Seit Monaten schon arbeitet die städtische Müllabfuhr nicht mehr. Unter der gleißenden Sonne vermodern die Abfallberge, in denen Ziegen und Schweine nach Essensresten wühlen. Die Geschäfte sind geschlossen. Nur einige Frauen braten zwischen Bergen von Dreck und riesigen Pfützen ihre Kochbananen. Kein Kunde weit und breit. Gonaives, die drittgrößte Stadt des Karibikstaates Haiti, dämmert dahin. Doch schuld ist nicht das tropische Klima. Schuld sind die "Kannibalen". Sie haben einen Generalstreik ausgerufen.

Raboteau, das größte Slumviertel von Gonaives, liegt am Meer. In einer Bucht dümpeln zwei halb verrostete Fischkutter. Am Strand liegen die Reste ausgeschlachteter Boote wie Gräten von großen Fischen. Keine Menschen auf der Straße. Kein Kindergeschrei. Doch niemand betritt diesen Stadtteil unbemerkt. Tausend unsichtbare Augen richten sich auf den Fremden, und schon bald treten überall Männer vor die Türen der armseligen Hütten. Einer von recht bulliger Statur kommt wortlos näher. Die Situation ist ungemütlich. Aber dann kramt der Mann bloß Fotos aus der Tasche seiner verschlissenen Hose. Es sind schreckliche Bilder. Sie zeigen die Leiche eines Mannes, seines Bruders, dem man in beide Augen geschossen hat. Amiot Métayer, 42 Jahre alt, hatte zu viel gesehen, hatte zu viel gewusst. Also musste er sterben. Die katholische Kirche hat sich geweigert, ihn zu beerdigen. So steht sein Grabmal nun mitten auf der Hauptstraße von Raboteau, geschmückt mit der Nationalfahne.

Amiot Métayer war Chef der "Kannibalen-Armee", die die Stadt bis heute kontrolliert. Ihre Mitglieder tragen keine Uniformen, nur Pistolen und Revolver. Wahrscheinlich haben sie auch noch einige schwerere Waffen. Es ist eine Gang von vermutlich über 100 Personen. 500, behaupten die "Kannibalen" selber, aber das ist wohl übertrieben. Im Sommer 2002 wurde Métayer auf internationalen Druck hin verhaftet. Seine "Armee" hatte das Haus von Pastor Luc Mésadieu, des Führers der stärksten Oppositionspartei in der Stadt, in Brand gesetzt. Dessen Leibwächter wurden mit Benzin übergossen und angezündet.

Métayer saß nur einen Monat ein. Dann stürmten seine Anhänger das Gefängnis der Stadt und befreiten sämtliche 157 Gefangenen. Der Boss der "Kannibalen" – offiziell mit Haftbefehl gesucht – lebte danach über ein Jahr lang frei und unbehelligt in seiner Stadt. Am 19. September des vergangenen Jahres forderte die US-Regierung seine erneute Festnahme. Drei Tage später wurde die völlig entstellte Leiche aufgefunden. Seither kommt die Stadt nicht mehr zur Ruhe. Die "Kannibalen", lange Zeit ein bewaffneter Stoßtrupp von Präsident Jean-Bertrand Aristide, fordern nun dessen Rücktritt.

Nach den bleiernen Jahrzehnten der Schreckensherrschaft von François und Jean-Claude Duvalier, Papa Doc und Baby Doc, war Aristide den meisten Haitianern wie ein Messias erschienen, der sie aus der Armut heraus und ins Licht der Freiheit führen würde. Auch in Deutschland schlug dem unerschrockenen Armenpriester, der ein halbes Dutzend Mordanschläge überlebt hatte, bevor ihn die Haitianer 1990 mit überwältigender Mehrheit zu ihrem Präsidenten wählten, viel Sympathie entgegen. In Aachen erhielt er 1993 sogar den Friedenspreis, aber da war er schon ins Exil geputscht worden. Seit Februar 2001 ist Aristide erneut Präsident. Doch heute – 200 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung – ist Haiti, das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, ärmer denn je. Und die Nachfolge der Tontons Macoutes, der Privatmiliz der Duvaliers, haben in vielen Städten bewaffnete Banden angetreten, die die Opposition einschüchtern. Die "Kannibalen" sind nur eine dieser Gangs, aber die erste, die dem Präsidenten ihre Gefolgschaft aufgekündigt hat.

