Also auch er. Nach Theodor Schieder und Werner Conze, Otto Brunner und Hermann Aubin, Karl Dietrich Erdmann und Hans Rothfels gerät nun ein weiterer promimenter Vertreter der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 wegen seiner Verstrickungen im "Dritten Reich" ins Visier: Fritz Fischer (1908 bis 1999). Mit seinem Namen verbunden ist der erste große Historikerstreit in der Bundesrepublik – die "Fischer-Kontroverse". Ausgelöst wurde sie im Herbst 1961 durch das Buch Griff nach der Weltmacht, in dem der Hamburger Gelehrte ein lang gehegtes Tabu brach: das der deutschen Unschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

So bestechend scharf der berühmte Historiker mit der deutschen Kriegszielpolitik ins Gericht ging, so undeutlich blieben immer seine Aussagen, was den eigenen Werdegang vor 1945 anging. Zwar hat Fischer, anders als etwa Erdmann, sich nachträglich nicht zum entschiedenen Gegner des NS-Regimes stilisiert; doch hat er, der 1933 in die SA und 1937 – nach der Aufhebung der Aufnahmesperre – in die NSDAP eingetreten war, wiederholt bekannt, kein Anhänger der Nazis gewesen zu sein. Die angestrebte Laufbahn eines Hochschullehrers, schrieb Bernd Jürgen Wendt, sein Schüler und Nachfolger auf dem Hamburger Lehrstuhl, noch kürzlich, habe ihm "eine gewisse formale Anpassung" abgefordert. Doch: "Im rauschhaften politischen Massentaumel der dreißiger Jahre ist Fischer sicher distanziert unpolitisch geblieben."

Dieses Bild muss, wenn nicht alles täuscht, korrigiert werden. In der Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte (Walter de Gruyter, Berlin/New York 2003; Bd.10, H. 2, S. 224–252) veröffentlicht Klaus Große Kracht unter dem unspektakulären Titel Fritz Fischer und der deutsche Protestantismus einen Aufsatz, der für Aufsehen sorgen wird. Der junge Potsdamer Historiker hat unter anderem den seit kurzem zugänglichen Nachlass Fischers im Bundesarchiv Koblenz durchgesehen und ist dabei auf einige noch unbekannte Fakten gestoßen:

1. Fischer engagierte sich bereits in der frühen Weimarer Republik in der völkischen Jugendbewegung, ja, er war einige Jahre Mitglied in einem rechtsradikalen Freikorps, dem Bund Oberland. 2. Unter dem Einfluss seines akademischen Lehrers, des mit den Nazis sympathisierenden Berliner Kirchenhistorikers Erich Seeberg, bezog Fischer im Kirchenkampf nach 1933 Stellung zugunsten der Deutschen Christen und ihrer Bestrebungen zur Errichtung einer geeinten "Reichskirche" auf völkischer Grundlage. 3. Auch die Beziehungen Fischers zum NS-Chefhistoriker Walter Frank und seinem Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands waren offenbar enger, als bislang angenommen.

In einem Brief an Erich Botzenhart, Franks Stellvertreter, vom Oktober 1941 bedauerte es der zum Kriegsdienst eingezogene Stipendiat des Instituts, den "großen Ostfeldzug" nicht mitmachen zu können, doch freue er sich, "im Winter wieder einige Vorträge vor den Batterien halten" zu können. Themen: "das Eindringen des Judentums in Kultur und Politik Deutschlands in den letzten 200 Jahren, und: das Eindringen des jüdischen Blutes in die englische Oberschicht, und: die Rolle des Judentums in Wirtschaft und Staat der USA".

Noch entlarvender ist ein Brief vom März 1943, in dem sich Fischer bei Walter Frank für die tatkräftige Förderung seiner Berufung an die Hamburger Universität bedankte. Er zeigt deutlich, dass Fischer, wie die meisten anderen, um seiner akademischen Karriere willen bereit war, sich sehr weit auf den Nationalsozialismus und seine Ideologien einzulassen, ohne deshalb ein hundertprozentig überzeugter Nationalsozialist sein zu müssen.

Fritz Fischers große Verdienste um die westdeutsche Geschichtsschreibung nach 1945 werden durch die jüngsten Enthüllungen nicht geschmälert. Doch es bleibt die Enttäuschung, dass er, der so viel zur kritischen Revision des Geschichtsbildes beitrug, nicht den Mut aufgebracht hat, über die Brüche der eigenen Biografie sich selbst und uns Rechenschaft abzulegen.