Die Nachricht vom ersten Tag der Frankfurter Buchmesse 1978 ist unvergessen: Jean Améry hat sich umgebracht. Er war mit vielen Menschen vertraut, wenn auch kaum befreundet gewesen, ein bestechender Geist, ein intellektueller Provokateur sondergleichen, aber mit einer Liebenswürdigkeit ausgestattet, die der Melancholie entstammte. Nun also unfasslicherweise der Freitod, den er zwei Jahre zuvor in seinem Essay Hand an sich legen als eine souveräne Wahl des Individuums begründet hatte. Man hatte seinen Essay auch als ein Rettungsdenken lesen, als einen Rückhalt verstehen wollen, in dem der Freitod zum Privileg des Humanen erklärt wird, die Entscheidung aber nicht getroffen werden muss. Das Bestürzende dieses Augenblicks bestand gerade in der Konsequenz, mit der Améry seinem Text nachgelebt, besser: nachgestorben war.

Danach wurde er mit einigem Zögern vergessen; einige Nachauflagen noch, Nachträge aus dem Nachlass, der in Marbach lange weggesperrt blieb, eine Ausstellung. Jetzt wagt sein Verlag, unterstützt von Jan Philipp Reemtsma, eine neunbändige Ausgabe Gesammelter Werke, die nach und nach erscheinen wird und die zum ersten Mal auf ein komplettes Bild aus ist. Als Gesamtherausgeberin zeichnet die in Brüssel lehrende Literaturwissenschaftlerin Irene Heidelberger-Leonard, die auch eine Biografie Amérys verfasst hat, welche im selben Verlag im Februar erscheinen wird. Die einzelnen Bände der Werkausgabe werden von Fachherausgebern betreut und dokumentiert.

Der Eröffnungsband nun versammelt zwei Meisterschriften und die posthum erschienenen Örtlichkeiten. Zwei Jahre nach Beginn des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses führte Jean Améry in den fünf Essays des Bandes Jenseits von Schuld und Sühne ein Selbstgespräch. Er beleuchtete die Bedingungen des Intellektuellen im Lager, bedachte die Erfahrung der Tortur, bestand auf seinem Recht, Ressentiments zu hegen gegen die – doch vor allem: geliebten – Deutschen, verstand sich als gelernter Heimatloser, grübelte über sein zwangsläufiges und zugleich abgelehntes Judentum nach.

Das Überstehen war ein Widersinn

Jean Améry, eigentlich Hanns Mayer, wurde 1912 in Wien geboren, wurde katholisch erzogen. Auch nach aller Erfahrung hat er sich als Jude unter Zwang gesehen, als nichtjüdischen Juden, als "den ewigen Zaungast" bestimmt: "Meine Auschwitznummer liest sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründlichere Auskunft." Er wurde geprägt von der neopositivistischen Wiener Schule, versuchte sich an einem Roman, Die Schiffbrüchigen, (der erstmals in der Werkausgabe veröffentlicht werden wird), gab 1934 eine Zeitschrift namens Die Brücke heraus, von der vier Hefte erschienen. Er wäre in die Existenz eines österreichischen Literaten hineingewachsen, aber er musste im Dezember 1938 fliehen; es verschlug ihn nach Antwerpen. Bei der Besetzung Belgiens im Mai 1940 wurde er verhaftet und ins französische Lager Gurs deportiert. Im Juni 1941 konnte er abermals fliehen, gelangte nach Brüssel. Er arbeitete in einer deutschsprachigen Widerstandsgruppe mit, wurde wegen antinazistischer Propaganda am 23. Juli 1943 verhaftet und ins Festungslager Breendonk verschleppt, dort gefoltert. Mitte Januar 1944 kam er nach Auschwitz. Er überlebte als Schreiber in einem Werk der I. G. Farben. Anfang Februar 1945 wurde er in das unterirdische Arbeitslager Mittelbau-Dora nach Thüringen verlegt. Anfang April kam er nach Bergen-Belsen, wo er zwei Wochen später befreit wurde. Er war 642 Tage in deutschen Lagern gewesen. "Das Überstehen war ein Widersinn", heißt es in aller Lakonik.

Nach dem Krieg ließ er sich in Brüssel nieder – ein lebenslanger Exilant. Mitte der fünfziger Jahre machte er aus seinem Namen "Mayer" das Anagramm "Améry" und französisierte seinen Vornamen zu "Jean". Er war mit seiner Brillanz, seiner bis ins Monologische vertieften Moralität einer der wenigen Deutsch schreibenden philosophischen Schriftsteller vor allem der siebziger Jahre und auch ein beredter Gesprächspartner, ein peripatetischer Geist.