gesellschaft Die Macht der kollektiven Gefühle

Der Soziologe Karl Otto Hondrich sucht nicht mehr nach großen Weltentwürfen. Er versteht sein Fach als Wissenschaft von dem, was nicht zu ändern ist

Im 30. Stock des Frankfurter Universitäts-Turmes, dort, wo das Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse seinen Sitz hat, sagt Karl Otto Hondrich mit leicht maliziösem Lächeln zur Begrüßung: „Alle beklagen sich über die hässliche Betonarchitektur, aber ich mag diesen Turm eigentlich sehr.“ Die spektakuläre Aussicht von hoch oben über das Getriebe der Großstadt passt nicht schlecht zu dem distanzierten soziologischen Stil des hoch gewachsenen Mannes. Im 30.Stock schreibt Hondrich über alle möglichen Phänomene – Liebe, Krieg, Gentechnik, Fremdenfeindlichkeit, Generationengerechtigkeit – und denkt dabei in immer neuen Anläufen über politische und kulturelle Grenzen nach, über die Bedeutung von Zugehörigkeitsgefühlen und über die Wertkonflikte, mit denen heutige Gesellschaften klarkommen müssen. Sein großes Thema ist dabei das, was er „die kollektiven moralischen Gefühle“ nennt: „Wir sind als soziale Wesen verdammt, dauernd zu werten, so wie wir atmen.“

Sind dies nicht klassisch-konservative Themen? „Wenn man in Deutschland soziale Tatsachen nur benennt, wird das gleich wieder als politische Wertung gelesen“, sagt Hondrich amüsiert. „Da wirkt eben immer noch das moralische Pathos der Nachkriegszeit, das wir einfach nicht loswerden.“ Als Hondrich 1972 Professor an der Frankfurter Universität wurde, verbanden sich mit dem Begriff „Gesellschaft“ noch große Erwartungen. Der himmelsstürmende Turm an der Senckenbergallee ist Ausdruck des soziologischen Überschwangs dieser Tage. Die Gesellschaft war etwas unendlich Formbares, das nur darauf wartete, durchschaut und nach besserem Plan umgebaut zu werden.

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Doch diese Zeiten sind vorbei. Wenn man heute sagt, irgendetwas müsse „in einem gesellschaftlichen Zusammenhang“ gesehen werden, dann ist das eher eine Resignationsformel. Wer heute „Gesellschaft“ sagt, meint oft insgeheim: Da kann man nichts machen. Der Zukunftsglaube hat sich von den Sozial- auf die Lebenswissenschaften verlagert. Wie geht der Soziologe mit diesem Wandel um? Er sehe sich zwar selbst „eher als Optimisten“, sagt Hondrich, aber den Optimierungsfantasien, die zum Beispiel von der Gentechnik beflügelt werden, steht er skeptisch gegenüber. Einzelnen mögen neue Chancen auf Heilung und Besserung winken. Wer aber über gentechnisch veränderte Menschen eine veränderte Gesellschaft schaffen wolle, verkenne, woran auch die alten Utopien scheiterten: an der ungeheuren Eigenmacht von Gesellschaft. „Auch eine perfekt geklonte Idealpopulation würde von der schieren Tatsache des Zusammenlebens wieder verschliffen in Gut und Böse, Zugehörige und Ausgeschlossene, Offenbartes und Verdrängtes, Gewolltes und Ungewolltes.“

Das Projekt Modernisierung, made in Afghanistan

Diese Erfahrung der „ungeheuren Eigenmacht von Gesellschaft“ ist für ihn von zentraler Bedeutung. Da hat er das Erbe bedeutender Vorgänger angetreten. Sein Lehrer René König war unter den Remigranten, die nach der NS-Zeit die Sozialwissenschaften in Deutschland wieder begründeten, als Bollwerk der Sachlichkeit gegen die Ideologie. Bei König, der in Köln die empirische Sozialforschung heimisch machte, lernte Hondrich Emile Durkheim zu lieben, den französischen Klassiker der Soziologie. Durkheim hatte gelehrt, „soziale Tatsachen wie Dinge zu behandeln“, und damit das Feld der kollektiven moralischen Gefühle für die wissenschaftliche Forschung erschlossen.

