Sternzeichenfrage Ich habe einen TraumSeite 3/3

Gregor Mendel, der erste Gentechnologe, ist in Protestlaune gekommen. Er räsoniert den ganzen Abend gegen die Genmanipulationen in der heutigen Zeit und nervt damit Otto Schily, der sich eigentlich vorgenommen hat, eine Jam-Session zwischen Santana, dem Queen-Gitarristen Brian May und der pfeifenden Ilse Werner zu organisieren. Schily, ein Ass am Klavier, hat eigens ein Lied mit dem Titel Das Chamäleon komponiert – eine Hommage an sich selbst. Otto Waalkes versucht Marcel Proust davon zu überzeugen, dass der Begriff des »Dunkels« ein anderer sei als der Begriff des »Lichts«. Proust wiederum bedeutet Waalkes, dass nicht die Helligkeit für die Erkenntnis entscheidend wäre, sondern die Bereitschaft, morgens Besuch empfangen zu können. Alfred Biolek, der einen zwei Meter langen Lammbraten zubereitet hat, rührt gemeinsam mit Max Liebermann eine Farbe aus einem Rehfleisch-Fond, dunklem Barolo und Pigmenten aus der Faulbaumrinde an. Liebermann malt Bio, der das Ergebnis gerührt behustet.

Nelson Mandela, über dessen Erscheinen ich besonders glücklich war, hat seine liebe Mühe mit Hans Fallada, weil der ständig behauptet, dass man erst leiden können müsse, um später das Leben auch schätzen zu können. »Wissen Sie eigentlich, was Sie da reden?«, herrscht ihn Mandela an. Fallada sagt zu mir: »Ich bin doch nur ein kleiner Mann. Was nun?« Ich schlage ihm vor: »Tanzen Sie doch mal mit Juliane Werding, sie hat ihre Statur!«, und verschwinde in Richtung Kamin, vor dem Hemingway seit Stunden zusammengekauert sitzt. »Was ist mit Ihnen?«, frage ich ihn. Ernest ergreift meine Hand und sagt etwas pathetisch: »Ich habe Ihnen ein Geschenk mitgebracht.« Der Schriftsteller hat Tränen in den Augen. Er reicht mir eine Rolle Papier und bedeutet mir, dass ich lesen solle. »Liebe Jubilarin, seien Sie meine Begleiterin auf einem Boot vor der kubanischen Küste und fangen Sie mit mir einen Fisch. Erleben Sie das grandiose Gefühl, dem Meer ausgeliefert zu sein und damit auch Ihren Ängsten. Wenn das Boot Ihnen nicht gehorchen will, wenn die Wellen über Sie schlagen und wenn der Haken im Maul des Fisches das Wasser rot färbt: Dann werden Sie bemerken, wie relativ das Leben ist und wie nah Sie dem einzigen Trost sind, den es auf der Welt gibt.« Als ich von der Rolle aufsehe, ist Hemingway eingeschlafen. Unter seinem Sessel liegt eine leere Flasche Bourbon, in seiner Hand hält er ein Railwayticket, gestempelt in Oak Park/Illinois.

Als Götz George endlich kommt, sind die meisten Gäste blau, die Musik verstummt, der letzte Joint geraucht, und Mireille hält Carlos in den Armen. Es ist der 23. Juli, morgens 1 Uhr. Götz ist bizarr gekleidet, sein Oberkörper steckt in einem Krebskostüm, Hintern und Beine in einem Löwenfell. »Es ist vorbei!«, ruft er in den Saal. »Hinweg mit den Krebsen, die Party der Löwe-Sternbilder kann beginnen.«

Aufgezeichnet von Marc Kayser

 
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