Dieser Wissenschaftler ist ein Phänomen. Ernst Mayr steht jetzt in seinem 100. Lebensjahr. Und es geht ihm gesundheitlich gut, ganz erstaunlich gut – obwohl er erst vor ein paar Tagen scherzend sagte, er fange an, sein Alter zu spüren. Er ist geistig so beeindruckend wach und neugierig wie eh und je und so kritisch mit seinen Mitwissenschaftlern wie seit fast, nun ja, 100 Jahren. In seinem letzten Interview sagte er: "For 99, I’m still pretty sharp."

Ernst Mayr prägte maßgeblich die Entwicklungsgeschichte der Evolutionstheorie und auch der Philosophie der Biologie des 20. Jahrhundert. Er ist ihr Zeitzeuge und Hauptakteur in personam. Mayr überlebte die meisten seiner Freunde und Bewunderer wie auch seine Kritiker und blickt auf die Leistungen von drei oder vier Generationen großer Biologen zurück, deren Handeln und Denken er maßgeblich beeinflusst hat. Selbst einer seiner Kritiker, sein ehemaliger, viel zu früh verstorbener Kollege an der Harvard University, Stephen Jay Gould, bezeichnete Mayr als den bedeutendsten lebenden Evolutionsbiologen. Seine Leistungen wurden mit fast 20 Ehrendoktortiteln aller führenden Universitäten der Welt und mit mehr Preisen und mehr Mitgliedschaften in Akademien vieler Länder ausgezeichnet, als sie je irgendein Wissenschaftler erhalten hat.

An seinem 90. Geburtstag hatte Mayr sich vorgenommen, noch fünf weitere Bücher zu schreiben. Diese lebenslange rastlose Produktivität hat er mit mehr als zwei Dutzend Büchern und über 700 wissenschaftlichen Aufsätzen bewiesen. Nun ist sein letztes Buch, Das ist Evolution, auf Deutsch erschienen – What evolution is wurde bereits 2001 in den USA veröffentlicht. Aber was gibt es fast 150 Jahre nach Charles Darwins Origin of Species und nach all den Arbeiten des Altmeisters Ernst Mayr, des "Darwin unserer Zeit", wie er bewundernd oft genannt wird, noch zur Evolutionsbiologie zu sagen?

Edward O. Wilson, auch ein eminenter Kollege an der Harvard University, sagte über ihn, Mayr sei nicht nur einer der besten Biologen des vergangenen Jahrhunderts, sondern einer, der am besten zu schreiben vermag. Dabei ist es in Amerika ohnehin Tradition, Sach- und Lehrbücher nicht "gelehrt" zu schreiben, sondern klar und verständlich.

Evolutionsbiologische Theorien scheinen nur auf den ersten Blick intuitiv, plausibel und selbsterklärend zu sein. Vieles ist umstritten, denn Ausnahmen stellen Regeln infrage. Empirismus und von der Theorie Vorhergesagtes sind, anders als in der Physik, nicht in allen Fällen in Einklang zu bringen. Biologie, nicht nur Evolutionsbiologie, ist komplexer als Physik. Zu viele Faktoren machen das Erkennen und Testen von Regeln in der belebten Welt komplizierter als in der unbelebten der Physik.

Natürlich gelten die Gesetze der Physik auch in der Biologie, aber darüber hinaus ist jede Art von Biologie auch eine historische Wissenschaft, bei der sowohl die evolutionäre Geschichte des Lebens in historischer Kontingenz in Form des genetischen Programms als auch unvorhersehbare Zufälligkeiten ihren Stempel den physikalischen Gesetze aufgedrückt haben. Das ist Evolution ist Ernst Mayrs erstes Buch, in dem er versucht, Prinzipien der Evolutionsbiologie und die Philosophie der Biologie einem breiteren Publikum vorzustellen. Obwohl Mayr ein Grundwissen bei seinen Lesern voraussetzt, können die Leser dieses Buch, auch in der U-Bahn lesen.

Seit sechs Dekaden, genauer: seit der Veröffentlichung seines 1942 erschienenen Buchs Systematics and the Origin of Species, steht Mayr im Zentrum aller wesentlichen wissenschaftlichen Dispute der Evolutionsbiologie, wie beispielsweise zur Frage, was Arten sind und wie neue entstehen. Charles Darwin selbst scheint nicht besonders tief darüber nachgedacht zu haben. Naturalisten zu Darwins Zeit glaubten, dass Arten eine unveränderliche Essenz in philosophischem Sinne hätten, aber wenn dem so wäre, wie sollten sich Arten dann wandeln können oder gar neue Arten entstehen?

Eine der großen Einsichten Darwins war es, zu erkennen, dass es das prototypische Individuum einer Art nicht gibt. Jedes Individuum ist einzigartig. So sind keine zwei der Milliarden Menschen vollkommen gleich. Die Variation zwischen Individuen einer Art, die man vor Darwin gern als Lästigkeit unter den Teppich kehrte, wurde seit Darwin zum wichtigsten, ja gefeierten Bestandteil der Evolutionsbiologie. Denn nur anhand von Variation kann die natürliche Selektion zwischen Individuen auswählen.

Wenn alle gleich wären, gäbe es keine Auswahl, keine Evolution