Hondrich brauchte jedoch einige schockartige Erfahrungen, um den wahren Wert dieses Erbes zu erkennen. Nach seiner Promotion bei König im Jahr 1962 ging er für zwei Jahre als Universitätslehrer nach Afghanistan, das sich damals in einem Prozess rigider Modernisierung von oben befand: „Die städtischen Eliten meinten, sie hätten alles im Griff. Man dachte, man könne sich einfach in der Welt die Versatzstücke für das große Modernisierungsprojekt zusammenholen.“ Als dieses Projekt in den Siebzigern zusammenbrach und die Mudschaheddin im Bürgerkrieg die Religion wieder installierten, wurde Hondrich erstmals deutlich, dass sein Fach die Bedeutung der kollektiven moralischen Gefühle drastisch unterschätzte.

Mit der Auflösung des sozialistischen Weltreichs bestätigte sich dieser Befund: „Die Soziologie“, sagt er selbstkritisch, „war nicht darauf gefasst, dass Nation, Ethnie und Religion, politische Einheit und kulturelle Identität wieder eine solche Bedeutung annehmen konnten und dass kollektive moralische Gefühle die Ordnungsfunktion nach dem Zusammenbruch des Imperiums übernehmen würden.“ Entsprechend perplex stand die Sozialwissenschaft plötzlich Phänomenen wie Fremdenhass, Bürgerkrieg und Völkermord mitten in Europa gegenüber. Mit dem heutigen religiös motivierten Terrorismus komme sie nicht klar, weil sie Gewalt nur als „unmoralische“ Folge von wegzureformierenden Missständen verstehen könne und nicht als Folge dessen, was er „soziomoralische Grundprozesse“ nennt. „Die Tatsache“, so sagt er, „dass Gewalt ein Grundelement des Lebens in Gesellschaft ist, wollen wir nicht wahrhaben.“

Gewalt lasse sich zwar eindämmen und monopolisieren, aber nicht abschaffen. Hondrich beschreibt den ersten Golfkrieg, die Interventionen auf dem Balkan und gegen die Taliban und jüngst auch den Krieg gegen das Regime von Saddam Hussein als Versuche zur Durchsetzung eines „Weltgewaltmonopols“. Ob die Durchsetzung der „Weltgewaltordnung“ unter amerikanischer Führung gelingen kann, hänge freilich nicht nur vom Besitz der größten Machtmittel ab, sondern auch davon, ob die Gewaltausübung Legitimität beanspruchen kann, sagt er heute skeptisch. „Gerade wer wie die Vereinigten Staaten weltweit Gewalt ausüben will, hat ein chronisches Legitimationsproblem. Aber diejenigen, die diesen Anspruch aufs Gewaltmonopol bestreiten, müssen sich auch fragen, ob sie sich etwa mit fünf gleich starken Mächten sicherer fühlen würden.“

Schicksal – für moderne Menschen ein Ärgernis

Solche Einlassungen über die Unentrinnbarkeit der Gewalt klingen finster. Dennoch will er nicht als Kassandra verstanden werden und sucht nach einer Devise für seinen skeptischen Optimismus: „Vielleicht können wir uns einigen, dass man sein Leben besser führen kann, wenn man weiß, was nicht zu ändern ist.“ Soziologie als Wissenschaft von dem, was nicht zu ändern ist? Das ist nicht so konservativ gemeint, wie es klingt. Denn die Werte und Institutionen einer Gesellschaft könnten sich sehr wohl radikal ändern, wird er nicht müde zu beschreiben. In Kürze erscheint sein Buch über Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft: Es handelt davon, wie grundlegend sich die Beziehungsmuster verändern, wenn gesellschaftlich akzeptierte Wünsche sich verändern. Es gelte zu sehen, dass wir über unsere Wünsche nicht frei verfügen können, eben weil sie soziale Tatsachen sind: „Was im Gewand von Wünschen daherkommt, etwa ,Du sollst einen modernen Beruf haben!‘, ist in Wirklichkeit ein handfester Norm-Zwang. Mit dem Selbstbild des modernen autonomen Individuums ist dies schlecht zu vereinbaren.“

