Leben in Deutschland (16) Wie man in Deutschland kocht und isst
Nur noch wenige Familien essen regelmäßig gemeinsam. Gegessen und gekocht wird, was Spaß macht – egal, ob Hausmannskost, Fast Food oder Haute Cuisine
Treviso ist eine Stadt in Italien. Sie liegt knapp 40 Kilometer nördlich von Venedig. Auf einem schwarzen Holztäfelchen in Hamburg aber steht es anders, mit Kreide gemalt: »Treviso – 100 g 1,20 Euro«. Davor liegt ein Mittelding aus Chicorée und Radicchio, länglich, an beiden Seiten spitz zulaufend, mit lila Blättern und weißem Strunk.
»Ist etwas milder als Radicchio«, erklärt die Verkäuferin, Frau Schröder. »Den können Sie einfach als Salat essen. Aber kürzlich war einer da, der hat Zucchini dazu gekauft. Die wollte er mit dem Treviso in feine Streifen schneiden und in Olivenöl als Gemüse braten. Mit Balsamico ablöschen.«
Es ist Freitagvormittag auf dem Isemarkt. Kilometerlang aneinander gereiht, ducken sich die Stände unter die Stelzentrasse der Hochbahn und bilden zwischen zwei Haltestellen eine einzige, lang gestreckte Marktgasse. Und auch wenn es an einem nasskalten Wintertag wie diesem in Hamburg gar nicht richtig hell wird: Hier ist es immer warm und farbig und licht. Und es riecht gut auf dem Isemarkt.
Es gibt Äpfel aus dem Alten Land und Salat aus den Vierlanden, Kohl aus Dithmarschen und Honig und Lammschinken aus der Lüneburger Heide, und sie alle tragen den Heimwehgeruch reetgedeckter Bauernhäuser mitten in die Großstadt, einen Geruch von Stallwärme und Holzfeuern.
Es gibt aber auch zig Sorten Oliven und an einem einzigen Stand acht Sorten Pilze vom Shitake bis zum Limonensaitling. Dazu Zuckerschoten aus Kenia, Granatäpfel aus der Türkei, Kaktusfeigen aus Italien, Minibananen aus Kolumbien, Naschi-Birnen aus China.
Und während sich der Marktbesucher noch über den Treviso freut, jenen ganz speziellen Radicchio aus der gleichnamigen Stadt, den er bisher nur auf dem Rialto-Markt von Venedig gesehen hat, weil der Treviso zum venezianischen Winter gehört wie der Grünkohl zum deutschen, ist Frau Schröder schon bei der nächsten Kundin.
»Schalotten? Tscha, da haben wir die länglichen französischen und die runden aus Deutschland – und nu?« Die Kundin nimmt die französischen, auch wenn die ein bisschen teurer sind.
Gewiss: Der Isemarkt ist ein spezieller Markt. Denn Hamburg-Eppendorf ist ein spezieller Stadtteil, mit einem speziellen Publikum: vielen Medienleuten, Ärzten, Intellektuellen. Das lässt sich in Hamburg ziemlich genau abgrenzen. Doch wenn die Medienleute, die Ärzte und die Intellektuellen erst einmal ein, zwei Kinder haben, oder wenn sie wieder mal Kassensturz gemacht haben und sich überlegen, dass sie ruhig ein bisschen geizgeiler sein und lieber mal wieder bei Lidl einkaufen sollten, dann müssen sie dort kaum zurückstecken.
- Datum 15.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.01.2004 Nr.4
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