Von Wittgenstein gibt es eine polemische Bemerkung gegen die Redewendung "Tücke des Objekts"; sie sei unnötig. Wenn ich es recht verstehe, dann meint Wittgenstein, dass im Objekt nichts drinsteckt, kein Dämon, der das Objekt zum tückischen Verhalten anregt. Es ist die Welt schlechthin, der man eine solche Tücke nachsagen könnte, und es genügt, wenn die Naturgesetze in Kraft sind: Auf ihrer Grundlage zerbrechen, rutschen und stiften die Dinge alles mögliche Unheil. Auch der Mensch selbst ist, neben dem vielen anderen, was er sein mag, eines der Dinge, die zerbrechen, rutschen und Unheil stiften können. "Die ,Tücke‘ des Objekts", sagt Wittgenstein, "ist ein dummer Anthropomorphismus. Denn die Wahrheit ist viel ernster als diese Fiktion."

Diese Wahrheit ist, dass die Welt und ihre Objekte, die man auf das Spenden von Geborgenheit getrimmt hat, nicht zuletzt eine Gefahr darstellen. In einem Text über die Schreibmaschine schreibt Martin Meyer vom Kinderblick, der die verschiedenen Modelle musterte. Es gab Schreibmaschinen, die Angst einflößten; sie "glichen ein wenig Vulkanen, ihr Krater ließ den Kranz der Typenhebel sehen", und siehe da, es bestätigte sich der Eindruck der Gefahr: "… hatten wir uns endlich entschlossen, eine Taste zu be-rühren, so geschah manchmal nichts. Aber manchmal raste der Wagen wie unter höchstem Druck zum Anschlag, eine Klingel schepperte giftig, hell. Das war, wie wir erfuhren, der Tabulator gewesen."

Schreiben habe ich von Ernst Jandl gelernt, da war ich kein Kind mehr. Ich meine Schreibmaschineschreiben, und ich habe nicht vergessen, wie ich unter der Anleitung des Dichters die Tasten drückte, manchmal halt so falsch, dass der Wagen unvermutet seine Bahn entlangraste. Weiß man, was ein Tabulator sonst noch vorhat, vielleicht springt er den unkundigen Märtyrer der Tasten an, um ihm alle weiteren Versuche, die Maschine zu beherrschen, auszutreiben. Aber Meyers Schreibmaschinenaufsatz nimmt eine ganz andere Richtung als die hier von mir eingeschlagene. Er steht in einem von Andrea Köhler herausgegebenen Taschenbuch der beck’schen reihe mit dem Titel: Kleines Glossar des Verschwindens. Von Autokino bis Zwischengas. Lauter Nachrufe.

Aus meiner Perspektive ist es das Beruhigende an den Dingen, auch an technischen Errungenschaften wie dem Zwischengas oder an Event-Moden wie dem Autokino, dass sie eines Tages verschwinden können. Aber andere Menschen entwickeln auf der Suche nach dem Verschwundenen so etwas wie eine späte Liebe. Es ist eine leichte Nostalgie, die sich nicht selten aus dem Rückblick ergibt, und Andrea Köhler, die in dem Buch das Taschentuch behandelt, schreibt in ihrem Vorwort auch von einer Welt, die an den Dingen hängt: "Wir vergessen, was uns entschwindet und oft auch das Stückchen Leben, das damit verknüpft war." Sie nennt ein Beispiel für Verlust durch Verbesserung: "Das Nicht-Kalkulierbare droht mit den Digitalkameras mehr und mehr zu verschwinden… Die Überraschung, dass etwas erscheint, von dem wir nichts wussten – ein ertappter Gesichtsausdruck, eine zum Standbild gefrorene unwillkürliche Regung … hat keine Chance mehr gegen das schöne Arrangement."

Mit der eineinhalb Seiten langen Geschichte Der letzte Schuhputzer von Moritz Rinke hat der Leser ein soziales Panorama im Weltmaßstab vor sich. Die Dramaturgie des Schuhputzens, die Inszenierung des Schauspiels von Herr und Knecht, in dem auch der Schuhputzer angesichts der zum Glänzen gebrachten Objekte sich herrlich fühlen kann, ist zum Beispiel in Brasilien zu Hause: "Einige Geschäftsmänner, die sich in belebten Straßen auf den erhöhten Stuhl setzen, vor ihnen kniet der Putzer, und sie sitzen da wie Herrscher und genießen die Blicke der Passanten, von denen die meisten sich wahrscheinlich selber die Schuhe putzen müssen." Moritz Rinkes Szene, in der der Putzer auf Vorrat die Schuhe an den Füßen eines Knaben putzt, der probeweise die Herrenposition einnimmt, spielt aber auf dem Alexanderplatz: "In Berlin sind die beiden seit gestern. Sie kommen aus einer Schuhputzerfamilie in São Paulo. Und in Berlin sind sie bestimmt die letzten."

Für mich liegt der Wert des Buches nicht am Festhalten des Gewesenen, sondern an der Reflexion der vergangenen Alltäglichkeit – exemplarisch dafür ist Földenényis Text über Überschuhe. Eine solche Reflexion erzeugt "Bewusstheit", awareness, wie es auf Englisch heißt. Sie hilft, die Dinge "gut" zu behandeln, damit sie sich nicht – schon wieder so eine Fiktion – gegen einen verschwören.