Ich habe gelernt, man brauche sich nicht soviel einzubilden, auch wenn die Kapelle für einen spielt. Auch für dich, wie für alle andern, wird die Stunde kommen, da nicht die Musikkapelle, sondern die Glocke tönen wird." Der das vor zehn Jahren schrieb, ist am 9. Januar dieses Jahres im Alter von 94 Jahren gestorben, luzid, bis in seine letzten Tage: Norberto Bobbio, der Rechtsphilosoph und Rechtshistoriker, dessen letzte größere Publikation Destra e Sinistra ein Jahrzehnt zurückliegt, der sich aber bis vor zwei Jahren durchaus polemisch zu politischen Tagesfragen äußerte. Nach dem Tod seiner Frau Valeria Cova im Jahr 2001, die er vor 60 Jahren geheiratet hatte, verstummte er. Er äußerte sich ergreifend über seinen Zustand eines allmählichen Todes zu Lebzeiten: Freunde und Feinde der eigenen Generation nicht mehr am Leben, er selbst ein Anachronismus. Bobbio wurde am 18. Oktober 1909 in Turin geboren, war schon 86, nein: erst 86, als er, wie Cicero, seinen Essay über das Alter schrieb.

Lessing hätte seinen Klopstock-Vers, man wolle fleißiger gelesen sein, modifizieren müssen. Norberto Bobbio hatte mit der Zukunft der Demokratie, mit Rechts und Links (150000 Exemplare binnen zweier Monate nach Erscheinen), mit Thomas Hobbes und Tausenden von Aufsätzen ein fleißiges Leserpublikum – doch muss ihm das Kassandrasyndrom bewusst gewesen sein: zwar respektvoll gehört zu werden, aber ohne Konsequenzen. Das "unbestechliche Gewissen der Nation", als das er stereotyp apostrophiert wurde, war in einem doppelten Sinn kein reines und spiegelte die ideologische Gespaltenheit Italiens und die verdrängten Momente einer selektiven Erinnerung an die faschistische Ära.

Spät, aber rechtzeitig, Ende der achtziger Jahre, und nochmals 1999 in einem aufsehenerregenden Interview bekannte Bobbio seine unendliche Scham, 1927 das faschistische Parteibuch erworben zu haben, ohne das eine Universitätslaufbahn schwierig, wenn nicht unmöglich war. Er beklagte seine "Doppelzüngigkeit als Faschist unter Faschisten und als Antifaschist unter Antifaschisten".

Aber gerade die öffentliche Sühne, mit der er sich und seinen Ruf nicht schonte, machte ihn als moralische Instanz so glaubhaft und eindrucksvoll. Der Zufall wollte, dass einer der schärfsten Kritiker der "Applaus-Demokratie", wie sie Bettino Craxi schuf und im medialen System der Regierung Berlusconi noch ausgeprägter erscheint, im Jahr 1994 (während der ersten Ministerpräsidentschaft Berlusconis) in Rom den Balzanpreis für Politische Wissenschaften erhielt, und zwar für seine Arbeiten zum Thema "Herrschaft in demokratischen Systemen". Bobbios Verdikt, die allgemeinste Definition der Demokratie sei die eines Systems, das Regeln entwickelt, Konflikte gewaltfrei zu lösen, erhält angesichts der sich verschärfenden politischen Kontraste in Italien Gewicht.

Seit 1979 war Bobbio emeritiert, 1984 hatte ihn Staatspräsident Pertini zum Senator auf Lebenszeit ernannt. Aber im politischen Leben erhob er seine Stimme als mahnender Philosoph. Als Politiker kam er zu Senatsabstimmungen nur nach Rom, wenn ihm Ideale der Demokratie und des Liberalismus in Gefahr schienen. Nach einigen Jahren an den Universitäten von Siena (1938 bis 1940) und Padua (1940 bis 1948) hat Bobbio Turin fast nicht mehr verlassen, wohnte in seinem Hieronymus-Gehäus im Stadtkern.

Er war ein Misanthrop, unbeugsam, zunehmend pessimistisch. Er hielt die gegenwärtige Entwicklung für einen bösen Präzedenzfall: "Die Vereinigung von politischer, wirtschaftlicher und kultureller Macht durch das gewaltige Instrument des Fernsehens wie jene, die sich in (Berlusconis) Bewegung von Forza Italia abzeichnet, der Macht der Zeitungen unvergleichlich überlegen… Diese Konzentration der drei Gewalten in einer einzigen Person heißt, wie Montesquieu sie genannt hat: Despotismus." Nachdem der Philosoph die Struktur von Forza Italia (Vorwärts, Italien) als im rechtsphilosophischen Sinn nicht eben liberale Organisation beschrieben hatte, kanzelte Berlusconi ihn als vorurteilsbeladenen Sektierer ab.

Bobbio verweigerte sich einer präzisen religiösen Ortung. Er sei kein Atheist und kein Agnostiker, sagte er, aber auch kein Christ – jedoch von einer christlichen Kultur geprägt.

Der Katholik Giulio Andreotti hat auf die Frage, wie er in einem halben Jahrhundert italienischer Politik voller Verstrickungen, Intrigen und Korruption sein Gewissen rein habe halten können, mit schlichter Aufrichtigkeit geantwortet: Ich habe es nie benutzt. Norberto Bobbio hat sein Gewissen benutzt. Die Amfortaswunde, die ihm der gelinde Opportunismus in der faschis-tischen Ära schlug, ist nie mehr verheilt.