Winter Etienne gehört zu der Sorte von Menschen, denen man nicht allein in einer dunklen Gasse begegnen möchte. Breitbeinig steht er am kleinen Hafen von Gonaives, den Sombrero tief in die Stirn gedrückt. Am Gürtel baumeln zwei schwarze Plastiktüten und eine Magnum-Pistole. Etienne ist Sprecher der "Kannibalen" und nach dem Mord an Métayer ihr neuer Anführer. "Achtung, passen Sie auf!", warnt er, als ein Polizeiboot am Horizont auftaucht. "Gehen wir in Deckung, heute morgen wurde geschossen. Manchmal greifen sie uns vom Meer her an und manchmal auch aus Hubschraubern." 27 Personen seien seit der Ermordung Métayers den Kugeln der Polizei zum Opfer gefallen, behauptet er, 17 allein am 2. Oktober. Am Tag davor hatten die "Kannibalen" zwei Gerichtsgebäude und das Subkommissariat der nationalen Hafenverwaltung angezündet sowie die Unterlagen der Steuerbehörde verbrannt. Der Polizeichef der Stadt musste mit zwei Schusswunden in die Hauptstadt Port-au-Prince geflogen werden.

Im Schutz einer Hausmauer bindet sich Etienne einen roten Schal um den Mund, legt ein Taschentuch auf die Straße, entknotet eine der beiden schwarzen Plastiktüten und schüttet den Inhalt vorsichtig aus. Es seien, sagt er, Knochenfragmente eines zwei Wochen alten Säuglings. Er soll umgekommen sein, als die Polizei ein Haus abbrannte. Zwei Straßen weiter steht ein Mann vor einer verrußten Ruine. Er behauptet, der Vater des toten Kindes zu sein. Seine Frau halte sich aus Sicherheitsgründen versteckt. Die Behörden bestreiten, dass es den Säugling je gab. Etienne verlangt eine gerichtsmedizinische Analyse der Überreste, die er seit einer Woche mit sich herumträgt. Die andere schwarze Plastiktüte am Gürtel des Chefs der "Kannibalen" enthält eine Flasche mit einem bräunlichen Saft. "Die habe ich von einem houngan gekriegt", sagt er, "das Getränk schützt mich vor dem Feind." Die houngans sind die Priester des Voodoo, eines in Haiti weit verbreiteten religiösen Kultes, der seine Wurzeln in Westafrika hat und mit den Sklaven in die Karibik kam.

"Wir gaben uns den Namen Kannibalen, um der Opposition Angst zu machen", räumt Etienne ein. "Immer wenn die Opposition gegen den Präsidenten demonstrieren wollte, schlugen wir zu. Heute aber sind wir gegen das Regime, aufseiten der Opposition." Und seit die "Kannibalen" das Lager gewechselt haben, nennen sie sich offizell Widerstandsfront von Gonaives zum Sturz Aristides. Im Gegensatz zur übergroßen Mehrheit seiner Landsleute, die ausschließlich Kreolisch sprechen, beherrscht Etienne auch das Französische perfekt. Er hat Völkerrecht und Verwaltungswissenschaft studiert, besitzt zwei Diplome und war mit Métayer eng befreundet. Als Studenten waren sie beide aktiv an der Bewegung beteiligt, die in Gonaives nach der Ermordung von drei Schülern im Herbst 1985 ihren Anfang nahm und ein halbes Jahr später zum Sturz der Duvalier-Diktatur führte.