Die schwarzen Flügel, die Maya sich zum ersten großen Auftritt umgebunden hat, tragen nicht weit. Nur bis zum nächsten Telefon. Zu viele andere hat dieser Engel zu beschützen. Da kommt er nicht dazu, selbst ein bisschen abzuheben. Aus dem Gig wird nichts. Das Lied, das Maya ihrem verstorbenen Vater gewidmet hat, wird jemand anders für sie singen. Die 17-Jährige soll nach Hause kommen und ihre zwei kleinen Geschwister ins Bett bringen. Ihre Mutter, eine überarbeitete Hebamme, muss zur Nachtschicht. Und Maya ist zur Stelle, wie immer.

Yair, der Älteste der vier Geschwister, hat sich der verzweifelten Betriebsamkeit seiner Familie längst mit der Totalverweigerung eines eitlen Nihilismus entzogen. Für Engel hat er keinen Sinn, deswegen nennt er die schmale Maya auch am liebsten "Skelett". Einen Gott gibt es für ihn nicht. Auch keine Wahrheit, nur dieses "kleine, knochige Leben ohne Sinn". Irgendwo da draußen im Weltall, im Himmel vor seinem Schlafzimmerfenster – so spinnt sich der Halbwüchsige gerne aus allen irdischen Verantwortlichkeiten –, könnte vielleicht noch etwas Leben stecken. Mehr jedenfalls als in diesen aus Staub gebauten Wesen, die Yair auf einen Schulabschluss drängen, die ihm eine Psychotherapie ans Herz legen, um seinen in Zynismus abgerutschten Eigensinn wieder für Konstruktiveres nutzbar zu machen.

In Broken Wings, dem auf der letzten Berlinale bereits mit Preisen überschütteten Regiedebüt des 34-jährigen Israelis Nir Bergman, kreisen die Mitglieder einer vaterlosen Familie in immer entrückteren Laufbahnen um eine leere Mitte. Angeschlagen von Schicht- und Pflegediensten und dem Jetlag einer seit neun Monaten verschobenen, verdrängten, ausgeblendeten Trauer. Unaufhörlich scheinen sie unterwegs. Sie hetzen zur Arbeit, zur Schule, zum Kindergarten. Sie brechen Angefangenes ab, streunen umher, als warteten sie auf etwas, das ihrem Leben eine neue Richtung geben könnte. Beobachtet werden sie von einer Kamera, die die Rastlosigkeit ihrer Protagonisten wie ein liebevoller, aber nicht minder überforderter Schutzengel eskortiert.

Normalität wäre eine Erlösung, Verständigung ein Anfang. Doch dazu ist es oft viel zu laut. Geburtsschreie, Einsatzpieper, Telefonalarm, abgebrochene Soundchecks oder das mechanische Wiehern des ständig kaputten Autos verschlucken hier die Satzanfänge. Es sind Kakofonien eines nicht zu beherrschenden Alltags. Und die erschöpfte Familie hat dem eigenen Ausnahmezustand nichts entgegenzusetzen als bewusstloses Ausharren. Bis der zehnjährige Ino bei seinen Mutsprüngen in ein leeres Schwimmbad schwer verunglückt und ins Koma fällt. Und bis sich mit ihm plötzlich alle stoßen an dem, was fehlt.

Broken Wings ist ein kleiner, schöner, schnörkelloser Film. Behutsam erzählt er von privaten Grenzsituationen und verweist bei aller Intimität doch zugleich eindringlich auf das, was er vordergründig auszuklammern scheint: den nationalen Ausnahmezustand. So lässt sich die familiale Misere unschwer als Gleichnis auf ein seit dem Mord an Jitzhak Rabin vaterloses und ideologisch hoffnungslos zersplittetes Israel lesen. Dass der Vater der Filmfamilie an der allergischen Überreaktion auf einen simplen Bienenstich starb, wirkt wie ein leiser Witz angesichts einer Gesellschaft, die sich tagtäglich Nachrichten von Anschlägen, Armee-Einsätzen und Heldentoden ausgesetzt sieht.

Doch Nir Bergman glaubt an die Kraft der Revision, an einen inneren Zusammenhalt und an ein Aufwachen aus der komatösen Trauer. Und so lässt er Yair in dem Moment, in dem er einer lebensmüden Freundin beim Tritt auf das Fensterbrett Gesellschaft leistet, nicht nur seine eigene Lebenslust wiederentdecken, sondern auch die Schönheit all der anderen Staubgeschöpfe, die diesen Film bevölkern.