Letzter Teil Da haben wir den Salat
In Treviso fühlen sich die Menschen der Steigerung des Bruttosozialproduktes verpflichtet. Die Bürgerhäuser künden vom Wohlstand
Ich hätte es versuchen können. Morgens nach einem Prosecco-Frühstück Ski fahren im mondänen Cortina d’Ampezzo. Mittags Grappa-beseelt durch das bezaubernde Venedig gondeln. Mit einem Fläschchen Soave unterm Arm anschließend ein Spaziergang entlang der viel besungenen Strände von Jesolo oder Bibione. Später, nach einem kleinen Gläschen dieses leichten weißen Moscato durch Padovas quirlige Altstadt torkeln. Abends im Schatten der antiken Arena von Verona noch eben ein Fass Valpolicella schlürfen, um schließlich zum Abschluss eines denkwürdigen Tages bei Mondschein volltrunken in den malerischen Gardasee zu kippen.
Ich habe es dann doch nicht versucht, weil ich nicht Ski fahren kann und mir beim Gondelfahren übel wird. Aber immerhin: Wer mit dem Billigflieger in Treviso landet, muss wissen, dass das Umland dieser Kleinstadt im Veneto und dessen regionale Spezialitäten genügend Anreize für Freizeitstress und Alkoholvergiftung bergen. Doch die meisten Besucher, die seit kurzem mit Germanwings und seit längerem via Ryanair aus ganz Europa auf Trevisos in Plattenbauästhetik zusammengeschustertem Militärflughafen abgesetzt werden, haben nur zwei Dinge im Kopf: Venedig sehen. Und in zahllosen Boutiquen shoppen, bis die Tüte platzt. »99 Prozent«, schätzt der freundliche Herr vom Flughafenpersonal, »steigen sofort in den Bus ins 25 Kilometer entfernte Venedig. Ein Prozent trinkt eben kurz einen Espresso im nahen Treviso – und steigt danach in den Bus nach Venedig.«
Wirklich bedauerlich ist die Omnipräsenz Venedigs für die meisten Trevisaner offenbar nicht. Venedigs Bürgermeister brüten heute verzweifelt darüber, wie man möglichst viele jener Zigmillionen Tagestouristen verschreckt, an denen die Serenissima alljährlich zu ersticken droht. Derweil stellt Trevisos Fremdenverkehrsverein üppige Broschüren zusammen, die zu diversen Spaziergängen durch das Bischofsstädtchen einladen – und ganz nebenbei zu Tagesausflügen ins nahe Venedig animieren.
Jede gegen jede – so geht das zwischen den in inniger Rivalität verbundenen Städten schon seit Jahrhunderten. Doch wo die Konkurrenz einst architektonische und künstlerische Höchstleistungen hervorbrachte, zeigt sich heute vielerorts der hässliche Preis dieses planlosen und ungezügelten Wettbewerbs. Von der viel gepriesenen landschaftlichen Schönheit des Veneto hat die rasante Industrialisierung der 1960er und 1970er Jahre nicht mehr viel übrig gelassen. Trevisos Provinz ist von wuchernden Wohnsiedlungen und grauen Industriegebieten zersiedelt, die dem Augenschein nach von Trevisos Flughafenarchitekten verbrochen worden sein müssen. Einzig die zahllosen herrschaftlichen Villen, wie man sie zum Beispiel in den Hügeln rund um das 40 Kilometer nordwestlich von Treviso gelegene Örtchen Maser findet, künden noch davon, dass sich hier dem gestressten venezianischen Business-Adel in früheren Zeiten eine weitaus anmutigere Aussicht geboten hat.
Zum Glück mauerten die Venezianer Treviso im 16. Jahrhundert ein. Eine gewaltige, im Norden zum Teil begehbare, mit Kastanienbäumen bepflanzte Stadtmauer umschließt seither die weitgehend intakte, von einem Labyrinth aus Wasserläufen durchzogene mittelalterliche Altstadt und verbannte so den neuzeitlichen Ruckzuck-Fertighausschick in die tristen Vororte. Vorbei an pastellfarben bemalten Bürgervillen und umlagerten Maronenverkäufern schlendere ich über die Via Canova durch den Arkadengang der Calmaggiore zur zentralen Piazza dei Signori. Spätestens hier, im Schatten des imposanten Palazzo dei Trecento, treffe ich erstmals all jene Einkaufstaschen, die später den Bauch des Airbus’ 320 Richtung Köln–Bonn bis zum Rand füllen werden.
Treviso, laut Stadtführer »Heimat der weltweit agierenden Casualgiganten Benetton, Replay und Stefanel«, ist ein Paradies für Menschen, die sich der Steigerung des Bruttosozialproduktes verpflichtet fühlen. Ein engmaschiges Netz aus Boutiquen, Schuhläden und Schmuckgeschäften spannt sich zwischen dem Duomo San Pietro und der von den grauen Wassermassen des Botteniga umspülten Isola della Peschiera im Osten der Stadt. Der offensichtliche Trend der Wintermode 2003/04: Der Herr, eingepackt in langem Mantel mit hochgeschlagenem Kragen, trägt Dreitagebart zur braunen Cordhose. Die Dame stöckelt mit hochhackigen, kniehohen Stiefeln über das Kopfsteinpflaster und bemüht sich, dabei nicht auf den minirockbespannten Hintern zu fallen. So was schlaucht ungemein. Weshalb die Straßencafés jenen Damen, die von den Gewichten ihrer Taschen zu Boden gedrückt werden, ein revitalisierendes ortsübliches Gedeck bieten: An Vierertischen – einen Stuhl für die Dame, drei für die Einkaufstaschen – servieren sie un’ ombra é un zaeto, ein Gläschen regionalen Weins mit einem mächtig süßem Rosinenplätzchen.
Neben den omnipräsenten Casualgiganten hat Treviso einen weiteren Star, der den Ruf der Stadt über die Stadtmauern hinaus in die weite Welt getragen hat: den Radicchio. Es gibt praktisch nichts, was die Trevisaner aus diesem leicht bitteren, weiß-roten und sehr aufwändig zu produzierenden Zicchoriengewächs nicht herstellen: In den Schaufenstern der Feinkostgeschäfte finden sich Radicchio-Kuchen und -Kekse, Radicchio-Tee, Radicchio in allen erdenklichen Öl- und Essigsorten eingelegt, zu Paste verarbeitet, Radicchio-Marmelade, Radicchio-Grappa. Natürlich fehlen auch nicht die united colors of- Radicchio-Nudeln. Und wem das nicht genügt, der findet im Kosmetikgeschäft Sapó in der Via Leonardo auch Radicchio-Seife und Radicchio-Creme. Vermutlich werden die Trevisaner Casualgiganten und andere noble Bürger der Stadt am Ende ihrer Tage als Ausdruck besonderer Wertschätzung in Särgen aus zusammengeleimten Radicchiostrünken bestattet. Darüber entscheiden müsste das Consorzio Radicchio di Treviso, das streng darüber wacht, dass der »Rosso di Treviso«, ehe er zu Seife, Marmelade und gegebenenfalls zu Särgen verarbeitet wird, ein DOC-würdiges Leben auf den Feldern Trevisos hinter sich gebracht hat.
- Datum 15.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.01.2004 Nr.4
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