Menscheit Der Altmeister erklärt die EvolutionSeite 3/3
Junge Forscher, die mit Ernst Mayr diskutieren, brauchen Mut
An diesen Abendseminaren nahmen etwa ein Dutzend Doktoranden und Postdoktoranden – by invitation only – teil, um mit Daten und Argumenten die neuesten Veröffentlichungen, aber auch tradierte Konzepte zu diskutieren. Die Jünger lauschten mit Ehrfurcht den Worten des Alten. Es war eine große Ehre für die Jungwissenschaftler, aber auch eine Mutprobe, an diesen Diskussionen teilnehmen zu dürfen, denn Ernst Mayr war kritisch und oft vernichtend in seinem Urteil. Man musste sich genau überlegen, was man sagte, unbedachte Kommentare wurden bereut, fragile Egos hatten es schwer an diesem Tisch. Vor etwa zehn Jahren wurde die Romer Library in „Ernst Mayr Library“ umbenannt.
Heute ist Evolutionsbiologie eine Wissenschaft, die modernste Methoden der Molekularbiologie in den Labors anwendet, alte Probleme wieder aufgreift, nun mit neuen Methoden und Typen von Daten wie DNA-Sequenzen. Sie stellt auch neue Fragen. Die Evolution einzelner Gene und Genfamilien, auch des gesamten Genoms, der Messung von Mutationsraten und der Kraft natürlicher Selektion auf der Ebene der Gene, sind heute die Themen.
Doch die aus heutiger Sicht fast romantisch anmutende Freilandforschung Darwins und Mayrs mit Fernglas und Gewehr gibt es noch immer, ja, sie ist Grundlage der Theorien und Laborresultate. Aber es geht auch in Naturkundemuseen nicht mehr ohne DNA-Labors. Die Fragen und die Techniken haben sich entwickelt, wie man es bei einer lebhaften Disziplin auch 150 Jahre nach der Veröffentlichung der epochalen Origin of Species erwarten würde.
Für Ernst Mayr klingelt der Wecker jetzt erst um 6 Uhr morgens, und er bleibt auch schon mal bis um 7.30 Uhr im Bett. Im 100. Lebensjahr darf man dem Ornithologen, die bekanntermaßen keine Nachteulen sind, wohl zwei Stunden Schlaf mehr pro Tag gönnen. Trotzdem arbeitet er ruhelos, mit ungebrochenem Selbst- und Sendungsbewusssein weiter – gerade schreibt er an einem Aufsatz über Intelligent Design (den letzten Trend der antidarwinistischen Kreationisten). Ein weiteres Buch mit einer Sammlung von Aufsätzen ist schon im Druck bei der Cambridge University Press. Und er denkt darüber nach, eine Art wissenschaftliche Autobiografie zu schreiben. Man darf gespannt sein.
π Ernst Mayr: Das ist Evolution
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel; C. Bertelsmann Verlag, München 2003; 378 S., 23,90 ¤
- Datum 30.12.2008 - 11:29 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.01.2004 Nr.3
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