Biennale Kultur ist das Allerletzte

Die italienische Politik zerstört die Biennale

Venedig schläft. Es ist jene Zeit im Jahr, in der die Restaurants schließen, weil die Köche ihren Jahresurlaub auf Kuba verbringen, kein einziger Japaner weit und breit zu sehen ist, Gucci auf seiner um 15 Prozent reduzierten Winterschlusskollektion sitzen bleibt und selbst die letzten unbeirrbaren schwarzen Taschenhändler ihre Betttücher mit den Louis-Vuitton-Unterarmtaschen resigniert wieder einpacken. In solchen Zeiten könnte man den Campanile stehlen, und keiner würde es merken.

Fast wäre es so weit. Seit Monaten treibt Kulturminister Giuliano Urbani sein Unwesen und schreckt die italienische Kulturwelt mit neuen Namen und Reformplänen für die Biennale auf. Wirft hier eine Nebelkerze und brennt da eine Knallkörpergirlande ab. Sägt den Biennale-Präsidenten Franco Bernabè ab, wackelt am Stuhl des Filmfestivalleiters Moritz de Hadeln, dies alles mit der Logik eines Querulanten, der erst übelredet und danach alles abstreitet. Kandidatennamen tauchen auf und verglühen wie Leuchtraketen. Toto-Biennale nennt man das in Venedig: Vorläufiges Ergebnis scheint die Ernennung des Venezianers Davide Croff zum neuen Biennale-Präsidenten. Ein 54-jähriger Manager, der bis vor kurzem im Verwaltungsrat der BNL, der Banca Nazionale di Lavoro, arbeitete und zuvor Finanzdirektor bei Fiat war. Seine erste Aufgabe wird es sein, einen neuen Leiter für das Filmfestival zu ernennen, danach den Direktor für die Kunstausstellung – nicht ohne Kulturminister Urbani zu konsultieren, der als potenziellen Leiter des Filmfestivals erst Martin Scorsese genannt hat, dann den Schauspieler Giancarlo Giannini, um schließlich Marco Müller zu favorisieren, den ehemaligen Leiter des Filmfestivals von Locarno und Produzenten anspruchsvoller Minderheitenfilme – gerade arbeitet Müller am Film des schwulen thailändischen Regisseurs Apitchapong. Das Programm des noch amtierenden Leiters de Hadeln war dem Minister nicht italophil genug.

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„Die Kultur ist das Allerletzte, was Kulturminister Urbani interessiert“, schrieb Natalia Aspesi, Filmkritikerin der Tageszeitung Repubblica. Urbani ist Politologe und Staatsrechtler und hat sich im Laufe seiner Amtszeit weniger mit revolutionären Kulturinitiativen als mit Privatisierungsplänen hervorgetan, ganz im Sinne seines Herrn, des Unternehmers Berlusconi. Es begann damit, dass sich Urbani an die Seite von Wirtschaftsminister Tremonti stellte, der das Gesetz einbrachte, welches den staatlichen italienischen Kulturbesitz in eine Art gewaltigen Immobilienfonds verwandelt – ihren Höhepunkt fand diese Entwicklung jetzt im Versuch, die Biennale von einer autonomen Kulturgesellschaft in eine halb private Kulturstiftung umzuwandeln: sie in kleine, überschaubare Einheiten aufzulösen und auf diese Weise privaten Geldgebern zugänglich zu machen. Und sie nicht zuletzt unter die Kontrolle der Regierung Berlusconi zu zwingen, wie die ehemaligen Biennale-Direktoren vermuteten, die im Dezember gegen die Gesetzesnovelle in Rom protestierten.

In der Kulturstiftung der venezianischen Biennale sollten sogar Ausstellungen wie die Mailänder Triennale und die römische Quadriennale vertreten sein, deren Abgesandte wiederum im Planungsstab der Kunstbiennale sitzen sollten, um den Leiter zu beraten. Dieses Hütchenspiel machte nicht nur Venedigs stellvertretenden Bürgermeister, den Grünen Gianfranco Bettin, rebellisch, der in der Gesetzesnovelle den Versuch sah, Venedig die Biennale zu entreißen. Selbst der Forza-Italia-treue Präsident der Region Veneto, Giancarlo Galan, wurde misstrauisch: Wie soll der Leiter der Kunstbiennale ein vernünftiges Programm entwerfen, fragte er, wenn er von moribunden Institutionen wie Triennale und Quadriennale beraten würde, die vor allem auf eine lange Geschichte der Erfolglosigkeit zurückblicken können?

Das venezianische Filmfestival wiederum solle in Zukunft von einer Stiftung getragen werden, an der 20 Prozent der Anteile die nationale Filmhochschule, 40 Prozent die Biennale und 40 Prozent die private Cinecittà Holding besitzen soll – hinter der sich keineswegs eine öffentliche Stiftung, sondern ein privater Zusammenschluss italienischer Produzenten und Filmregisseure verbirgt. Auf diese Weise, so hofft der Minister, wäre für die Zukunft des italienischen Films gesorgt: Niederlagen wie die von Marco Bellocchio, dessen Epos über die Entführung Aldo Moros im Kampf um den Goldenen Löwen vom Film eines unbekannten Russen überflügelt wurde, wären in Zukunft undenkbar.

Venedigs Bürgermeister Paolo Costa hielt sich im Streit um das neue Biennale-Gesetz erstaunlich zurück. Immerhin ist er stellvertretender Präsident des Verwaltungsrates der Biennale. Auch wenn Costa der Opposition angehört: Er weiß, was er an Kulturminister Urbani hat. Etwa den hoch dotierten Beratervertrag für seine Ehefrau Maura, die den Kulturminister beim Programm des wieder aufgebauten Teatro La Fenice berät. Wenn es um die Pfründen geht, sind sich die politischen Parteien in Italien erstaunlich einig.

Was aus dem venezianischen Filmfestival wird? Moritz de Hadeln gibt sich gelassen. Sein Vertrag wurde gerade um notdürftige drei Monate verlängert. Wahrscheinlich wird er die Sache einfach aussitzen.

 
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