Kein Zweifel – niemand anders hat der 68er-Bewegung so sehr ihren Stempel aufgedrückt wie Rudi Dutschke. Mit ihm ist die Revolte der Studenten mehr als nur verbunden – seine individuelle Biografie ist zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Verlauf einer kollektiven Bewegung eins geworden. Insbesondere durch das Attentat vom Gründonnerstag 1968, das er nur um Haaresbreite überlebte und an dessen Spätfolgen er schließlich doch noch starb, ist Dutschke auch zu einem Objekt der Zeitgeschichte geworden. Der existenziell konnotierte Scheitelpunkt seiner politischen Biografie ist zugleich Kulminationspunkt der wohl schärfsten Infragestellung gewesen, die die bundesdeutsche Nachkriegsdemokratie seinerzeit erlebt hat.

Oft ist danach gefragt worden, was jener seine Zeitgenossen häufig so beeindruckende, die Öffentlichkeit aber polarisierende junge Mann "eigentlich" gewollt hat, woher seine Entschlossenheit, sein Charisma, aber auch seine Unbestechlichkeit rührten? Inzwischen mangelt es nicht an biografischen und auch nicht an autobiografischen Schriften, um Dutschkes Herkunft aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, seine Kindheit im brandenburgischen Luckenwalde, seine Jugendzeit im SED-Staat DDR, seine Studentenzeit nach dem Mauerbau in West-Berlin und seine Rolle als unbestrittener Wortführer der antiautoritären Revolte im Kontext der zwischen Ost und West geteilten Stadt nachverfolgen und besser begreifen zu können. Als Erstes ist an dieser Stelle der 1981 posthum erschienene Band Aufrecht gehen zu nennen. Dieser Text war zunächst für einen von Fritz J. Raddatz herausgegebenen Sammelband verfasst worden, konnte dort seines Umfangs wegen jedoch nur zu einem kleineren Teil publiziert werden. Dann verdienen die drei bislang maßgeblichen Biografien von Ulrich Chaussy, Jürgen Miermeister und Gretchen Dutschke Erwähnung, die das Bild des einstigen Rebellen wesentlich mitgeprägt haben. Hinzu kommen die erst kürzlich publizierten Tagebücher, die zwar kein kontinuitätsgesättigtes Bild, dafür aber eine Reihe von Tiefenbohrungen mit überraschenden Einblicken in den Prozess einer weltanschaulichen Selbstklärung vermitteln.

Nun ist die erste quellengestützte Monografie erschienen, die nicht Dutschkes Lebenslauf, sondern die von ihm propagierten politischen Modelle in ihr Zentrum stellt und damit zugleich den systematischen Anspruch verfolgt, sein politisches Handeln differenzierter als bisher analytisch durchdringen zu können. Die junge Politikwissenschaftlerin Michaela Karl, die zuletzt mit einem Band über bayerische Sozialrebellen hervorgetreten ist, hat ihrer voluminösen Arbeit den ebenso knappen wie zutreffenden Titel Revolutionär ohne Revolution gegeben. Damit wird dem Leser nahegelegt, die Politik ihres Protagonisten im Lichte eines dauerhaften, nicht auflösbaren Widerspruchs zu betrachten – ein junger, maßgeblich vom Protestantismus geprägter Mann versucht mit dem ihm eigenen Elan die Idee einer sozialen Revolution zu reaktualisieren, für die es zwar eine rebellisch gestimmte Atmosphäre auch über Teile der Studentenschaft hinaus, jedoch keine – weder in sozialer noch in ökonomischer Hinsicht – objektiven Bedingungen gibt. Dutschkes kometenhafter Aufstieg zum unumstrittenen Idol einer ebenso dynamischen wie sich selbst verzehrenden Protestbewegung wird in eine paradoxe Konstellation eingebettet, eine Wohlstandsgesellschaft, der es vor dem Hintergrund der NS-Vergangenheit bis dahin nicht gelungen war, einen für eine gelebte Demokratie unverzichtbaren, über die Generationsprägungen hinaus akzeptablen Wertekanon zu entwickeln.

Wann ist Gewalt nicht nur legitim, sondern notwendig?

Dutschkes politische Biografie wird dabei in drei große Kapitel eingeteilt – in die Phase des Rebellen, die bis zum April 1968 reicht; die des Exilanten, eine Odyssee, die vom Juni 1968, als er unter dem Pseudonym "Mr. Klein" West-Berlin verlässt, bis zum Januar 1973 reicht, als er zum ersten Mal wieder in der Bundesrepublik auf einer Veranstaltung, einer Kundgebung gegen den Vietnamkrieg, in Bonn auftritt, und die eines Politikers, der sich mehr und mehr der Ökologie zuwendet und eine parlamentarische Orientierung schließlich für unerlässlich hält. Die von Chaussy bereits vor zwei Jahrzehnten eingeführte Aufteilung in drei ganz unterschiedliche Abschnitte (Die drei Leben des Rudi Dutschke) wird durch den Zäsur-Charakter des Attentats und seine Folgen – die wegen der weitgehenden Zerstörung des Sprachzentrums besonders langwierige Rekonvaleszenzzeit und die späteren Versuche, eine Partei, zunächst eine links von der SPD und dann eine ökologische, die der Grünen, zu gründen – bedingt.

Insbesondere ein Themenkomplex durchzieht die Studie – die zunächst um die Formel von "Aufklärung durch Aktion" zentrierte und vordergründig zwischen Sachen und Personen unterscheidende Gewaltfrage. Michaela Karl kann die nach Dutschkes Tod häufig, nicht zuletzt aus Kreisen der evangelischen Kirche geäußerte Ansicht widerlegen, dass derjenige, der selbst das Opfer eines menschenverachtenden Gewaltanschlages wurde, jemals zuvor oder danach Pazifist gewesen sei. So dezidiert einerseits Dutschkes Ablehnung des RAF-Terrorismus im Kern auch gewesen sein mag, so vieldeutig fiel andererseits seine Einschätzung der Frage aus, von welchem Punkt an Gewaltanwendung nicht nur legitim, sondern geradezu gefordert sei. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Attentat im März 1970 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in London sprach Dutschke zu dem für ihn so zentralen Thema Gibt es eine Revolution ohne Gewalt?. Die dort von ihm gegebene Antwort besaß für ihn durchaus exemplarischen Charakter: Individueller Terror sei prinzipiell abzulehnen, "revolutionäre Gegengewalt" jedoch grundsätzlich zu befürworten. Der bewaffnete Kampf war für ihn – wenn auch nicht in den Industriestaaten, den so genannten Metropolen, sondern in den Ländern der Dritten Welt – also durchaus eine, wenngleich an revolutionären Maßstäben zu messende Option.

Die Autorin hat nicht nur die bislang publizierte Literatur von und über Dutschke, sondern auch den Nachlass gründlich ausgewertet. Trotz einer mitunter zu geringen Distanz und eines nicht zu übersehenden Hangs, auch im Nachhinein noch einige Schlachten für ihren Protagonisten austragen zu müssen, werden künftig alle Arbeiten, die sich näher mit der Rolle des einstigen, von der Presse in durchsichtiger Zweideutigkeit mit dem Etikett "Studentenführer" versehenen Radikalen befassen, an diesem Buch messen lassen müssen. Die Tatsache, dass es von der Axel-Springer- ebenso wie von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert worden ist, darf vielleicht als ein Zeichen dafür gewertet werden, dass die Gräben der Vergangenheit nicht mehr mit jenen der Gegenwart identisch sind.