Hondrich ist gerade dabei, seine Theorie der Gesellschaft, die sich in vielen Einzelstudien gebildet hat, systematisch zu formulieren. Jede Form sozialen Lebens zeichnet sich ihr zufolge durch fünf grundlegende Prinzipien aus. Erstens: geben und erwidern (Prinzip der Reziprozität); in jeder Gesellschaft gibt es Regeln dafür, wie etwa Geschenke, Grüße oder Beleidigungen ausgeteilt und erwidert werden. So geraten Menschen in die partnerschaftliche Liebe, aber auch in den Krieg. Zweitens: auf- und abwerten (Prinzip der Präferenz); in jeder Gesellschaft wird ständig bewertet und moralisiert und in der Regel das Eigene, schon Vertraute vorgezogen. Unsere Beziehungen sind Vorziehungen, die immer ein Zurücksetzen beinhalten. Als Korrektiv gegen daraus entspringende Feindseligkeit wirkt die Pflicht zur Toleranz gegenüber anderen, in der Wissenschaft die regulative Idee der Werturteilsfreiheit. Drittens: teilhaben und ausschließen (Prinzip der kollektiven Identität); jede Gesellschaft zieht ihre Grenze, indem sie die einen einbezieht und die anderen ausschließt. Im Namen des Individuums, das sich unvergleichlich setzt, oder der Menschheit als Ganzes können wir gegen dieses Prinzip protestieren, aufheben können wir es nicht. Viertens: verbergen und mitteilen (Tabu-Prinzip); keine Gesellschaft kommt ohne einen Code aus von dem, was mitteilbar ist und was verborgen bleiben soll. Selbst die Aufklärung, das Gegenprinzip, bringt neue Tabus hervor. Und fünftens: bestimmen und bestimmt werden (das Prinzip der fatalen Handlungsfolgen); Handeln sieht sich immer mit ungewollten Folgen konfrontiert, die wiederum die weiteren Handlungsmöglichkeiten bestimmen. Früher, so Hondrich, nannte man dies Schicksal, „ein Begriff, der für den modernen Menschen zum Ärgernis geworden ist, weil er sich als ausschließlich selbstbestimmt betrachtet“.

Ist dies ein Plädoyer für den Fatalismus und gegen die Hoffnung auf Verständigung zwischen den Kulturen? So will Karl Otto Hondrich gerade nicht verstanden werden. Er zieht eher Grund zur Hoffnung aus seiner ernüchternden Theorie. „Wenn wir erkennen, dass wir – trotz unserer Unterschiede – alle diesen elementaren sozialen Prozessen ausgeliefert sind, dann verstehen wir uns über kulturelle Grenzen hinweg wahrscheinlich besser, als wenn wir bloß einem Toleranzgebot folgen, das aus einer bestimmten Kultur erwachsen ist.“

Karl Otto Hondrich ist seit 1972 Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt/Main. Dort denkt er über die verschiedensten gesellschaftlichen Themen nach – Liebe, Krieg, Gentechnik oder Fremdenfeindlichkeit. Den 66-Jährigen beschäftigen dabei vor allem die „kollektiven moralischen Gefühle“, deren Wirken seine Wissenschaft lange übersah. In Kürze erscheint sein neues Buch über „Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft“ bei Suhrkamp

 
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