Irak Irrtum und Irreführung

Die Suche nach Saddam Husseins Waffen wird zur Suche nach Bushs und Blairs Wahrheit

Der Führer hat nichts gewusst! So lautet die neueste und bizarrste These zum Verbleib der irakischen Massenvernichtungswaffen. Weil keiner seiner Offiziere, Wissenschaftler und Geheimdienstler es gewagt habe, Saddam Hussein die Wahrheit zu sagen, habe dieser geglaubt, über Waffen zu verfügen, die er in Wahrheit schon lange nicht mehr besaß oder die er nie besessen hatte. Und so wie seine Hofschranzen mit ihren Memoranden den Diktator täuschten, so führten sie auch die CIA und den Mossad, George W. Bush und Tony Blair in die Irre. Zogen die doch ihre Erkenntnisse aus denselben trüben Quellen.

Aus der Suche nach den Waffen ist die Suche nach der Wahrheit geworden, und diese Suche gebiert die sonderbarsten Spekulationen. Glücklicherweise schafft sie aber auch immer neue Fakten ans Licht. Und allmählich wird die Vermutung zur Gewissheit, dass es die Massenvernichtungswaffen, um deren Zerstörung willen Bush und Blair in den Krieg zogen, tatsächlich nicht gab. Gleich drei Untersuchungen erschienen in der vergangenen Woche, die der Regierung in Washington eine Irreführung von Öffentlichkeit und Kongress vorwerfen.

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Auf 106 Seiten zerpflückt ein Bericht der Carnegie Endowment for International Peace, einer angesehenen liberalen Washingtoner Denkfabrik, die Argumentation der Regierung Bush. Von den Waffenprogrammen des Iraks, schreiben die Forscher, sei zwar eine langfristige Bedrohung ausgegangen, die nicht ignoriert werden konnte. „Sie stellten jedoch keine unmittelbare Gefahr für die Vereinigten Staaten, die Region oder die globale Sicherheit dar.“

Die Nuklearwaffenanlagen seien schon nach dem Golfkrieg von den UN-Inspektoren demontiert worden; für deren Wiederaufbau habe es keine Beweise gegeben. Die Produktionsstätten chemischer Waffen seien durch Golfkrieg, Inspektionen und Sanktionen „wirksam zerstört“ worden. Bei den biologischen Waffen seien die Pläne gefährlicher gewesen als die vorhandenen Bestände.

Regierungsmitglieder in Washington, schreiben die Carnegie-Autoren, hätten die vom Irak ausgehende Gefahr „systematisch verdreht“. Vom Jahre 2002 an sei die Lage plötzlich viel dramatischer eingeschätzt worden; damals habe die Politik begonnen, einen „unzulässigen“ Einfluss auf die Nachrichtendienste zu nehmen.

Einen Tag vor der Veröffentlichung des Carnegie-Berichts druckte die Washington Post auf zwei Seiten eine detaillierte Enthüllungsgeschichte. Ihr Reporter Barton Gellman hat sich durch Berge irakischer Dokumente gewühlt, hat Dutzende Wissenschaftler und Waffeninspektoren befragt. Detailliert setzt sich Gellman mit den biologischen Waffenprogrammen Saddam Husseins auseinander. Sein Ergebnis: Die Waffenentwicklungen hätten weithin nur auf dem Papier gestanden; nach dem Golfkrieg seien sie über das Planungsstadium nie mehr hinausgelangt.

Tief deprimiert widerruft nun einer der besten Irak-Kenner seine Unterstützung für den Krieg gegen Saddam Hussein. Kenneth M. Pollack, ehemaliger CIA-Experte und unter Bill Clinton Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat, schrieb das wohl wichtigste Buch zum Irak-Krieg (The Threatening Storm: The Case for Invading Iraq), das auch Skeptiker von der Bedrohung durch Saddam Hussein überzeugte. Im Magazin Atlantic legt Pollack nun Rechenschaft ab, warum er sich – wie die Geheimdienste und die Regierung – geirrt habe.

Die Politiker in Washington und London mögen einen Irrtum bisher nicht einräumen. Waffen oder nur Waffenprogramme: „Wo ist der Unterschied?“, schnauzte George Bush eine Fernseh-Interviewerin an. Sein Außenminister ist da vorsichtiger. Nach dem Carnegie-Bericht zur angeblichen Verbindung zwischen Saddam Hussein und al-Qaida befragt, räumte Colin Powell ein: „Ich habe den rauchenden Colt nicht gesehen.“ Und Tony Blair, der sich stets unbeirrt gab („Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass wir den Beweis für Saddam Hussein Husseins Massenvernichtungswaffen finden werden“), sagt plötzlich, im BBC-Interview gedrängt, ob die Waffen je gefunden würden: „Die Antwort ist: Ich weiß es nicht.“

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