Die große Verbitterung
In Ostdeutschland macht sich eine neue Krankheit breit
Um es klar zu sagen: Nicht alle Krankheiten werden erfunden. Manchmal erkennt die Wissenschaft auch neue, beispielsweise die „posttraumatische Verbitterungsstörung“, die vor allem Bewohner der neuen Bundesländer befallen zu haben scheint. Entdeckt hat sie Michael Linden, Leiter der Abteilung Verhaltenstherapie und Psychosomatik an der Rehabilitationsklinik Seehof in Berlin-Teltow. Nach der Wende tauchten dort plötzlich zunehmend ostdeutsche Patienten auf, die weder depressiv waren, noch konnte man bei ihnen somatoforme Störungen feststellen. Depressive Menschen sind affektstarr, ihre Emotionen eingefroren. Die neuartigen Patienten aber waren „schwingungsfähig“, sie hassten, blühten auf bei Rachegedanken, wollten sogar töten. Dennoch gingen sie monatelang nicht mehr vor die Tür, schliefen nicht mehr, weigerten sich, bestimmte Stadtteile zu betreten, vernachlässigten sich selbst.
Schwerstes seelisches Leid macht sie zu Schwerstkranken, weil ihnen mit einem Schlag alles genommen wurde, woran sie hingen. „17 Millionen Ostdeutschen wurde zugemutet, mehrmals in Kürze ihre Biografie zu ändern“, sagt Linden. „Etwa 10 Prozent der 30- bis 50-jährigen Ostdeutschen wollen heute die DDR zurück, 30 Prozent erleben sich als Verlierer der Wiedervereinigung. Wir haben es hier mit einer zentralen Verletzung von Lebensentwürfen zu tun.“
Lebensentwürfe, so genannte „basic beliefs“ – der Absolutheitsanspruch an ein Familienideal, an die ganz bestimmte Karriere, an ein früh verplantes Leben – prägen sich im Alter von 5 bis 15 aus. Wer im Folgenden alles auf eine Karte setzt, so und nicht anders leben will, hat ein erhöhtes bis hohes Verbitterungsrisiko, wenn die zentrale, Halt und Orientierung gebende Weltanschauung plötzlich und unvorhersehbar durch Revolution, Scheidung, Kündigung, Tod verletzt wird. Fast immer folgen dann, ausgelöst durch ständig wiederkehrende Bilder, Aggressionen, Rachegefühle, Todeswünsche.
„Verbitterung ist ätzender als Depression“, sagt Linden. In mehreren Studien hat er viele dieser oft therapieunwilligen Verbitterten untersucht und erste therapeutische Ideen entwickelt. Eine davon heißt: Weisheit schützt vor Verbitterung. „Wir üben mit diesen Patienten den Perspektivwechsel, sie sollen ihren Absolutheitsanspruch aufgeben und sich in ihr gehasstes Gegenüber einfühlen.“ Werterelativismus zulassen. Gelassenheit lernen. Das Leben als Ganzes betrachten. Was, im Sinne seelenhygienischer Prävention, wohl jedermanns Lebensqualität steigern und eine gesündere Gesellschaft garantieren würde. CS
- Datum 08.01.2004 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.01.2004 Nr.3
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