Am 11. Juli 2003 endete ein schwieriges Jahr für Christiane Seitz. Die Chefärztin der städtischen Kinderklinik im holsteinischen Neumünster hatte unter einer schweren Anschuldigung gestanden: Sie sollte den Tod früh geborener Zwillinge verursacht haben, indem sie auf lebenserhaltende Maßnahmen verzichtet hatte. Der Fall erregte großes Aufsehen. Nun kam die befreiende Mitteilung des Kieler Oberstaatsanwalts: »Die Entscheidung, von einer intensiv-medizinischen Behandlung abzusehen … findet die Zustimmung des Gutachters der Rechtsmedizin. Klare, entgegenstehende juristische Beurteilungen gibt es demgegenüber nicht. Richterliche Entscheidungen zu der Problematik sind nicht erfolgt, die strafrechtliche Beurteilung in der Literatur ist unterschiedlich und unübersichtlich.« Christiane Seitz atmete auf. Sie hatte durchgehalten, sich nicht weggeduckt. Und das hatte sich als richtig erwiesen.

Der Tag im Juli 2002, an dem alles begann, war ziemlich hektisch gewesen. Im Kreißsaal des Friedrich-Ebert-Krankenhauses lag eine 23-Jährige mit starken Wehen und einer deutlich sichtbaren Infektion, die auf ihre ungeborenen Zwillinge übergegriffen hatte. Die Frau war in der 24. Schwangerschaftswoche – vier Monate vor dem errechneten Geburtstermin. »Es gibt jetzt nur eine Möglichkeit«, hatte die behandelnde Frauenärztin der Patientin gesagt. »Wir legen Sie an einen Antibiotika-Tropf und versuchen, die Geburt so lange wie möglich hinauszuzögern.« Diese Ärztin berichtete später – so steht es in den Ermittlungsakten –, die Mutter habe zunächst die Antibiotika-Gabe abgelehnt. Als sie der Behandlung schließlich zustimmte, sei die Geburt nicht mehr aufzuhalten gewesen.

Um 20.37 Uhr an jenem Abend wurde ein Junge geboren, der 606 Gramm wog, fünf Minuten später ein Mädchen von 596 Gramm. Beide waren unreif, außerdem hatten sie eine Hirn- und Lungenentzündung. Die verantwortliche Chefärztin Christiane Seitz entschied, den sterbenden Kindern Schläuche und Beatmungsgeräte zu ersparen. Die Zwillinge wurden in ein Wärmebett gelegt. Um 21.05 Uhr waren beide Kinder tot.

Sechs Tage später erschien ein Artikel in der Bild-Z eitung. »Klinik-Skandal! Warum durften meine Babys nicht leben?« In der folgenden Woche kamen drei weitere Bild- Artikel. Eine Schlagzeile lautete: Die Mutter klagt an: Ich gab ihnen einen letzten Kuss, dann starben sie an meiner Brust. Die von der Mutter zunächst abgelehnte Antibiotika-Gabe blieb unerwähnt, stattdessen wurden Eltern zitiert, deren Kinder bei der Geburt ebenfalls kaum mehr als 500 Gramm gewogen hatten und nun ein unkompliziertes Leben führten.

Parallel zur Pressekampagne erstattete die Mutter Anzeige. Die Staatsanwaltschaft Kiel begann gegen Christiane Seitz eine Untersuchung wegen des Verdachts der Tötung durch Unterlassung.

Hier teilt sich die Geschichte. Der eine Teil ist der private. Er handelt von einer Kinderärztin, die dem hippokratischen Eid verpflichtet sein müsste und einige Zeit später festgestellt hat, dass es nicht immer das Richtige ist, Leben um des Lebens willen zu erzwingen. Der andere Teil ist der öffentliche. Er handelt von der Diskussion, inwieweit der Mensch in die Natur eingreifen darf und wann er sich zurückhalten muss.

Christiane Seitz ist Intensivmedizinerin der Neonatalogie, der Frühgeborenenheilkunde. Sie versucht jeden Tag, Leben zu retten. Aber sie sagt: »Es gibt für mich kein Leben um jeden Preis.« Während viele Ärzte ihr gesamtes technisches Know-how an Frühgeborenen auslassen, hat sich Christiane Seitz entschieden, der Natur an einem bestimmten Punkt die Wahl zu lassen – eben wenn es um besonders früh geborene Kinder geht. »Die Zwillinge wären auf jeden Fall gestorben. Denen wehzutun, nur damit ich mir hinterher eine Krone aufsetzen kann, das brauche ich nicht. Das Tragische ist, dass in der modernen Medizin an die Bedürfnisse der Kinder inzwischen zuallerletzt gedacht wird. Aber wir Kinderärzte müssen uns dieser Verantwortung unbedingt stellen.«

Ein Kind kommt nicht ohne Grund zu früh, sagt die Ärztin