Belgien Im Bierhimmel

Wer im Schutz des deutschen Reinheitsgebots aufgewachsen ist, betrachtet fremde Biere mit Skepsis. Doch die Belgier haben das Brauen und Zechen zur Kunstform erhoben

Mitten in Belgien, in der Provinz Brabant, liegt die Stadt Leuven. Leuven oder Löwen ist eine Universitätsstadt, vital, lustig, mit spätgotischem Rathaus und einer machtvollen Universitätsbibliothek, die im Ersten Weltkrieg zerstört und in einem schrillen Neorenaissancestil wiedererrichtet wurde. In dieser Stadt kann man lecker essen und prima shoppen. Doch wir spazieren ins Gewerbegebiet. Denn wir sind auf Recherche. Es geht um Bier. Belgisches Bier.

Unter den vielen Gründen, nach Belgien zu reisen (gelbe Autobahnbeleuchtung, Grabenkrieg zwischen Flamen und Wallonen, Plattenbauten an der Nordseeküste), erscheint einem Deutschen das belgische Bier als der hinterletzte. Nicht umsonst ist man im Geltungsbereich des deutschen Reinheitsgebots aufgewachsen. Man hält Deutschland für den Weltmeister im Bierbrauen und im Biertrinken, ist stolz auf eine sorgfältig aufgebaute, über 15 Minuten lang standfeste Schaumkrone auf dem Pils und hütet im Wortschatz den schönen Begriff »Bierernst«. Ausgerechnet ein Dutzend deutscher Journalisten hatte das Flandrische Tourismusbüro in Köln zu einer »Pressereise Bier« eingeladen. Wir waren geködert worden mit eigenartigen Assoziationen (»B wie Belgien und Bier«) und beunruhigenden Begriffen wie »Himbeerbier«. Wir ahnten: Uns standen drei harte Tage bevor.

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Im Löwener Gewerbegebiet residiert eine Brauerei mit dem unbelgischen, an Bier zuallerletzt erinnernden Namen Interbrew. Interbrew trug früher den schönen Namen Stella Artois. Unter dem neuen, hässlichen Namen kauft Interbrew alle Brauereien auf, deren Eigentümer gerade Bargeld brauchen (Beck & Co, Diebels, Franziskaner…). Die Betriebsbesichtigung besteht aus drei Teilen: Bier trinken; durch riesige Hallen mit glänzenden Kesseln und Rohrleitungen gehen; Bier trinken. Erinnerlich bleiben der säuerliche Nachgeschmack des mit Mais gebrauten Stella. Und ein Satz des Führers, der uns Beck’s-Trinkern noch saurer aufstößt: »Jedes Mal, wenn Interbrew eine Brauerei aufkauft, bleiben Name und regionale Eigenheiten erhalten. Nur die Produktion unterliegt ab sofort den hohen Interbrew-Qualitätsansprüchen.«

Trockenes Mundgefühl, bitterer Abgang

Ein Tiefschlag, in dessen Folge wir die Brauerei schwankend verlassen. Doch es soll noch schlimmer kommen. Domus heißt die nächste Herausforderung, eine Hausbrauerei in der Innenstadt mit einer Pipeline direkt ins Wirtshaus zu den Zapfhähnen. Der Wirt reicht uns die Getränkekarte. Fassungslos starren wir auf das Angebot: »tiefrotbraun, karamellwarm, voll und rund, sanfter Abgang, mit einer Spur reifer Waldfrüchte«. Es geht hier nicht um einen Bordeaux. Sondern um Engel, ein Bier mit 7 Prozent Alkoholgehalt. Wir halten offenbar eine Bierkarte in der Hand! Neben dem Engel steht das Düvel (»8,5 Prozent, trockenes Mundgefühl, bitterer Abgang«). Es gibt auch ein Kirschbier und ein anderes mit »angenehm warmem, alkoholischem Abgang (10 Prozent)«. Eine Sorte heißt Mort subite, was auf nichts anderes verweisen kann als den plötzlichen Tod an der Frischluft.

Was wir erleben, ist nicht weniger als ein Kulturschock. Hopfen und Malz wurden an unserer Wiege besungen, und nun das: Zucker und Mais, Honig und Reis, Kräuter und Obst! All das im Bier! Und die Hausmarken der Domusbrauerei nennen sich Nostra Domus und Con Domus. Belgier finden so was lustig.

Deutsche irgendwann auch. Der spätere Abend beschert weitere, noch üppigere Erfahrungen: Man kann Bier aus rosa Gläsern trinken; der rechtsradikale Vlaams Blok hat über 10 Prozent der Ratssitze; Sandra von der Agentur hat Schrauben im Knie; Bier kann fast 13 Umdrehungen haben; und Wallonen wohnen wenige Kilometer von Löwen entfernt, aber kommen nicht hierher, weil man hier Niederländisch spricht. Zu Ende geht der erste Biertag, sagen wir: unstrukturiert.

Der Bierkellner entkorkt die Flasche

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