsgruppen. Für die Amtshilfe gibt es ein Recherchehonorar von maximal 250 Euro pro Fall – was die Zahl der Menschenrechtsgruppen in Kinshasa stetig wachsen lässt.

„Die Betrüger höhlen das Grundrecht auf Asyl aus“, sagt M. Was er nicht sagt: Der Artikel 16(a) des Grundgesetzes wurde ohnehin schon schwer verstümmelt. Gerade wer ihn retten will, sollte über den Missbrauch offen reden.

Asylant – das ist eine Chiffre der Fremdenfurcht. Aber auch die Worte Migrant und Migration haben einen bedrohlichen Beiklang; man verbindet sie mit zielloser Wanderung, mit Schmarotzertum und Lohndrückerei, mit Überfremdung, ja „Durchrassung“. Europa hat verdrängt oder vergessen, dass große Völkerwanderungen zu allen Zeiten in allen Weltregionen stattgefunden haben, dass sie gleichsam zu den Bewegungsgesetzen der Geschichte gehören. Auf der anderen Seite der Grenze ist das Gras grüner. Die Menschen versuchen, den elenden, unfriedlichen Verhältnissen ihrer Heimatländer zu entkommen und sich und ihren Familien eine lebenswerte Zukunft zu sichern. Was wäre daran so verwerflich? Würden wir in der Not nicht selber so handeln?

„Wir haben schon genug Arbeitslose! Das Boot ist voll!“, sagen die Stammtischbrüder. Das Boot wird immer leerer, warnen die Demografen. Eine Studie der Deutschen Bank prognostiziert, dass die Deutschen zum Ende des 21. Jahrhunderts auf ein vergreistes Völkchen von 25 Millionen zusammengeschrumpft sein könnten.

Die Europäer ahnen, dass sie Einwanderer brauchen werden, aber sie tun sich schwer, darüber eine ehrliche Debatte zu führen, weil unter den Maßgaben ihrer Abschottungspolitik Zuwanderer in der Regel mehr kosten, als sie nützen. Gerade der Wohlfahrtsstaat habe sie in Verruf gebracht, sagt der holländische Historiker Pieter Emmer; er degradiere sie zu Sozialhilfeempfängern, arbeiten und ihre „Migrationstalente“ entfalten dürfen sie nicht. Insgeheim aber wisse man sehr wohl, dass es ohne Zuwanderer im Baugewerbe, in der Landwirtschaft oder im Dienstleistungssektor düster aussehen würde. Die „Festungspolitik“ sei zur Erfolglosigkeit verdammt, befindet Emmer. Er plädiert dafür, die Einwanderung dem Markt zu überlassen.

Herein darf, wer eine Ausbildung mitbringt – oder Folternarben

Aber die EU-Staaten halten an der Strategie des Abschottens fest, eine harmonisierte Einwanderungspolitik haben sie nicht. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner lautet: Rein darf nur, wer überzeugende Folternarben vorzeigen kann. Oder wer eine ordentliche Ausbildung mitbringt. Das Armutsheer aber möge draußen bleiben.

Die Botschaften und Konsulate sind die vordersten Selektionsinstanzen. Ist der Petent ein „echter“ Asylbewerber oder nur ein Wirtschaftsflüchtling? Handelt es sich um einen Geschäftsreisenden? Um einen harmlosen Urlauber oder einen heimlichen Immigranten? In Staaten wie dem Kongo sind die Beamten hoffnungslos überfordert, weil das „Aussortieren“ längst unmöglich geworden ist. Zwei Millionen Menschen starben im Bürgerkrieg, Millionen wurden entwurzelt, Tausende werden verfolgt, vergewaltigt, gefoltert, ihrer Grundrechte beraubt. Es gibt tausend gute Gründe, dieses Inferno zu verlassen. Als Asylbewerber. Als Flüchtling, der sich auf die Genfer Konvention beruft. Oder als illegaler Einwanderer. Die Menschen wollen weg, nur weg.

Doch ein Visum erhalten sie nur dann, wenn sie das Gegenteil glaubhaft machen können. „Unser Hauptkriterium ist die Rückkehrbereitschaft“, erklärt ein Konsularbeamter in Luanda, Angola. Wie ist der Antragsteller im Lande verwurzelt? Hat er Familie und Hausbesitz? Kann er ein Heimflugticket vorweisen? Reichen seine Reisemittel aus? „Ich habe manchmal die Firmen von Antragsstellern inspiziert und fand nur leere Blechhütten. Oder die Firmen existierten gar nicht.“

Ist es verwunderlich, dass selbst wohlmeinende Beamte nichts mehr glauben? Wenn hochrangige Politiker ausreisen, müssen die Konsulate für deren vielköpfige Entourage im Eiltempo Visa genehmigen und ein paar Wochen später feststellen, dass Delegationsmitglieder irgendwo im Schengenland abgetaucht sind. Auch auf dem Felde der Familienzusammenführung erleben sie immer wieder abenteuerliche Täuschungsmanöver. Die Ehrlichen hingegen sind oft die Betrogenen. Als zum Beispiel ein Schulfreund des Reporters eine Ghanaerin heiraten wollte, wurde der Auserwählten die Einreise verweigert – es hätte sich ja um eine Scheinehe handeln können. Erst eine Ehrenerklärung gegenüber dem deutschen Botschafter in Accra, dass hier eine echte Liebesheirat vorliege, öffnete die Tür nach Bayern.

„Natürlich sind nicht alle Schwindler“, räumt ein anderer Konsularbeamte ein, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Er erzählt von der energischen Geschäftsfrau, die bisweilen von Kinshasa nach Frankfurt reist und mit zehn Gebrauchtautos zurückkehrt. „Da legen oft ein Dutzend Leute zusammen, um ein Flugticket zu finanzieren und einen Einkäufer nach Europa zu schicken.“

Freier Handel, gut und schön, allerdings strengstens reguliert. Aber freier Personenverkehr? So weit soll die Globalisierung dann doch nicht gehen! Dabei stimuliert gerade der Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Informationen die globalen Migrationsströme. Diese führen ihrerseits zu erstaunlichen Transferleistungen. Im Jahre 2001 wurden die Rücküberweisungen von legalen und illegalen Migranten in die Entwicklungsländer auf 60 Milliarden Dollar geschätzt – das übersteigt die Entwicklungshilfe des Nordens um 20 Prozent.

So besehen wäre eine liberalere Einwanderungspraxis der EU auch ein Instrument, um die extreme Wohlstandskluft zwischen Reichen und Armen zu schmälern. Aber die Europäer tun genau das Gegenteil. Sie verstärken die Wälle ihrer Festung und untergraben durch Handelsbarrieren, Zollschranken und Agrarsubventionen die Zukunftschancen des Südens.

In Afrika leben 700 Millionen Menschen, die Mehrzahl ist jung und arm. Europa ist wohlhabend und überaltert, seine Bevölkerung schrumpft dramatisch. „Warum wollt ihr uns nicht?“, fragt ein 20-jähriger Mann, der am Viehgatter in Lagos ansteht. Er hat Abitur, er träumt von einem Medizinstudium in Berlin. Er will nicht auf einem Totenschiff ankommen. Und er will nicht heimkehren wie jener Flüchtling aus dem Sudan, der vor vier Jahren auf dem Flug LH 588 von Frankfurt nach Khartum starb. BGS-Leute hatten den widerspenstigen „Schübling“ erstickt.

 
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